Wirtschaft | Ungleichheit

Reichtum verlängert deutlich das Leben

Nichts Neues: Die Reichen altern besser und leben länger. Die Armen sterben früher. Die Kluft ist größer als gedacht.

Hinweis: Dies ist ein Partner-Artikel und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.

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Das ist nichts Neues. Wir waren immer davon überzeugt. Schließlich klingt dies auch irgendwie logisch. Nun verfügen wir allerdings auch über genauere Zahlen und diese sind beeindruckend.

In Venedig trafen sich kürzlich Ökonomen, Demografen und Ärzte. Sie sprachen über ein Thema, das in Italien oft vernachlässigt wird. Die Frage, ob soziale Unterschiede auch darüber entscheiden können, wie lange wir leben, ist nicht unwichtig. Beim Treffen, das von der „Fondazione Giorgio Cini“ organisiert wurde, wurden Daten besprochen, über die man sicherlich nachdenken und diskutieren müsste.

Die erschreckendste Zahl kommt aus Dänemark. Der Ökonom Paul Bingley hat die offiziellen amtlichen Listen von etwa 200.000 Menschen untersucht. Es ist also eine relativ große Stichprobe. Das Ergebnis ist beunruhigend: Die Lebenserwartung der Menschen, die ganz oben auf der sozialen Leiter stehen, ist 24 Jahre höher als die der Menschen, die ganz unten stehen. Eine reiche Person kann bis zu 90 Jahre alt werden. Wer weniger hat, hat eine deutlich geringere Lebenserwartung. Das ist natürlich nur eine Zahl. Sie bestimmt nicht wie lange der Einzelne leben wird. Sie zeigt aber, dass die Lebenserwartung in den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten sehr unterschiedlich ist.

 Hier kommt der wichtigste Teil der Studie. Normalerweise schaut man bei der Untersuchung des Zusammenhangs zwischen sozialem Status und Lebenserwartung nur auf das Einkommen oder den Bildungsabschluss. Bingley tat es anders: Er hat Einkommen, Vermögen, Bildung und Arbeitsbedingungen berücksichtigt. Die tatsächliche Kluft zwischen dem was wir normalerweise messen und den erweiterten Kriterien beträgt dann zwischen 50 und 150 Prozent. Diese Studie zeigt, dass wir das Problem der Ungleichheiten unterschätzt haben.

Auch die offiziellen Daten der Europäischen Union erzählen nur einen Teil der Geschichte. Die Europäische Kommission sagt, dass ein 65-jähriger Hochschulabsolvent im Durchschnitt 1,6 Jahre länger lebt als jemand ohne Abitur. Das stimmt, aber es gibt noch andere Faktoren die man berücksichtigen muss. Bingley hat dies versucht und die Kluft ist demnach viel größer.

Ein wichtiger Punkt ist auch der Klimawandel. Die Demografin Raya Muttarak von der Universität Bologna hat gezeigt, dass die Hitze nicht alle gleichermaßen trifft. Es gibt heute zwar immer noch mehr Erfrierende als Hitzetote, aber das wird sich schnell ändern. Hitzewellen werden immer tödlicher. Die Menschen, die auf Feldern, auf Baustellen und auf den Straßen arbeiten, werden davon am meisten betroffen sein.

Muttarak wollte etwas klarstellen. Viele Menschen denken, dass Arbeitsmigranten aus heißen Ländern hitzeunempfindlicher sind. Sie denken, dass sie deshalb besser für schwere Arbeiten im Freien geeignet sind. Das stimmt aber nicht. Ihr Körper reagiert nicht anders auf Hitze. Sie erkranken genauso wie alle anderen, die von der Hitze betroffen sind. Wenn sie öfter erkranken, liegt es daran, dass sie mehr arbeiten, wo es heißer ist.

Die Gewerkschaften sollten die Ausführungen von Fabiana Pierini von der Europäischen Kommission besser studieren. Wenn das Rentenalter für alle gleich hoch ist, ist das nicht gerecht. Wer arm ist, lebt kürzer. Deshalb müsste er bei einer Anhebung des Rentenalters länger arbeiten, würde die Rente aber weniger lang kassieren, als Besserverdienende, die länger leben und daher länger die Rente bekommen. Es braucht höhere Mindestrenten, mehr Unterstützung für Menschen mit lückenhafter Berufslaufbahn und eine stärkere Zusatzrente für alle. Beim letzten Punkt bleibt allerdings die Frage, ob man sich als prekär Beschäftigter eine solche überhaupt leisten kann?

 Die Tagung hat aber noch mehr Maßnahmen angeschnitten. Höhere Renten sind zwar notwendig, doch können diese das Problem nur abfedern. Wenn wir die Kluft in der Lebenserwartung verringern wollen, müssen wir die Ursachen angehen. Bildung, Arbeit, Wohnen, Gesundheit, das sind die Voraussetzungen für ein gutes Einkommen im Alter.

 Ein wichtiger Punkt ist auch die Gesundheitsversorgung, denn die ist teuer und nicht jeder kann sie bezahlen. Eine Zahl sollte der Politik zu denken geben: 40 Prozent der älteren Menschen in den wirtschaftlich schwächsten Bevölkerungsgruppen haben laut dem „Istituto Superiore di Sanità“ mindestens einmal auf einen notwendigen Arztbesuch oder eine Untersuchung verzichtet. Nicht aus freier Entscheidung. Es fehlte einfach das nötige Geld.

 Die Tatsachen, dass wir immer älter werden, ist ohne Zweifel eine positive Errungenschaft. Es geht aber auch darum zu verhindern, dass die gewonnenen Lebensjahre erneut zu einem Privileg für wenige werden. Langlebigkeit sollte ein Gewinn für alle sein, nicht das x-te Ding, das man mit Geld kaufen kann.

Ein Beitrag von Alfred Ebner