Chronik | Armut

Arm und doch im Überfluss leben

Das Paradox der Armut. Ein Land, das offiziell arm ist, aber Milliarden verspielt.

Hinweis: Dies ist ein Partner-Artikel und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.

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Es gibt ein Land, in dem jeder zweite Bürger offiziell kaum etwas verdient. Ein Land, in dem elf Millionen Menschen laut Steuererklärung mit durchschnittlich 312 Euro im Monat auskommen. Stellen Sie sich vor, dass dieses Land gleichzeitig auf Platz vier der Weltrangliste für Schönheitsoperationen steht und seine Bürger jährlich 157 Milliarden Euro für Glücksspiele ausgeben. Auch das ist Italien. 

Die Zahlen sind ernüchternd. Von 58,9 Millionen Einwohnern geben 42,8 Millionen eine Steuererklärung ab. Tatsächlich Einkommensteuer zahlen davon lediglich 34 Millionen. Das bedeutet: Fast die Hälfte der Bevölkerung trägt faktisch nichts zum Staatshaushalt bei, nutzt aber Schulen, Krankenhäuser und Infrastruktur wie alle übrigen Einwohner.

Noch schärfer wird das Bild, wenn man sich anschaut, wer die Last tatsächlich trägt. Gerade einmal 18,78 Prozent der Steuerzahler – jene mit einem jährlichen Einkommen von über 35.000 Euro – finanzieren 65 Prozent der gesamten Einkommensteuer. Eine Elite von 58.700 Personen mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von mehr als 300.000 Euro überweist allein 14 Milliarden Euro ans Finanzamt und trägt somit mehr zur Finanzierung des Staates bei als die 27,8 Millionen Geringverdiener zusammen. Auf der anderen Seite zahlen 70 Prozent der Steuerpflichtigen gerade einmal 21 Prozent der Gesamtsteuer.

 Für Arbeitnehmer:innen und Rentner:innen, die Monat für Monat ihren Lohn korrekt versteuern, ist das nicht nur Statistik, das ist gelebte Ungerechtigkeit.

Dabei verbraten die Italienerinnen und Italiener im Jahr 2024 157,4 Milliarden Euro, was mehr ist als die gesamten staatlichen Gesundheitsausgaben des Landes. Pro volljährigem Einwohner entspricht das über 3.100 Euro im Jahr. Wie jemand, der offiziell mit 312 Euro im Monat auskommt, dies finanziell stemmen kann, bleibt ein Geheimnis. 

Auch bei der Schönheitschirurgie gibt es einen unerwarteten Rekord: Mit 1,37 Millionen Eingriffen im Jahr 2024 belegt Italien weltweit Platz vier – mit einem Anstieg von 81 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Schönheitsoperationen werden, außer bei klinischer Notwendigkeit, aus eigener Tasche beglichen. 

Hinzu kommt, dass 90 Prozent der Bevölkerung ein Smartphone besitzen, fast ebenso viele haben Internetzugang und über 62 Prozent nutzen Streamingdienste. Fast die Hälfte der 16- bis 64-Jährigen verbringt privat täglich mehr als vier Stunden online. All das kostet Geld, das laut Steuererklärung vielfach gar nicht vorhanden ist. 

Die Antwort auf dieses Paradoxon ist bekannt, aber unbequem: Steuerhinterziehung in systematischem Ausmaß. Italien hält in der OECD seit Jahren den traurigen Spitzenplatz. Besonders betroffen sind Selbstständige, von denen schätzungsweise 60 Prozent ihrer tatsächlichen Einnahmen dem Fiskus verschweigen. Insgesamt wurden im Jahr 2024 rund 72 Milliarden Euro Steuerhinterziehung festgestellt. Davon konnten lediglich 12,8 Milliarden Euro eingetrieben werden, also weniger als ein Fünftel. 

Das Problem ist dabei nicht nur moralischer Natur. Wer wenig deklariert, gilt auf dem Papier als arm und erhält Kinderbonus, Energiesubventionen und Steuerbefreiungen. Das System belohnt also Schlauheit und bestraft Ehrlichkeit: Wer korrekt deklariert, zahlt mehr Steuern, verliert Sozialleistungen und wird häufiger überprüft. 

Die Pro-Kopf-Kosten des öffentlichen Gesundheitswesens lagen 2024 bei 2.347 Euro. Allein bei Geringverdienern klafft eine Finanzierungslücke von 54 Milliarden Euro zwischen den von ihnen gezahlten Beiträgen und den Ausgaben für ihren Gesundheitsschutz. Die Sozialausgaben sind in sechzehn Jahren um 45 Prozent gestiegen, die deklarierten Einkommen hingegen nur um 28 Prozent. Die Differenz wurde durch rund 800 Milliarden Euro neue Staatsschulden gedeckt – eine Hypothek für künftige Generationen. 

Eine tragfähige Reform braucht drei Ansätze gleichzeitig: Zunächst ist eine intelligente Vernetzung von Steuer-, Konsum- und Vermögensdaten erforderlich, um Steuerhinterziehung sichtbar zu machen. Wer offiziell 300 Euro im Monat verdient, aber regelmäßig für Glücksspiel und Schönheitsoperationen ausgibt, muss auffallen. Zweitens muss das Sozialhilfesystem (ISEE) so reformiert werden, dass es sich am tatsächlichen Lebensstandard und nicht an den deklarierten Einkommen orientiert. Drittens braucht es eine Wirtschaftspolitik, die ehrliche Arbeit belohnt statt bestraft.

Das eigentliche Problem Italiens ist nicht, dass das Land arm ist. Das Problem ist, dass es sich arm stellt – und dafür einen sehr realen Preis bezahlt: verfallende öffentliche Dienste, wachsende Staatsschulden und den stillen Exodus der besten Köpfe. Wer dies ändern will, der muss viel Mut aufbringen.

Alfred Ebner