Wirtschaft | BIP

Der Mensch zählt nicht

Wir alle orientieren uns an Wirtschaftsprognosen, wenn wir Entscheidungen treffen.

Hinweis: Dies ist ein Partner-Artikel und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.

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Die Regierung verabschiedet ihre Haushaltsgesetze auf Basis dieser Zahlen, und die Gewerkschaften verhandeln Tarifverträge nach denselben Grundlagen. Doch wie verlässlich sind diese Zahlen wirklich?

Eine Wirtschaftsprognose ist im Grunde ein Blick in die Glaskugel, zwar wissenschaftlich verkleidet, aber letztlich eine Schätzung. ISTAT, Banca d’Italia, IWF und Europäische Kommission veröffentlichen regelmäßig ihre Einschätzungen zur wirtschaftlichen Entwicklung.

Im Mittelpunkt steht dabei stets eine einzige Zahl: das BIP-Wachstum, also wie stark die Wirtschaftsleistung eines Landes im Vergleich zum Vorjahr steigt oder fällt.

Um diese eine Zahl dreht sich die gesamte politische und öffentliche Debatte. Das eigentliche Problem ist dabei nicht, dass Prognosen danebenliegen können, denn das ist unvermeidlich und grundsätzlich verständlich.

Das Problem liegt darin, dass sie im politischen und medialen Alltag behandelt werden, als wären sie gesicherte Wahrheiten: Wie hoch darf die Neuverschuldung ausfallen? Gibt es Spielraum für Rentenerhöhungen oder Steuersenkungen? Welche Argumente sollen Gewerkschaften in den nächsten Tarifverhandlungen verwenden?

Die Antworten stehen meist bereits fest, obwohl die zugrunde liegenden Zahlen nur Annäherungen sind.

Prognosen basieren auf Vergangenheitsdaten und der Annahme, dass sich die Welt morgen ungefähr so verhalten wird wie gestern.

In stabilen Zeiten funktioniert das leidlich. In turbulenten Zeiten wie der unsrigen versagt dieses Prinzip regelmäßig.

Ein Blick in die jüngere Geschichte Italiens genügt. Vor der Finanzkrise 2008 wiesen praktisch alle Prognosen solide Wachstumszahlen aus. Was folgte, waren jahrelange wirtschaftliche Probleme, Austerität als einzige Richtschnur und übereilte Schuldenbremsen in der Verfassung.

Später hat die COVID-Pandemie das BIP 2020 um fast neun Prozent einbrechen lassen und kein einziges seriöses Modell hatte das vorausgesehen. Die anschließende Erholung verlief zwar überraschend kräftig, aber auch die darauffolgende Inflation in zweistelliger Höhe hatte kaum jemand erwartet.

Heute ist ein weiterer „Schwarzer Schwan“ nicht auszuschließen. Was gebraucht würde, sind konkrete Maßnahmen zur rechtzeitigen Gegensteuerung keine beschwichtigenden Prognosen. Energieengpässe und hohe Energiekosten könnten für die Wirtschaft verheerende Folgen haben, besonders wenn ihre Dauer unabsehbar bleibt.

Noch vor wenigen Tagen schlossen Regierungen Versorgungsengpässe und mögliche Rationierungen aus. Heute scheint genau das eine reale Möglichkeit zu sein. 

Die Regierung Meloni hat ihren letzten Haushalt zusätzlich auf Wachstumsannahmen gebaut, die unabhängige Wirtschaftsexperten bereits damals als zu optimistisch eingestuft hatten.

Der Krieg im Nahen Osten hat bereits wirtschaftliche Schäden verursacht, deren endgültige Höhe heute niemand realistisch beziffern kann. Diese hängt maßgeblich davon ab, wie lange die Straße von Hormus gesperrt bleibt. Hinzu kommt Italiens ohnehin hohe Staatsverschuldung, die den Handlungsspielraum für Gegenmaßnahmen erheblich einschränkt.

Man kann die Lage im Parlament schönreden uns aber interessiert, wie die Aussichten für die Bürgerinnen und Bürger tatsächlich sind.

Ein Kaufkraftverlust aufgrund steigender Preise ist so gut wie sicher. An der Zapfsäule ist das für alle sichtbar, aber auch das produzierende Gewerbe ist auf Energie angewiesen, und höhere Kosten werden an die Verbraucher weitergegeben.

Kommt die Spekulation noch dazu, wird das Bild noch düsterer. Was 2022 und 2023 in ganz Europa geschah als die Inflation explodierte und Löhne und Renten hinterherhinkten könnte sich wiederholen. Für Rentnerinnen und Rentner bedeutet das besonders ungünstige Ausgangsbedingungen bei den nächsten Rentenanpassungen. 

Für Italien sind diese äußeren Schocks jedoch nicht nur vorübergehende Erschütterungen, sondern treffen auf strukturelle Schwächen, die sich nicht von selbst auflösen, wenn die Weltwirtschaft wieder Fahrt aufnimmt. Produktivitätsschwäche, demografischer Rückgang, das Entwicklungsgefälle im Süden, Schattenwirtschaft und Steuerhinterziehung belasten das Land, auch in „ruhigen“ Zeiten. In einer Phase, die von international politisch und wirtschaftlich irrationalen Entscheidungen geprägt ist, multiplizieren sich diese Risiken.

Die öffentliche Debatte muss daher ehrlicher werden. Die gegenwärtige Unsicherheit muss klar benannt werden, anstatt sich hinter beruhigenden Prognosen zu verstecken.

Ebenso muss grundsätzlich anerkannt werden, dass das BIP allein nichts darüber aussagt, wie es den Menschen tatsächlich geht: ob die Jugendarbeitslosigkeit sinkt, ob der Lohnabstand zwischen Männern und Frauen kleiner wird, ob die Altersarmut zunimmt. Diese Indikatoren müssen gleichwertig neben das BIP treten.

Als Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretungen brauchen wir eine solidere wirtschaftliche Kompetenz und einen reiferen Umgang mit Statistiken und Prognosen. Eine Wirtschaftsprognose ist ein Werkzeug, nützlich, wenn man seine Grenzen kennt, gefährlich, wenn man es mit Gewissheit verwechselt.

Was wir brauchen, sind ehrlichere Einschätzungen und weniger blinder Glaube an Zahlen, die letztlich nur ein Versuch sind, die Zukunft zu erraten. Denn am Ende geht es nicht um Prozentwerte, sondern um das Leben von Millionen Menschen, die das Recht haben, dass ihre Zukunft nicht auf einem Kartenhaus aus Hoffnungen und zweifelhaften Annahmen errichtet wird.

Wirtschaft ist kein Rechenspiel, sie ist das Leben von Millionen Menschen.

Alfred Ebner