Siegesdenkmal neu denken
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Jetzt S+ abonnierenSALTO: Warum haben Sie sich ausgerechnet für das Siegesdenkmal in Bozen als Fallstudie entschieden?
Nora Viehweider: Das Siegesdenkmal blieb, anders als viele Monumente, nie im Hintergrund. Seit seiner Errichtung war es Mittelpunkt von Protesten, Anschlägen, politischen Debatten und staatlichen Zeremonien. Es war nicht nur ein Kriegsdenkmal, sondern eine architektonische Manifestation faschistischer Macht. Auf dem Standort des Kaiserjägerdenkmals ersetzte es lokale Erinnerung durch eine italienisch-nationalistische Siegeserzählung. Schon als Jugendliche dachte ich kritisch über den Bau nach. Durch mein Studium zu Kunst im öffentlichen Raum, Sprache, Macht und Kolonialtheorie begann ich zu fragen: Warum steht das Siegesdenkmal erhöht, beleuchtet und abgesperrt im Zentrum Bozens, während die kritische Ausstellung darunter verborgen bleibt? Warum sind die Informationstafeln davor so heruntergekommen?
Meine persönliche Verbindung war der Ausgangspunkt der Frage, aber nicht die Grundlage der Schlussfolgerungen.
Sie erwähnen selbst Ihre persönliche Verbindung zu Bozen und Südtirol. Wie haben Sie sichergestellt, dass Ihre eigene Perspektive die Analyse nicht unangemessen beeinflusst hat?
Ich habe meine persönliche Perspektive nicht verborgen, sondern in der Arbeit transparent gemacht. Mein Studium in Amsterdam und Südafrika ermöglichte mir, die vertraute Geschichte Südtirols aus größerer Distanz neu zu betrachten und sehr kritisch über die Stellung des Siegesdenkmals im öffentlichen Raum nachzudenken. Meine eigene Wahrnehmung dient nicht als Beweis. Ich habe unterschiedliche Quellen und wissenschaftliche Positionen einbezogen, auch solche, die die heutige Rekontextualisierung als gelungen bewerten. Meine Schlussfolgerungen haben sich dann aus der Verbindung von Theorie, historischer Forschung, räumlicher Analyse, Ausstellungsanalyse und Interviews entwickelt. Meine persönliche Verbindung war der Ausgangspunkt der Frage, aber nicht die Grundlage der Schlussfolgerungen.
Sie verwenden den Begriff „imperial debris“. Weshalb ist dieser kolonialtheoretische Ansatz auf Südtirol anwendbar?
Die Anthropologin Ann Laura Stoler bezeichnet mit „imperial debris“ die sozialen, räumlichen und affektiven Nachleben imperialer Herrschaft. Ruinen – ob intakt oder verfallen – sind nicht neutral, sondern werden politisch erzeugt, restauriert oder vernachlässigt. So kann imperiale Macht bis in die Gegenwart wirken.
Ich verwende den Begriff als analytische Perspektive; Südtirol ist nicht mit einer außereuropäischen Kolonie gleichzusetzen. Die faschistische Politik hatte jedoch koloniale Züge: sprachliche Assimilation, kulturelle Unterdrückung, demografische Veränderung, Enteignung und städtebauliche Neuordnung. Das Siegesdenkmal schreibt diese Macht in den Stadtraum ein und präsentiert Italien als Macht, die den „Anderen“, der lokalen Bevölkerung, Sprache, Recht und Kultur gebracht habe.
Ziel ist nicht, die Geschichte zu verdecken, sondern die Bedingungen zu verändern, unter denen das Monument wahrgenommen wird.
Sie schreiben, dass das Denkmal weiterhin faschistische Macht reproduziert. Was kann dagegen unternommen werden?
Faschistische Macht wird nicht nur durch Inschrift und Liktorenbündel reproduziert, sondern auch durch die heutige Inszenierung: Das Monument steht zentral auf einem hohen Sockel, ist eingezäunt, videoüberwacht und nachts beleuchtet. Die Hierarchie ist deutlich: Die Menschen bleiben unten, während das Denkmal geschützt und unzugänglich über ihnen steht. Die kritische Ausstellung liegt dagegen unter und hinter dem Bau; außen ist fast nur der LED-Ring sichtbar. Ziel ist nicht, die Geschichte zu verdecken, sondern die Bedingungen zu verändern, unter denen das Monument wahrgenommen wird. Es darf nicht länger als Symbol faschistischer Überlegenheit wirken. Im Jahr 2026 müssen wir daran arbeiten, Symbole der Spaltung zu entkräften.
Sie kritisieren die Ausstellung BZ ‚18–‘45. Welche konkreten empirischen Belege sprechen dafür, dass sie ihre Ziele tatsächlich verfehlt? Und welche Befunde sprechen möglicherweise dagegen?
Ich würde nicht sagen, dass die Ausstellung ihre Ziele verfehlt hat. Sie ist konzeptuell stark, historisch informativ, dreisprachig und kostenlos. Für BesucherInnen ist sie ein effektiver Bildungsraum. Die Kritik betrifft ihre begrenzte Wirkung nach außen: Der Eingang liegt unter und hinter dem Monument, während dessen ursprüngliche Symbolik im Stadtraum dominant bleibt. Bei meinem Besuch funktionierten die Textsäule am Eingang und die kritischen Laserprojektionen in der Krypta nicht. Die Ausstellung ist daher ein wichtiger erster Schritt, doch der Rekontextualisierungseffekt bleibt begrenzt. Für PassantInnen bleiben die ursprüngliche Symbolik und Dominanz unvermittelt sichtbar und spürbar. Die kritische Intervention bleibt der faschistischen Außenseite räumlich und visuell untergeordnet.
Sie argumentieren, dass die aktuelle Rekontextualisierung nicht ausreicht. Sie schlagen eine erweiterte Rekontextualisierung vor. Wie könnte eine solche konkret aussehen?
Ich schlage vier konzeptuelle Maßnahmen vor. Erstens sollte das Monument nach einer Sicherheitsrenovierung geöffnet und der Zaun entfernt werden. Der Weg zur Ausstellung könnte direkt durch das Siegesdenkmal hindurch führen. Zweitens könnte eine sichtbare Gegeninschrift in Italienisch, Deutsch und Ladinisch der ursprünglichen Botschaft eine friedensorientierte Lesart entgegensetzen. Ich habe dafür einen genauen Vorschlag in der Arbeit. Drittens könnte eine programmierbare Beleuchtung für antifaschistische Gedenktage, Frieden und Minderheitenrechte genutzt werden. Viertens sollte der Park mit einem Kulturzentrum oder Café zum Begegnungsraum für Gespräche, Schulprogramme, Konzerte und mehrsprachigen Austausch werden. So würde die kritische Interpretation vom Keller auf den Platz gelangen.
Eine Öffnung wäre nur zusammen mit sichtbarer antifaschistischer Kontextualisierung, direktem Zugang zur Ausstellung und klaren Nutzungsregeln vertretbar.
Sie stützen sich auf rund 30 Straßeninterviews. Warum halten Sie diese Stichprobe für ausreichend, um Aussagen über die öffentliche Wahrnehmung treffen zu können?
Ich stütze meine Argumentation nicht allein auf die 30 Straßeninterviews. Sie sind vielmehr Teil einer breiteren interdisziplinären Untersuchung aus historischer Forschung, formaler und räumlicher Analyse, Ausstellungsanalyse und wissenschaftlicher Literatur. Die Stichprobe ist ausdrücklich nicht repräsentativ, sondern qualitativ und indikativ und erlaubt keine Hochrechnung auf ganz Bozen. Sie machte jedoch wiederkehrende Wahrnehmungen und Spannungen sichtbar und ergänzte damit die anderen Methoden. Eine größere empirische Untersuchung hätte den Rahmen der Bachelorarbeit gesprengt. Deshalb schlage ich für zukünftige Forschung eine umfangreichere quantitative Befragung vor.
Könnte eine stärkere Sichtbarkeit oder Öffnung des Monuments nicht unbeabsichtigt auch rechtsextreme Gruppen stärken oder ihnen neue Möglichkeiten der Aneignung bieten? Könnte das Denkmal dadurch zu einem Anziehungspunkt für Neofaschisten werden?
Dieses Risiko ist real. Allerdings ist das Monument bereits heute ein Bezugspunkt für neofaschistische Gruppen: 2013 demonstrierten rund 1.000 überwiegend junge Rechte der CasaPound gegen Veränderungen am Siegesdenkmal, und am 28. Februar 2026 begann dort der sogenannte „Remigrations“-Marsch. Zaun und Abschirmung verhindern politische Aneignung also nicht- im Gegenteil: Ich denke, dass der Schutzstatus den symbolischen Wert für Neofaschisten sogar steigern kann. Eine Öffnung wäre nur zusammen mit sichtbarer antifaschistischer Kontextualisierung, direktem Zugang zur Ausstellung und klaren Nutzungsregeln vertretbar. Eine zivile, demokratische Nutzung könnte rechtsextremen Gruppen den Anspruch auf symbolische Exklusivität entziehen.
Frau Viehweider, Sie…
Frau Viehweider, Sie sprechen mir aus der Seele!!
Dieses Denkmal - so wie es sich jetzt präsentiert - beleidigt mich jedesmal, wenn ich daran vorbeigehe!
Bozen und Südtirol haben noch einen weiten Weg vor sich.
Vielleicht hilft das zusammengebrochene Gerichtsgebäude, diesen Weg zu ebnen!
Nora Viehweiders Ansatz und…
Nora Viehweiders Ansatz und Beschäftigung damit ist/wäre allemal lohnenswert. Das Forschungsfeld der Gedächtnissoziologie und die Perspektive der Raumwissenschaften, die Heterotopie, können helfen.
Es ist für Erben der Opfer und des Widerstandes unzumutbar, wie mit missbrauchten Steinen (faschistischen Fetischen) in Bozen umgegangen wird.
Unverständlich. Warum hält niemand von der breiten Zivilgesellschaft dagegen?
Man hört mitunter: Es gibt Schlimmeres.
Die Frage, ob es etwas Schlimmeres gibt als eine Ideologie der Ungleichwertigkeit und der Auslöschung (vgl. a. H. Arendt), berührt eigentlich die tiefsten Fundamente der menschlichen Ethik, Philosophie und Geschichte. In der politikwissenschaftlichen und philosophischen Debatte gilt diese Kombination – die Core-Elemente des Extremismus – bereits als das absolute Fundament des moralischen Tiefpunkts, da sie die Existenzberechtigung ganzer Gruppen negiert.
Der Faschisten-Tempel, das menschenverachtende Statement symbolischer Gewalt im öffentlichen Raum Bozens aus der Zeit der kolonialen totalitären Terror- und Gewaltherrschaft wird kostspielig konserviert, re-stauriert, re-konstruiert und damit verewigt, um an einen Glauben, an eine Ideologie zu erinnern und um am Statuts von „Organisation und Manipulation von Emotionen“ (Aleida Assmann) beizubehalten.
Es geht derzeit eben nicht um Teilhabe der Südtiroler Bevölkerung oder um Aushandlungsprozesse bei der Neugestaltung einer Ressource der Erinnerung. (Vgl. a.: https://www.zeit.de/zett/politik/2020-06/denkmaeler-zu-entfernen-bedeut… )
Ja. „Die Italiener leben bis heute eingetaucht in ihre faschistische Vergangenheit“ (vgl. NZZ Neue Zürcher Zeitung, Architektur als heikles Erbe).
Denn — auch da hat Nora Viehweider recht — was ändert ein LED-Ring mit „BZ ‚18–‘45“ tatsächlich am totalitären Statement der Ideologie der Ungleichwertigkeit und der Auslöschung im öffentlichen Raum?
Selbst Hinweise und Bilder auf Zigaretten-Packungen sind weniger verharmlosend als an diesem Bau.