Tirol und Dialekt
Foto: Südtiroler Schützenbund, Pixabay/ Montage: SALTO
Gesellschaft | Sie haben gut reden

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Dialekt als „Sprache der Nähe“, oder: Wie wir die Distanz zwischen Hirn und Hintern verkürzen.
  • Manche Landtagsabgeordneten möchten im Landtag Dialekt sprechen, anstatt Hochdeutsch. Es geht nicht nur um die cause célèbre Hannes Rabensteiner von der Südtiroler Freiheit, die Debatte zieht sich schon seit Jahren. Die Vorliebe für den Dialekt ist wohlgemerkt kein Merkmal der Konservativen. Schließlich waren Leuchtfiguren der extremen Linken wie de André oder Pasolini große Erneuerer des Dialekts. 

    Umgekehrt plädiert die heimatverbundene Eva Klotz für den Gebrauch der „Standardsprache“ im Landtag, der Verständlichkeit und des Respekts wegen. Auch ultrakonservativen Politikern des 19. Jahrhundert in Tirol, wie Giovanelli, Di Pauli und Brandis wäre es niemals in den Sinn gekommen, in ihrer politischen Repräsentanz Dialekt zu sprechen. 

    Man könnte einwenden: Diese Herren waren allesamt Stodtfockn. Ich entgegne: Der Bauernfürst Durnwalder hatte alle Mundarten zu seinem Tiroler Esperanto verklebt, wie man Brot und Eier zu einem Knödel knetet. Das Resultat hatte immerhin den Anschein der Schriftsprache. Der gute Wille war da. Heute fehlt der Wille. Und das Verständnis. 

     

    Mit dem Dialekt wird eine Nähe suggeriert, die in Wahrheit nicht existiert.

     

    Tatsächlich werden wir immer cooler: Die gestelzte französische Courtuasie wich zuerst der deutschen Artigkeit, dann der britischen politeness, schließlich der amerikanischen coolness. Heute findet es niemand seltsam, dass ein knapp 80jähirger Staatspräsident in den USA wie ein Frühpubertierender mit Schildkappe herumläuft und dass der italienische Verkehrsminister, einem kleinen Mädchen gleich, bunte Freundschaftsbändchen trägt. 

    Wir sind aber nicht Freunde. Vielmehr wird mit dem Dialekt eine Nähe suggeriert, die in Wahrheit nicht existiert. Die Soziolinguistin Barbara Soukup schreibt in diesem Sinne: „Dialekt ist die Sprache der Nähe“.  Und weil wir Nähe suchen, möchten wir alle Zwischenstufen eliminieren, die nah von fern trennen: So wie das höfliche Sie zwischen Fremdheit und naher Beziehung, den Beamten zwischen Bürger und Staat, den Händler zwischen Käufer und Ware, den Priester zwischen Mensch und Gott, den Eingangsbereich der Wohnung zwischen innen und außen, schließlich die Schriftsprache als Vermittlerin zwischen privater Unterhaltung und öffentlicher Rede. 

    Ich habe Sie überzeugt und Sie möchten nun nach der Schrift sprechen? Sie wissen aber nicht wie? Als erfahrener Rhetoriktrainer kann ich Ihnen helfen: Schieben Sie sich eine Zitronenscheibe zwischen die Backen ihres Hinterns, automatisch wird der Schließmuskel zusammengezogen: Tröten Sie los und Sie werden ihre Aussprache kaum wiedererkennen! Alle im Landtag werden ihre Gesetzesvorschläge zumindest verstehen.