Gesellschaft | Medien und Gewalt

„Femizidbegriff einführen war schwierig“

Femizide sind kein tragischer Einzelfall, sondern Systemversagen. Für meine Masterarbeit wollte ich wissen: Macht die Südtiroler Berichterstattung das auch spürbar? Sandra Bortolin, Präsidentin der Journalistenkammer Trentino-Südtirol, sieht erste Besserungen.
Bild: Pexels/semprepiusu03

Dieser Artikel ist für dich kostenlos. Unabhängiger Journalismus in Südtirol braucht aber deine Unterstützung. Wir würden uns daher freuen, wenn du ein SALTO Abo abschließen würdest. Vielen Dank!

Jetzt S+ abonnieren

Als ich zwei Tage nach dem Femizid an Celine Frei Matzohl zusammen mit einer Journalistin und einem Kameramann vor dem Haus stand, in dem die junge Frau ermordet wurde, kam mir ein unerwarteter Gedanke: Alles sah so ruhig und normal aus. Der Straßenabschnitt in Schlanders hätte in jedem anderen Dorf in Südtirol sein können. Das Einzige, was nicht ins Bild passte, waren die zwei Carabinieri vor dem Mehrfamilienhaus und das flackernde Licht einer Trauerkerze vor der Haustür.

Ich war im Sommer 2023 Praktikantin bei RAI Südtirol. An jenem 14. August durfte ich das Team begleiten, das den Bericht für die Abendnachrichten lieferte. Celine wäre zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre jünger gewesen als ich, hätte sie nicht ihr Ex-Freund am Wochenende zuvor getötet.

Wissenschaftliche Arbeiten zur Gewalt gegen Frauen

Gewalt gegen Frauen ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Allein im Sommer 2026 wurden in Italien acht Frauen von ihren Partnern oder Ehemännern getötet. Währenddessen berichten Journalistinnen über Hass im Netz, den sie tagtäglich erleben. In dieser dreiteiligen Reihe präsentieren die SALTO-Autorinnen Valentina Kuen und Anna Huez Hölzl die Erkenntnisse ihrer Bachelor- und Masterarbeiten. Kuen hat sich mit dem Phänomen der Gewalt gegen Journalistinnen auseinandergesetzt, Huez Hölzl widmete sich der Berichterstattung über Femizide.

SALTO

Am Ende dieses Arbeitstages hatten sich bei mir zwei Erkenntnisse verfestigt: Wenn selbst bei uns – im Zentrum einer vermeintlich aufgeklärten Welt – eine Frau in ihrem eigenen Umfeld nicht sicher ist, dann ist sie es nirgendwo. Und zweitens wurde mir bewusst, welch eine große Verantwortung die Journalistinnen und Journalisten haben, die darüber berichten. Ein Femizid ist kein tragischer Einzelfall, sondern Symptom eines systemischen Versagens. Genau das muss in der Berichterstattung auch spürbar werden.

Als ich mir knapp ein Jahr später ein Thema für meine Masterarbeit überlegen sollte, fiel mir jener Praktikumstag wieder ein. Die emotionalen Eindrücke und der Einblick in den journalistischen Arbeitsprozess inspirierten mich dazu, mich aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive mit der Thematik zu beschäftigen. Denn wie eine kurze Literaturrecherche bestätigte, ist die Identifikation der Femizide als ein größeres soziales Problem ein wichtiger Schritt zur Bekämpfung des Phänomens und dabei spielt die Berichterstattung der Medien eine wichtige Rolle.

Der wissenschaftliche Hintergrund

Die sogenannten Gender Media Studies bieten einen Rahmen für all jene wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit der Aushandlung von Geschlecht in den Medien befassen. Grundlegend ist dabei eine Annahme, die die Theoretikerin Judith Butler bereits 1990 formulierte. Sie geht davon aus, dass die Kategorie Geschlecht eine gesellschaftliche Konstruktion ist. Mit der Zuordnung zum binären System „Mann/Frau“ werden zudem Machtverhältnisse reproduziert. Medien werden zum Raum, in dem diese Aushandlungen von Geschlecht stattfinden.

Aus diesem Grund stand im Zentrum meiner wissenschaftlichen Arbeit die Frage, wie die Femizide in der Südtiroler Berichterstattung dargestellt werden: Als Einzelfälle oder systemisches Problem? 

Zwischen Sprache und Verhaltenscodex

Die Notwendigkeit einer sensibleren Berichterstattung wurde Mitte der 2010er-Jahre auch einigen italienischen Journalistinnen und Journalisten selbst bewusst. Sie beschlossen, konkrete Schritte zu setzen – unter ihnen Sandra Bortolin, die heutige Präsidentin der Journalistenkammer Trentino-Südtirol. Sie gehört auch zu den Mitbegründerinnen von GIULIA (GIornaliste Unite LIbere Autonome): Das italienische Journalistinnen-Netzwerk setzt sich seit 15 Jahren für eine geschlechtergerechte Sprache und eine differenzierte Berichterstattung in den Redaktionen ein.

Sandra Bortolin im Gespräch mit den SALTO-Redakteurinnen Anna Huez Hölzl und Valentina Kuen: „Es scheint heute unvorstellbar, aber es war extrem schwierig, den Begriff ‚Femizid‘ durchzusetzen – also zu vermitteln, dass die Tötung einer Frau ein geschlechtsspezifisches Verbrechen ist“, sagt Bortolin. SALTO/Martin Hanni

„Wir spürten damals die dringende Notwendigkeit, endlich bei der Sprache anzusetzen, da jene in den Medien Gewalt oft verharmloste“, erklärt Bortolin im Gespräch mit SALTO. „Schließlich ist das Wort das Werkzeug unseres Berufs. Wir hatten die Stereotype satt – denn was man nicht benennt, existiert nicht.“ Einer der Schwerpunkte war es, den Begriff „Femizid“ im Sprachgebrauch der Redaktionen zu etablieren: „Damals gab es noch viel Spott von Kollegen. Uns war aber wichtig zu vermitteln, dass die Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts kein normales Verbrechen ist, sondern eine gesellschaftliche Komponente hat.“

„Es gibt heute ein ganz anderes Bewusstsein für die Sprache.“

Um Redaktionen Orientierung zu geben, beteiligte sich GIULIA 2017 an der Ausarbeitung des Manifesto di Venezia – einem Verhaltenskodex für Berichterstattung über geschlechtsspezifische Gewalt. „Das war ein sehr wichtiger Schritt, weil sich die Unterzeichnenden damit zu einer verantwortungsvollen Berichterstattung verpflichteten“, meint Bortolin. Im Vergleich zu damals stellt sie eine deutliche Verbesserung der Femizidberichterstattung in Italien fest: „Sowohl auf nationaler als auch auf lokaler Ebene haben das Manifesto di Venezia und die Fortbildungskurse der Kammer in den letzten zehn Jahren Früchte getragen haben“, so Bortolin. Es gebe heute ein ganz anderes Bewusstsein für die Sprache. Zu einem ähnlichen Fazit kam ich auch durch die Ergebnisse meiner Masterarbeit.

Die Südtiroler Berichterstattung im Zeitverlauf

An dieser Stelle ist wichtig anzumerken, dass die Studienergebnisse nicht zwingend repräsentativ sind: Es wurden nur drei Fallbeispiele und auch die Berichterstattung zeitlich begrenzt untersucht. SALTO/Alin Sellemond

Die qualitative Inhaltsanalyse der Berichterstattung der drei gewählten Fälle zeigte zu allen drei Zeitpunkten – leider – die Dominanz eines Framings, dass die Femizide als Einzelfall und ohne jedweden gesellschaftlichen Zusammenhang darstellt: Der Femizid als „gewöhnlicher“ Mord, der mit einer sensationalistische, detailreiche und emotionale Sprache beschrieben wird. Diese Art der Berichterstattung kritisiert auch Bortolin mit klaren Worten: „Es ist nicht notwendig, eine Tat bis ins kleinste blutige Detail auszuschmücken. Die Berichterstattung muss der Wahrheit entsprechen, darf aber nicht maßlos sein.“ 

Die Methode

Für ihre Masterarbeit hat unsere Autorin Anna Huez Hölzl die Berichterstattung zu den Femiziden an Alexander Riffeser, Barbara Rauch und Celine Frei Matzohl in den Südtiroler Printmedien und Online-Nachrichtenplattformen analysiert. Ziel war es durch eine Frameanalyse herauszuarbeiten, wie Femizide dargestellt („geframed“) werden. Insgesamt wurden 74 Artikel von 2018, 2020 und 2023 analysiert.

Doch im Zeitverlauf fiel auch eine leichte Tendenz zu einer sensibleren Berichterstattung auf: Etwa nahm die Bezeichnung der Tat als „Femizid“, „Frauenmord“ oder „femminicidio“ in den späteren Berichten zu, während die 2018 noch vorhandene Darstellung als Beziehungstat verschwand. Außerdem war die Einordnung von Femiziden als gesellschaftliches Problem – etwa durch die Anprangerung eines gesellschaftlichen Versagens oder statistische Angaben zu bisherigen Femiziden später stärker präsent. Gleiches gilt für das Versagen des Justizsystems: Dabei geht es zumeist um die Thematisierung einer Anzeige gegen den späteren Täter, wobei es aber trotzdem zum Femizid kam. Doch trotz positiver Ansätze blieb die Darstellung zu allen Zeitpunkten hauptsächlich episodisch.

Inwiefern sich die deutsch- und italienische Berichterstattung in Südtirol bezüglich Femiziden unterscheiden und welche Schlüsse daraus zu ziehen sind können Sie in Teil 2 des Artikels lesen. Dieser wird morgen auf SALTO erscheinen.

SALTO-Artikel in der Google-Suche bevorzugt anzeigen lassen