Gesellschaft | Medien und Gewalt

„Es gibt keinen Raptus“

Inwiefern unterscheidet sich die Femizidberichterstattung in den deutsch- und italienischen Medien Südtirols? Und wie sollten Femizide nicht medial dargestellt werden? Erkenntnisse einer Masterarbeit, 2. Teil.
Bild: Manuela Tessaro

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Die Untersuchung der Femizidberichterstattung in den Südtiroler Medien ist durch eine Tatsache besonders spannend: Die Minderheitensituation erlaubt einen Vergleich der deutsch- und italienischsprachigen Berichterstattung in demselben Gebiet und damit auch über dieselben lokalen Femizide.

Wissenschaftliche Arbeiten zur Gewalt gegen Frauen

Gewalt gegen Frauen ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Allein im Sommer 2026 wurden in Italien acht Frauen von ihren Partnern oder Ehemännern getötet. Währenddessen berichten Journalistinnen über Hass im Netz, den sie tagtäglich erleben. In dieser dreiteiligen Reihe präsentieren die SALTO-Autorinnen Valentina Kuen und Anna Huez Hölzl die Erkenntnisse ihrer Bachelor- und Masterarbeiten. Kuen hat sich mit dem Phänomen der Gewalt gegen Journalistinnen auseinandergesetzt, Huez Hölzl widmete sich der Berichterstattung über Femizide.

SALTO

Die Präsidentin der Journalistenkammer Trentino-Südtirol, Sandra Bortolin, meinte im SALTO-Interview, dass sich eine pauschale Unterscheidung zwischen deutsch- und italienischsprachigen Medien in Südtirol schwer machen lasse. „In manchen Fällen gibt es Verstöße in deutschsprachigen Medien, in anderen Fällen in italienischsprachigen. Das ist keine Frage der Volksgruppe oder Ethnizität, sondern hängt vom einzelnen Individuum ab“, sagt Bortolin. Und es betreffe nicht nur männliche Journalisten – auch Kolleginnen hätten schon Fehler gemacht. „Aber insgesamt hat sich die Lage in Südtirol deutlich verbessert“, betont Bortolin.

Sandra Bortolin (rechts) im Gespräch mit den SALTO-Redakteurinnen Anna Huez Hölzl (Mitte) und Valentina Kuen (links):: „Lange dominierten Schlagzeilen wie ‚Er tötete sie in einem Affekt aus Eifersucht‘. Doch ein ‚Raptus‘ – eine spontane Wuttat – existiert bei Femiziden faktisch nicht.“ SALTO/Martin Hanni

Die Methode

Für ihre Masterarbeit hat unsere Autorin Anna Huez Hölzl die Berichterstattung zu den Femiziden an Alexander Riffeser, Barbara Rauch und Celine Frei Matzohl in den Südtiroler Printmedien und Online-Nachrichtenplattformen analysiert. Ziel war es durch eine Frameanalyse herauszuarbeiten, wie Femizide dargestellt („geframed“) werden. Insgesamt wurden 74 Artikel von 2018, 2020 und 2023 analysiert.

Einige kleine, aber feine Unterschiede zwischen den deutsch- und italienischsprachigen Medien gab es in den untersuchten Berichten tatsächlich: Grundsätzlich dominiert sowohl in der italienischsprachigen als auch in der deutschsprachigen Berichterstattung der Südtiroler Medien das episodische Framing, in dem Femizide als Einzelfälle dargestellt werden. Aber das thematische Framing nimmt in der italienischen Berichterstattung verhältnismäßig eine etwas bedeutendere Rolle ein. Das zeigte sich insbesondere durch die stärkere Nutzung des Fachbegriffs für Femizid („femminicidio“) in der italienischsprachigen Berichterstattung.

SALTO/Alin Sellemond

Die untersuchten deutschsprachigen Berichte tendieren im Vergleich zu den italienischsprachigen zu einer etwas sensationalistischere Sprache: Die häufige Nutzung der Begriffe „Bluttat“ und „Mord“ und die Darstellung als überraschendes Einzelereignis tragen dazu bei. Aber das bedeutet nicht, dass in der italienischsprachigen Berichterstattung gar keine sensationalistischen Elemente vorhanden sind: Dort kommen vermehrt Tatdetails und das Tatmotiv unerwiderter Liebe vor. Das Tatmotiv Eifersucht ist in den untersuchten Artikeln beider Berichterstattungen präsent.

„Es gibt keine Leidenschaftstat“

Bortolin sieht vor allem die Abkehr von voyeuristischen Verharmlosungen als zentrale Entwicklung: „Lange dominierten Schlagzeilen wie ‚Er tötete sie in einem Affekt aus Eifersucht‘. Doch ein ‚Raptus‘ – eine spontane Wuttat – existiert bei Femiziden faktisch nicht. Es geht um ein Machtverhältnis: Ein Mann akzeptiert nicht, dass eine Frau frei über ihr eigenes Leben entscheidet.“ Das gleiche gelte für die berüchtigte Täter-Opfer-Umkehr (victim blaming) durch Formulierungen wie „Sie wollte ihn verlassen‚“ oder „Sie hatte ihn betrogen‘“. Die Schuld wurde beim Opfer gesucht – oft aus einer unreflektierten Haltung der Journalistinnnen und Journalist heraus.

Bortolin über die Femizidberichterstattung in Italien, hier im SALTO-Podcastraum: „Ausrutscher gibt es leider immer noch, besonders wenn ein großes Verbrechen geschieht.“ SALTO/Martin Hanni

Bezüglich dieser beiden Aspekte brachte die Frameanalyse der untersuchten Artikel erfreuliche Ergebnisse hervor: Die Darstellung als „Raptus“ war zwar in den Berichten von 2018 noch prägend, kam in den Berichten von 2020 und 2023 hingegen praktisch gar nicht mehr vor. Das Victim Blaming spielte überhaupt keine bedeutende Rolle in der untersuchten Südtiroler Berichterstattung.

Ein Blick auf die Datenlage

In Südtirol gab es zwischen 1992 und heute 35 Femizide. Allein zwischen 2020 und 2023 kam es zu 8 Femiziden in der norditalienischen Provinz. Jene achte Frau war Celine Frei Matzohl, seitdem kam es in Südtirol zu keinem Femizid mehr. Dass es seit 2023 keinen weiteren Fall gab, bedeutet allerdings keine Entwarnung: Laut den ASTAT-Erhebungen wandten sich allein im Jahr 2024 832 Frauen an die Südtiroler Gewalt-Beratungsstellen – das stellt einen neuen Höchststand dar. 

Laut den Daten des italienischen Innenministeriums wurden im Jahr 2025 insgesamt 97 Frauen in Italien ermordet, davon 85 von einer Person aus dem familiären oder partnerschaftlichen Umfeld. Beide Daten sind im Vergleich zum Vorjahr leicht rückläufig. Hingegen gleichgeblieben ist die Zahl der Frauen, die direkt vom Partner oder Ex-Partner ermordet wurden: 62 Frauen, sowohl 2025 als auch 2024.

Dass Medien heute vorsichtiger formulieren, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrelanger Sensibilisierungsarbeit und klarer Standesregeln. Seit Juni 2025 ist die gendersensible Berichterstattung auch im einheitlichen Verhaltenskodex (Codice deontologico) der italienischen Journalistenkammer verankert. 

„Unsere Pflicht als Medienschaffende ist es, wahrheitsgetreu, zurückhaltend und vor allem respektvoll zu berichten.“

Verstöße – wie die Offenlegung von Details, die die Identität der Opfer oder Hinterbliebenen preisgeben – können von der nationalen oder regionalen Kammer sowie dem Disziplinarrat geahndet werden. „Ausrutscher gibt es leider immer noch, besonders wenn ein großes Verbrechen geschieht“, berichtet Bortolin. Dann gehe manchmal mit einzelnen Journalistinnen und Journalisten die Fantasie durch. „Bürgerinnen und Bürger haben ein Recht auf Information“, betont Bortolin. „Aber unsere Pflicht als Medienschaffende ist es, wahrheitsgetreu, zurückhaltend und vor allem respektvoll zu berichten.“

Aufklärung ist alles: Für die effektive Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt ist die Information durch Medien von großer Bedeutung. Seehauserfoto

Weitere Verbesserungen möglich

Wie auch von Bortolin beschrieben, gab es in der Südtiroler und italienischen Femizidberichterstattung in den letzten zehn Jahren bereits positive Entwicklungen. Außerdem ist anzumerken, dass eine komplett thematische Berichterstattung sowieso unmöglich ist, da Journalismus berichtet, was tagesaktuell passiert und einige episodische Elemente deswegen gezwungenermaßen immer vorhanden sein werden. Trotzdem wäre eine noch stärkere Thematisierung der sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhänge in der Südtiroler Berichterstattung über Femiziden wünschenswert, vor allem bei deutschsprachigen Medien die Nutzung des Fachbegriffs „Femizid“. 

Insbesondere Journalistinnen und Journalisten sollten sich bewusst sein, dass Femizide kein tragischer Einzelfall, sondern ein Systemversagen sind. Nur so kann die Südtiroler Leserschaft noch besser über die gesellschaftlichen Zusammenhänge bei geschlechtsspezifischer Gewalt aufgeklärt werden.

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