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Europa braucht neue Gas-Lieferanten

Das Ende russischer Gasexporte in die EU bis 2027 und Engpässe bei katarischen LNG-Lieferungen erhöhen den Druck auf Europa, alternative Bezugsquellen zu finden.

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Seit dem Beginn des Ukrainekriegs hat Europa seine Energieversorgung grundlegend umgebaut, was sich besonders bei den Herkunftsländern der Gasimporte zeigt. Stammten bis 2021 noch fast die Hälfte der Gasimporte aus Russland, lag der russische Anteil im Jahr 2025 nur noch bei 12 % – jeweils zur Hälfte aufgeteilt in Pipeline- und Flüssiggas (LNG). Mit 30% war Norwegen im Jahr 2025 der größte Gaslieferant in die EU-Länder. Norwegisches Gas wird zum überwiegenden Teil über Pipelines geliefert. Dicht dahinter folgen die USA mit einem Anteil von 26 % (Flüssiggas). Russland wurde als wichtigster außereuropäischer Gaslieferant von den USA abgelöst, die ihre Flüssiggas-Exporte nach Europa in den letzten vier Jahren fast verdreifachen konnten.

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Algerien liefert im Jahr 2025 10 % Gas, zum größten Teil Pipelinegas, ebenso kamen 10% Flüssiggas aus dem Vereinigten Königreich, während die Flüssiggas-Importe aus Katar 4% ausmachten. Ebenfalls 4% Pipeline Gas stammte aus Aserbeidschan und 4% kam aus diversen anderen Ländern, wie Nigeria, Angola, Trinidad und Tobago.

Im Januar 2026 beschlossen die EU-Energieminister das vollständige Aus für russisches Gas bis Ende 2027. Der Stopp erfolgt schrittweise: LNG-Importe enden 2026, Pipeline-Gas folgt bis spätestens September 2027. Bei kritischen Speicherständen ist eine kurze Verlängerung möglich. Während eine Analyse der EU-Kommission die Versorgungssicherheit ohne russisches Gas Ende 2025 noch als unbedenklich einstufte, hat sich das Blatt nur wenige Monate später gewendet. Durch den unerwarteten Wegfall der Gasexporte aus Katar wurde auch die europäische Gasversorgung getroffen. Inzwischen ist die Straße von Hormus, durch welche das Flüssiggas aus den Golfländern transportiert wird, vorerst wieder offen, doch im Irankrieg wurden die Produktions- und Verflüssigungsanlagen in Ras Laffan/Katar teilweise zerstört. Laut dem katarischen Energieminister fallen die LNG-Lieferungen nach Europa damit langfristig aus. Da der Wiederaufbau mehrere Jahre in Anspruch nehmen könnte, steht Europa vor einer weiteren Versorgungslücke.

EU: Abhängig von Flüssiggas aus den USA?

Das ursprüngliche Ziel Europas, die Abhängigkeit von russischem Erdgas durch eine breite Diversifizierung zu beenden, ist nur teilweise aufgegangen. Stattdessen ist eine neue Abhängigkeit von US-amerikanischem Flüssiggas entstanden, das mittlerweile den europäischen Flüssiggas-Markt dominiert 1/.

Die US-Gasimporte nach Europa sind seit Beginn des Ukraine-Krieges kontinuierlich gestiegen und machen nun in etwa 60 % der LNG-Importe aus, Tendenz steigend. Diese Entwicklung setzt Europa neuen geopolitischen Risiken aus: die Abhängigkeit von russischem Pipeline-Gas konnte erfolgreich überwunden werden, an ihre Stelle tritt nun -eine wachsende Importabhängigkeit von den USA.

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Die obige Grafik zeigt die monatlichen Flüssiggas-Importe der EU nach Herkunftsregion seit Januar 2020 bis Mai 2026. Während die russischen Gasimporte über Pipelines seit dem Ukrainekrieg stark zurückgingen, blieben die Lieferungen von russischem Flüssiggas an die europäischen Terminals stabil. 

Die USA forcieren den Ausbau ihrer Infrastruktur an der amerikanischen Golfküste massiv. Durch die schrittweise Inbetriebnahme und Erweiterung von Großprojekten steigen die Gas-Exportkapazitäten stark. Die US-Energiebehörde EIA prognostiziert bis 2027 einen Zuwachs der US-Gasexporte um knapp 30 Prozent. Diese zusätzlichen Volumina werden primär den europäischen Markt anvisieren, da der dortige Markt finanziell am attraktivsten ist.

Hinzu kommt, dass sich die EU vertraglich an steigende Importmengen aus den USA gebunden hat. Laut dem im Sommer 2025 vereinbarten Handelsabkommen zwischen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und US-Präsident Donald Trump wird Europa die Einfuhr von US-Energie – vor allem LNG – deutlich hochfahren. Aus Sicht Brüssels ist dieser Deal vor allem ein politisches Entgegenkommen, um angedrohte US-Strafzölle auf europäische Exporte zu verhindern.

Marktanalysen des Energie-Thinktanks IEEFA 2/ gehen davon aus, dass die USA, die  derzeit nahezu 2 Drittel der europäischen LNG-Importe abdecken, bis 2028 ihren  Anteil sogar auf bis zu 80 % steigern könnten.

Während dies kurzfristig Europas Gasversorgung sichert, warnen Ökonomen bereits vor einer neuen, einseitigen Abhängigkeit – dieses Mal nicht von Moskau, sondern von Washington. Ohne einen direkten Vergleich zwischen den USA und Russland anzustellen, lässt sich dennoch festhalten, dass die USA unter Präsident Trump aus europäischer Sicht nicht uneingeschränkt als verlässlicher Partner gelten.

Mehr Gas aus Afrika für Europa?

Weltweit sind ausreichende Gasreserven vorhanden, doch mangelt es in vielen Förderregionen noch an der notwendigen Infrastruktur für den Export. 

Angesichts des strukturellen Wandels auf dem europäischen Gasmarkt rücken afrikanische Vorkommen – auch aufgrund ihrer geografischen Nähe – verstärkt in den Fokus. Im Jahr 2025 deckte der afrikanische Kontinent bereits über 17 Prozent des europäischen Bedarfs. Während das Hauptliefervolumen aus Algerien, Nigeria und Angola stammte, trugen auch Länder wie Äquatorialguinea, Kamerun, die Republik Kongo sowie das mauretanisch-senegalesische Grenzgebiet zur Versorgung bei. 

Obwohl Experten dem afrikanischen LNG-Sektor ein enormes Potenzial zuschreiben, verweisen sie auf komplexe Herausforderungen vor Ort – allen voran die immensen Investitionskosten für den Bau von Gasverflüssigungsanlagen. Dennoch wird Flüssiggas aus Afrika in Zukunft eine immer wichtigere Rolle in Europa spielen.

Eine weitere Zukunftsoption ist der Import von Gas aus Zypern. Die Insel verfügt vor ihrer Küste über beträchtliche Vorkommen. Um diese Ressourcen nach Europa zu exportieren, setzen QatarEnergy und ExxonMobil auf eine Kooperation mit Ägypten, über dessen Infrastruktur das Offshore-Gas transportiert werden soll. 

Aserbaidschan liefert über den Südlichen Gaskorridor (v. a. via TAP-Pipeline nach Italien) aktuell etwa 4 % des EU-Gases. Ein bestehende Absichtserklärung zwischen der EU und Asebeidschan sieht vor, die Kapazitäten dieser Pipeline in den kommenden Jahren schrittweise zu verdoppeln. 

Die Entwicklung der Gaspreise in Europa

Die Blockade der Straße von Hormus – über die rund 20 Prozent des weltweiten Gases exportiert werden – hat die Gaspreise seit März massiv in die Höhe getrieben. Da die Route blockiert war, fielen die Lieferungen aus Katar, dem nach den USA und Australien weltweit drittgrößten Exporteur von Flüssiggas (LNG), komplett aus. Dies traf vor allem den asiatischen Markt, hatte jedoch auch spürbare Auswirkungen auf Europa. Inzwischen ist die Straße von Hormus vorerst wieder geöffnet, doch die Gasverflüssigungsanlage Ras Laffan in Katar wurde im Zuge des Krieges teilweise zerstört. Laut QatarEnergy könnten die Reparaturarbeiten zwei bis fünf Jahre dauern. Europa wird daher bis auf Weiteres kein Gas aus Katar erhalten. Die Gaspreise haben sich inzwischen zwar ein Stück weit stabilisiert, übersteigen das Vorkriegsniveau aber immer noch beträchtlich.

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Als wichtigster Referenzpreis für den europäischen Gashandel wird der TTF-Gaspreis (Title Transfer Facility) in Euro pro Megawattstunde (€/MWh) an der Amsterdamer Energiebörse notiert. Mit aktuell etwas über 40 €/MWh liegt er rund 10 Euro über dem Niveau des zweiten Halbjahres 2025. Da es sich um einen reinen Großhandelspreis handelt, wird der TTF nicht von Privatpersonen genutzt, sondern dient als Handelsplattform für Energiekonzerne, Großhändler, Stadtwerke und die Industrie.

Warum sind die Gaspreise derzeit hoch?

1. Geringe Speicherstände: 

Weil die Gasspeicher in Europa aktuell nur einen Füllstand von rund 40–43 % aufweisen (Vorjahr: über 50 %), gerät der Markt unter Zugzwang: Um die gesetzlichen Vorgaben bis November zu erfüllen, muss zügig eingespeichert werden. Diese hohe Nachfrage lässt die Preise steigen.

2. Globale Flüssiggas-Konkurrenz

Aufgrund von Lieferengpässen und geopolitischen Spannungen im Nahen Osten – insbesondere rund um die Straße von Hormuz – hat sich die Zuverlässigkeit von LNG aus Katar verringert. Um dies auszugleichen, weicht Europa verstärkt auf den Spotmarkt 3/ aus. Dort steht es in direktem Wettbewerb mit asiatischen Käufern, was die Preise nach oben treibt.

3.Risikoaufschlag für den Winter 2026/27: 

Angesichts des bevorstehenden endgültigen Verzichts auf russisches Pipeline-Gas sichern sich Energieverrger bereits frühzeitig Liefermengen für das Jahresende. Diese vorausschauende Beschaffung stützt das aktuelle Preisniveau.

 

Zukunftsaussichten

Für die Industrie und für die privaten Haushalte steht fest: Unabhängig von den geopolitischen Entwicklungen im Mittleren Osten ist die Ära des preisgünstigen Gases mit dem Ende russischer Pipeline-Lieferungen vorbei. Da das russische Gas primär durch deutlich kostenintensiveres Flüssiggas (LNG) 4/ ersetzt wird, haben sich die Gaspreise auf einem neuen, höheren Niveau eingependelt. 

Eine Senkung der Steuerkomponente im Gassektor würde die Gaspreise und auch die eng damit gekoppelten Strompreise dämpfen. Aufgrund der prekären Haushaltslage und der hohen Verschuldung vieler europäischer Staaten ist jedoch nicht mit signifikanten Steuersenkungen zu rechnen.

Die Verwundbarkeit Europas gegenüber Lieferunterbrechungen bleibt eine strukturelle Herausforderung. Um gegen künftige Engpässe besser gewappnet zu sein, ist eine stärkere Diversifizierung der europäischen Gasimporte unumgänglich.

1/ Bereits unter Präsident Obama lehnten die USA die Gaspipeline Nord Stream 2 ab. Sie befürchteten eine zunehmende Abhängigkeit Europas von russischem Gas und eine Schwächung der Ukraine in ihrer Rolle als Transitland. In Trumps erster Amtszeit folgten Sanktionen gegen die am Bau von Nordstream 2 beteiligten Firmen. Parallel dazu bauten die USA jedoch eigene Exportkapazitäten auf, für die Europa der ideale Absatzmarkt war. Durch die kriegsbedingte Abkehr von russischem Gas hat sich die europäische Importabhängigkeit nun maßgeblich in Richtung der USA verlagert.

2/ Das IEEFA (Institute for Energy Economics and Financial Analysis) ist einer der weltweit einflussreichsten Thinktanks, wenn es um die Schnittstelle zwischen Energie, Finanzen und Klimawandel geht

3/ Der Gas-Spotmarkt ist der Handelsplatz für den kurzfristigen Kauf und Verkauf von Gas.

4/ Flüssiggas (LNG) ist aus mehreren Gründen teurer als Pipelinegas: 

Da die Verflüssigung des Erdgases (auf minus 161 °C) extrem energieintensiv ist, gehen bereits beim Verladen 10 bis 15 Prozent des Rohstoffs verloren. Das verteuert die verbleibende Liefermenge.

Die LNG-Logistik benötigt eine teure Spezial-Infrastruktur aus Export-Verflüssigungsanlagen, Kühl-Tankschiffen für den Seeweg und Import-Regasifizierungs-Terminals am Zielort.

Während Pipelines Produzenten und Käufer starr aneinanderbinden, sind LNG-Tanker flexibel. Sie steuern den weltweit profitabelsten Markt an, weshalb Europa im ständigen Bieterwettbewerb mit der asiatischen Konkurrenz (wie China oder Japan) die Preise nach oben treibt.