Geht's den Vögeln gut, passt alles
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Livio Rey ist eines der bekanntesten Gesichter der Vogelwarte Sempach. Er erklärt ornithologische Themen verständlich und anschaulich. Der Naturschutzbiologe hat an der Universität Bern studiert und arbeitet als Vermittler zwischen Forschung und Gesellschaft im Bereich Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit der Vogelwarte.
Ich will wissen, wie die Vogelwarte zu so detaillierten und stets aktuellen Daten für die gesamte Schweiz gelangt. Dahinter steckt System, erklärt Livio Rey: „Über die ganze Schweiz haben wir ein Raster von 267 Planquadraten gelegt, die jeweils einen Quadratkilometer abdecken, die die Lebensräume und Höhenstufen der Schweiz repräsentativ abbilden und in denen jährlich Erhebungen stattfinden. Neben diesem Monitoring häufiger Brutvögel, erheben wir in Spezialprojekten seltener vorkommende Arten und betreiben ein spezielles Monitoring für Feuchtgebiete.“
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Die Vogelwarte Sempach
Die Schweizerische Vogelwarte Sempach ist eine der wichtigsten ornithologischen Forschungs- und Naturschutzinstitutionen Europas. Sie wurde 1924 gegründet und feierte 2024 ihr hundertjähriges Bestehen. Ursprünglich begann sie als kleine Beringungsstation zur Erforschung des Vogelzugs, heute beschäftigt sie rund 200 Mitarbeitende und arbeitet mit etwa 2000 Freiwilligen zusammen.
Die Webseite der Vogelwarte Sempach ist eine mediale Schatztruhe für Menschen, die die Natur lieben und mehr über die Vögel wissen wollen. Hier werden sämtliche 428 in der Schweiz bekannten Vogelarten vorgestellt, vom Adlerbussard bis zur Zwergtrappe. Neben sehr schönen Fotos gibt es für jede Vogelart eine ausführliche Beschreibung, Hinweise auf Eigenarten, Gefährdungsstatus und eine hochwertige Tonaufnahme des Gesangs. Zudem finden sich in der hervorragende Online-Dokumentation Diagramme zum Brutbestandsindex und ein Jahreskalender, der darüber informiert, wann die Vogelart regelmäßig in der Schweiz zu sehen ist, wann sie brütet und wie sich ggf. das Zugverhalten zeigt. Über die Seitennavigation können interessierte BesucherInnen detaillierte Karten aufrufen, um sich über die Verbreitung und die Ab- oder Zunahme von Sichtungen in der gesamten Schweiz zu informieren. Zudem bietet die Webseite die Möglichkeit, einzelne Vogelarten miteinander zu vergleichen, was bei der Bestimmung von Arten sehr hilfreich ist.
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Damit die Daten jedes Jahr verlässlich und in hoher Qualität eintreffen, greift die Vogelwarte auf ein Netzwerk von über 2.000 Freiwilligen zurück, die sich regelmäßig bei Tagungen und regionalen Treffen austauschen. „Das fachliche Niveau der Vogelbeobachtung ist bei uns sehr hoch“, freut sich der Umweltbiologe und hat noch einen weiteren Grund zur Freude: „Wir stellen fest, dass sich auch wieder mehr Jugendliche für den Vogelschutz interessieren. Das hat wohl auch mit der guten Arbeit unseres Partners BirdLife zu tun, wo gute Jugendarbeit geleistet wird“, erkennt Rey an. Die Vogelwarte Sempach arbeitet intensiv mit der international aufgestellten NGO zusammen.
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Vögel sind omnipräsent, meist possierlich, selten bedrohlich und erfreuen uns durch Schönheit und Gesang. Und sie sind wichtige Indikatoren für den Zustand von Ökosystemen. Livio Rey bringt es auf den Punkt: „Wo es den Vögeln gut geht, geht es der Umwelt gut. Und das ist in der Schweiz vor allem im Wald der Fall, den Waldvögeln geht es gut.“ Schwieriger wird es für unsere gefiederten Freunde, die Feuchtgebiete zum Überleben brauchen oder in Gebieten leben, in denen Intensivlandwirtschaft betrieben wird.
„Die Feuchtgebiete sind in der Schweiz in der Regel sehr klein, häufig isoliert und vielfältigem Druck ausgesetzt, der von mangelnder Biodynamik, Überdüngung und Pestizideintrag bis hin zu intensiver Freizeitnutzung in den dicht besiedelten tiefer gelegenen Regionen reicht“, zählt Rey auf und fährt fort: „Bei der Landwirtschaft stellen wir mehr Sensibilität fest, aber es wurden in der Vergangenheit einfach schon zu viele Kleinstrukturen ausgeräumt, Hecken und Säume entfernt und intensiviert.“
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SALTO change im Mai
SALTO change nutzt die Gelegenheit, um sich im Mai mit unseren gefiederten Freunden zu beschäftigen und mit jenen Menschen, die sich deren Schutz verschrieben haben. Wir werden ergründen, welche wichtige Rolle den Vögeln bei der Erhaltung und Förderung der Biodiversität zukommt, wie es um die Vogelwelt in Südtirol und in den Alpen bestellt ist und was wir alle unternehmen können, um die Horrorvorstellung vom „Stummen Frühling“ zu verhindern, wie Rachel Carson 1962 ihr Buch betitelte, das zu den wichtigsten Fanalen der damals entstehenden Umweltbewegung zu zählen ist.
Unsere Partner in diesem Monat sind der Dachverband für Natur und Umwelt in Südtirol, der 28 Umweltschutzorganisationen aus Südtirol und die Alpenschutzkonvention CIPRA unter seinem organisatorischen Dach versammelt und zur wirkmächtigsten Stimme der vielen ökologisch eingestellten Südtirolerinnen und Südtiroler geworden ist.
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Welche großen Trends zeichnen sich in Sachen Vogelschutz ab? Der Wissenschaftler ist vorsichtig: „Obwohl es uns seit mittlerweile 102 Jahren gibt, können wir nur die Trends der letzten 20 bis 30 Jahre recht verlässlich abbilden, seit wir eben gute Datengrundlagen haben.“ Rey zeichnet ein gemischtes Bild: „Allgemein stellen wir fest, dass Arten verschwunden sind, die Feuchtgebiete oder strukturreiches Kulturland brauchen, wie der Große Brachvogel, der Ortolan, der Rotkopfwürger oder der Raubwürger und es sind vor allem Kulturlandvögel, die abnehmen. Dann merken wir, dass viele Arten in höhere Lagen vordringen. Das hat mit dem Klimawandel zu tun, aber auch mit dem Umstand, dass höhere Lagen nicht so stark besiedelt sind. Wir sprechen da von Lagen über 1000 Meter, die es in der Schweiz gibt, in großen Teilen Europas aber nicht . Die Berge und die extensivere Landwirtschaft in den Bergen werden zum Refugium.“
„Auch wenn nie ein Auerhuhn mit einer Windenergieanlage kollidiert, kann es sein, dass ein Lebensraum verlassen wird.“
Davon betroffen sind vor allem Wiesenbrüter, zum Beispiel Braunkehlchen, aber auch Baumpieper oder Wachtelkönig. Sie waren früher in der ganzen Schweiz verbreitet, sind inzwischen im Mittelland komplett ausgestorben und kommen nur noch in den Bergen vor.
Aus aktuellem Anlass möchte ich abschließend noch erfahren, ob und wie sich Windkraftanlagen auf die Vogelpopulationen auswirken. Rey ist sachlich und eher zurückhaltend: „Wir haben keine Daten, die belegen könnten, dass es Rückgänge gibt aufgrund der Windenergie in der Schweiz. Aber als Vogelwarte sagen wir, dass man jeden Standort separat anschauen muss. Denn bei der Windenergie ist eigentlich nicht nur der Vogelschlag das Problem, sondern, dass mit der Windenergieanlage auch Lebensraum zerstört wird“, gibt Livio Rey zu bedenken: „Es wird eine Strasse gebaut, es kommt Infrastruktur hin, und das kann dazu führen, dass störungsanfällige Arten, wie das Auerhuhn, diesen Standort dann meiden. Auch wenn nie ein Auerhuhn mit einer Windenergieanlage kollidiert, kann es sein, dass ein Lebensraum verlassen wird.“
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