Südtiroler Jazzfestival Alto Adige 2026
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Jetzt S+ abonnierenSALTO: Herr Festini Cucco, das Unvorhersehbare steht 2026 im Mittelpunkt: Inwiefern verändert dieser Verzicht auf starre Konzepte die Dynamik zwischen den Musikerinnen und Musikern auf der Bühne?
Stefan Festini Cucco: Das Unvorhersehbare ist im Jazz ja der eigentliche Motor, nicht die Ausnahme. Wenn man auf starre Konzepte und Strukturen verzichtet, entsteht mehr musikalisches Momentum – gerade auch durch das Aufeinandertreffen sehr unterschiedlicher musikalischer Sprachen. Die Musikerinnen und Musiker hören einander noch genauer zu, reagieren unmittelbarer aufeinander und müssen gemeinsam Entscheidungen treffen. Dadurch verschiebt sich die Dynamik von der Ausführung eines Plans hin zu einem gemeinsamen Aushandeln von Form, Energie und Richtung auf der Bühne.
Das Festival bespielt sehr unterschiedliche Räume, vom Klimastollen bis zur Brennerei. Wie prägt die spezifische Akustik und Atmosphäre dieser Orte den improvisatorischen Prozess?
Diese Orte sind nicht nur Kulisse, sondern aktive Mitspieler. Ein Klimastollen, eine Brennerei oder ein Konzert zwischen Felswänden bringen jeweils eigene Resonanzen, Temperaturen, Gerüche und Atmosphären mit. Musikerinnen und Musiker reagieren darauf sehr unmittelbar: auf Hall, Nähe, Enge, Weite oder auch auf die Geschichte eines Raumes. Dadurch entstehen Konzerte, die so nur an diesem Ort und in diesem Moment möglich sind. Gleichzeitig verändern diese Konzerte auch die Orte selbst – wenn auch nur zeitweilig. Und natürlich beeinflussen die unterschiedlichen Räume auch die Wahrnehmung des Publikums. Ein US-amerikanischer Journalist der New York Jazz Times war einmal ganz angetan davon, dass dieselbe Band in einem Föhrenwald in Jenesien völlig anders klang als neben dem Poschhausstollen auf über 2.000 Metern in Ridnaun. Dabei ging es nicht nur um Akustik, sondern um das gesamte Konzert-Erlebnis.
Mit Formaten wie den „Sonic Reactions“ wird das Festival immer mehr zum sozialen Organismus. Was bedeutet diese Entwicklung für die Zukunft des Jazz in Südtirol?
Für mich zeigt sich darin, dass Jazz nicht nur eine Musikrichtung ist, sondern auch eine soziokulturelle Praxis – für Musikerinnen und Musiker gewissermaßen auch ein Lebensstil. Formate wie die „Sonic Reactions“ schaffen musikalische Begegnungen, die vorher nicht planbar waren: zwischen Musizierenden, Orten, Publikum und lokalen Kontexten. Für Südtirol ist das wichtig, weil Jazz hier nicht einfach als importiertes Format funktioniert, sondern als lebendiges Netzwerk, das sich aus der Region heraus weiterentwickelt und zugleich international verbunden bleibt. Dadurch kann eine Szene entstehen, die eigenständig ist, aber nicht provinziell; lokal verankert, aber offen für globale Impulse.
Das Festival
Das Südtirol Jazzfestival Alto Adige verwandelt vom 26. Juni bis zum 5. Juli 2026 erneut das gesamte Land in eine Bühne für den zeitgenössischen europäischen Jazz. Unter der künstlerischen Leitung von Stefan Festini Cucco, Max von Pretz und Roberto Tubaro setzt das Festival auf eine bewusste Verbindung von urbaner Industriearchitektur, belebten Dorfplätzen und alpinen Naturlandschaften.
Neben fixen Ankerpunkten wie den Late-Night-Konzerten im Batzen Sudwerk oder dem KABARILA Jazz Ritual erweitert das Programm seine Grenzen stetig. Neue Spielorte wie das AHOI-Minigolf in Bozen, das Haus Guggenberg in Brixen oder die Freie Universität Bozen machen Jazz zu einem integralen Bestandteil des Alltags. Den fulminanten Auftakt bildet das norwegische Gard Nilssen Supersonic Orchestra am 26. Juni im NOI Techpark – ein Ensemble, das nicht nur den Eröffnungsabend prägt, sondern als musikalischer Motor durch die gesamte Festivalzeit wirkt.
Das Festival erhält den „EJN Award for Adventurous Programming“. Welchen Stellenwert hat diese europäische Anerkennung für Ihre künftige kuratorische Vision?
Der Preis ist eine große Bestätigung, aber auch ein Ansporn. Er zeigt, dass wir nicht nur in Südtirol eine wichtige Kulturveranstaltung sind, sondern auch auf europäischer Ebene wahrgenommen werden – gerade weil das Festival mutig programmiert und nicht auf sichere Routinen oder Klischees setzt.
Für unsere kuratorische Vision bedeutet das: Wir wollen diesen Weg konsequent weitergehen – mit Offenheit, mit einem gewissen Risiko, eingebettet in internationale Netzwerke und Jazzszenen, aber zugleich mit einem starken Bezug zu den spezifischen Orten und Menschen hier. Und all das natürlich mit der bisherigen Abenteuerlust.
Auszeichnung
Das Südtirol Jazzfestival Alto Adige wurde mit dem renommierten „15. EJN Award for Adventurous Programming“ ausgezeichnet, der das langjährige Engagement für eine visionäre künstlerische Vision und außergewöhnliche Musikerlebnisse würdigt.
In Ihrer Stellungnahme erwähnen Sie Klaus Widmanns Vorarbeit. Inwiefern ist dieser Preis eine Bestätigung für die Kontinuität Ihrer künstlerischen Philosophie?
Klaus Widmann hat mit dem Festival eine Haltung etabliert, die neugierig, international und zugleich stark in Südtirol verankert ist. Unter seiner Leitung ist das Jazzfestival zu einem bedeutenden Kulturevent geworden – aber zugleich auch zu einer Plattform für Entwicklungen in der Jazzszene, bei denen das Festival eine aktive Rolle spielt.
Immer wieder bekommen wir die Frage gestellt: „Ist das Jazz? “ Und wir wissen dann: Wir sind auf dem richtigen Weg.
Im Laufe der Jahre haben sich bei unserem Festival viele Musiker:innen kennengelernt. Es sind neue Projekte und Bands entstanden, die nach dem Festival weitergeführt wurden; einige davon haben Alben aufgenommen und sind durch Europa getourt. Diese Vorarbeit von Klaus Widmann ist ein wichtiger Teil der DNA des Festivals. Der Preis bestätigt deshalb nicht nur eine aktuelle Programmierung, sondern auch eine Kontinuität: die Überzeugung, dass zeitgenössischer Jazz offen, experimentierfreudig und stilistisch ungebunden ist – und dass gerade daraus seine Relevanz entsteht. Immer wieder bekommen wir die Frage gestellt: „Ist das Jazz? “ Und wir wissen dann: Wir sind auf dem richtigen Weg.
Tolles Programm, Komplimente!
Tolles Programm, Komplimente!