„Keiner kann mehr allein unterwegs sein“
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Jetzt S+ abonnierenEs sind bestimmte Werte, die Genossenschaften krisenfester erscheinen lassen: Sie sind regional verwurzelt, am Gemeinwohl orientiert und stellen den Menschen ins Zentrum. Doch auch sie müssen sich an die geopolitischen Spannungen, steigenden Kosten und den zunehmenden Personalmangel anpassen. „Keiner kann mehr allein unterwegs sein“, sagt Monica Devilli, Präsidentin von Coopbund Alto Adige Südtirol.
Gemeinsam mit dem Raiffeisenverband Südtirol und der Federazione Trentina della Cooperazione hat Coopbund deshalb einen Dialog- und Kooperationsprozess begonnen. Der offizielle Titel lautet „Genossenschaftliche Zukunft gemeinsam gestalten“. Hinter der zunächst etwas abstrakt klingenden Initiative stehen durchaus konkrete Probleme.
Das zeigt auch das jüngste Wirtschaftsbarometer des WIFO der Handelskammer Bozen. Besonders landwirtschaftliche Genossenschaften kämpfen mit höheren Energie-, Verpackungs- und Transportkosten, einer schwächeren Nachfrage und unsicheren Exportmärkten. Im Weinbau rechnet ein Drittel der Kellereigenossenschaften 2026 mit einer ernüchternden Ertragslage.
Kein Leichtes für die Landwirtschaften
Christian Tanner vom Raiffeisenverband möchte im Gespräch mit SALTO dennoch nicht von einer Krise sprechen. Aber er räumt ein, dass sich die Rahmenbedingungen deutlich verändert hätten. Die Kosten seien stark gestiegen, gleichzeitig hätten die Konsumentinnen und Konsumenten weniger Geld. Marktlage und begrenzte Kaufkraft seien also schwere Bedingungen.
Auch bei der Wertschöpfung seien die Möglichkeiten nicht unbegrenzt. Viele produzierende Genossenschaften hätten bereits einen hohen Veredelungsgrad erreicht, da sei nicht mehr viel Spielraum nach oben. Hinzu kämen die geopolitische Unsicherheit, schwer planbare Handelsbedingungen und Veränderungen im Konsumverhalten, wie etwa der rückläufige Weinkonsum.
„Es sind Zeichen da, die Reaktionen erfordern“, sagt Tanner. Entscheidend sei, dass sich die Tätigkeit am Ende weiterhin für die Produzenten lohne. Andernfalls drohten die Folgen weit über die Landwirtschaft hinauszugehen. Diese produziere nicht nur Lebensmittel, sondern erhalte auch unsere Kulturlandschaft, von der wiederum der Tourismus profitiere.
Auch soziale Genossenschaften müssen sich verändern
Monica Devilli stellt klar, dass ein allgemeiner Veränderungsdruck herrsche. Produkte und Dienstleistungen müssten angepasst werden, wenn sich die Bedürfnisse der Gesellschaft oder die Nachfrage am Markt veränderten. Aufgabe der Verbände sei es, die Genossenschaften bei solchen Innovations- und Veränderungsprozessen zu begleiten.
Ein besonders großes Problem sei die Unternehmensnachfolge. Seit fünf oder sechs Jahren werde darauf hingewiesen, dass immer weniger Menschen bereit seien, Verantwortung zu übernehmen. Das betreffe nicht nur die operative Arbeit, sondern auch die Besetzung der Vorstände. Zugleich sieht sie Chancen, junge Menschen für das Genossenschaftsmodell zu gewinnen. Werteorientierung, Mitbestimmung und die Möglichkeit, zugleich Arbeitnehmer und Mitunternehmer zu sein, könnten zu den Erwartungen einer Generation passen, für die die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben eine größere Rolle spielt.
Allerdings müsse das Modell besser erklärt werden. Noch immer bestehe das Vorurteil, Genossenschaften würden hauptsächlich von öffentlichen Beiträgen leben. Tatsächlich müssten auch sie sich am Markt behaupten und ihre Unternehmen eigenständig weiterführen.
Genossenschaften zu klein?
Was bringt nun aber der interregionale Austausch konkret? Der Austausch mit dem Trentino könnte zum Beispiel auch bei der Frage helfen, welche Größe Genossenschaften künftig benötigen. Während Coopbund und Raiffeisenverband zusammen rund 600 Genossenschaften vertreten, zählt die Trentiner Föderation etwas mehr als 400, erklärt Devilli. Diese seien im Durchschnitt jedoch größer, auch weil es im Trentino mehr Zusammenschlüsse gegeben habe. Eine Strategie, von der auch Südtiroler Genossenschaften lernen könnten. Diese seien meist individueller organisiert, erklärt Devilli. „Fusionen sind hier oft schwieriger, weil viele an ihrer eigenen Idee und ihrer Eigenständigkeit festhalten wollen. Langfristig könnten größere Strukturen aber notwendig werden“, so die Präsidentin.
Ziel der interregionalen Zusammenarbeit zwischen den Verbänden sei jedoch nicht, Fusionen vorzugeben. Südtirol könne aber von den Erfahrungen des Trentino lernen: Wie wurden Zusammenschlüsse organisiert? Welche Schwierigkeiten gab es? Und wie lässt sich die Eigenständigkeit der einzelnen Genossenschaften trotz größerer Strukturen bewahren?
Auch Tanner verweist auf den praktischen Nutzen der regionalen Zusammenarbeit. Manche Bestimmungen werden auf Ebene der Region geregelt und können nur gemeinsam verändert werden. Zudem ähnelten sich viele Herausforderungen dies- und jenseits der Salurner Klause. Statt dieselben Probleme zweimal und womöglich in unterschiedliche Richtungen zu bearbeiten, könne man gemeinsame Lösungen entwickeln und die Stärken der einzelnen Verbände nutzen.
Coopbund, Raiffeisenverband und die Trentiner Föderation sollen dabei eigenständig bleiben. Der neue Dialog ist zunächst ein Rahmen für den Austausch von Wissen und für gemeinsame Positionen gegenüber Politik und Institutionen.