Kultur | Zum 100sten

Siegesdenkmal neu denken

Nora Viehweider hat ihre Liberal Arts and Sciences-Abschlussarbeit in Amsterdam über das Bozner Siegesdenkmal geschrieben. Über Erinnerungskultur und Rekontextualisierung.
Nora Viehweider

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SALTO: Warum haben Sie sich ausgerechnet für das Siegesdenkmal in Bozen als Fallstudie entschieden?

Nora Viehweider: Das Siegesdenkmal blieb, anders als viele Monumente, nie im Hintergrund. Seit seiner Errichtung war es Mittelpunkt von Protesten, Anschlägen, politischen Debatten und staatlichen Zeremonien. Es war nicht nur ein Kriegsdenkmal, sondern eine architektonische Manifestation faschistischer Macht. Auf dem Standort des Kaiserjägerdenkmals ersetzte es lokale Erinnerung durch eine italienisch-nationalistische Siegeserzählung. Schon als Jugendliche dachte ich kritisch über den Bau nach. Durch mein Studium zu Kunst im öffentlichen Raum, Sprache, Macht und Kolonialtheorie begann ich zu fragen: Warum steht das Siegesdenkmal erhöht, beleuchtet und abgesperrt im Zentrum Bozens, während die kritische Ausstellung darunter verborgen bleibt? Warum sind die Informationstafeln davor so heruntergekommen?

Meine persönliche Verbindung war der Ausgangspunkt der Frage, aber nicht die Grundlage der Schlussfolgerungen.

Erfolgreicher Abschluss in Amsterdam: Nora Viehweider hat in Amsterdam „Liberal Arts and Science“s studiert, mit Schwerpunkt auf visueller Kultur und Kunstgeschichte. Die Boznerin interessiert sich besonders für Kunst und Sprache, gesellschaftspolitische Themen und lokale Erinnerungskultur. Privat

Sie erwähnen selbst Ihre persönliche Verbindung zu Bozen und Südtirol. Wie haben Sie sichergestellt, dass Ihre eigene Perspektive die Analyse nicht unangemessen beeinflusst hat?

Ich habe meine persönliche Perspektive nicht verborgen, sondern in der Arbeit transparent gemacht. Mein Studium in Amsterdam und Südafrika ermöglichte mir, die vertraute Geschichte Südtirols aus größerer Distanz neu zu betrachten und sehr kritisch über die Stellung des Siegesdenkmals im öffentlichen Raum nachzudenken. Meine eigene Wahrnehmung dient nicht als Beweis. Ich habe unterschiedliche Quellen und wissenschaftliche Positionen einbezogen, auch solche, die die heutige Rekontextualisierung als gelungen bewerten. Meine Schlussfolgerungen haben sich dann aus der Verbindung von Theorie, historischer Forschung, räumlicher Analyse, Ausstellungsanalyse und Interviews entwickelt. Meine persönliche Verbindung war der Ausgangspunkt der Frage, aber nicht die Grundlage der Schlussfolgerungen.

Sie verwenden den Begriff „imperial debris“. Weshalb ist dieser kolonialtheoretische Ansatz auf Südtirol anwendbar?

Die Anthropologin Ann Laura Stoler bezeichnet mit „imperial debris“ die sozialen, räumlichen und affektiven Nachleben imperialer Herrschaft. Ruinen – ob intakt oder verfallen – sind nicht neutral, sondern werden politisch erzeugt, restauriert oder vernachlässigt. So kann imperiale Macht bis in die Gegenwart wirken.
Ich verwende den Begriff als analytische Perspektive; Südtirol ist nicht mit einer außereuropäischen Kolonie gleichzusetzen. Die faschistische Politik hatte jedoch koloniale Züge: sprachliche Assimilation, kulturelle Unterdrückung, demografische Veränderung, Enteignung und städtebauliche Neuordnung. Das Siegesdenkmal schreibt diese Macht in den Stadtraum ein und präsentiert Italien als Macht, die den „Anderen“, der lokalen Bevölkerung, Sprache, Recht und Kultur gebracht habe.

Ziel ist nicht, die Geschichte zu verdecken, sondern die Bedingungen zu verändern, unter denen das Monument wahrgenommen wird. 

100 Jahre Siegesdenkmal: Die Ausstellung „BZ ‚18–‘45“ ist ein wichtiger erster Schritt, doch der Rekontextualisierungseffekt bleibt begrenzt.

Sie schreiben, dass das Denkmal weiterhin faschistische Macht reproduziert. Was kann dagegen unternommen werden?

Faschistische Macht wird nicht nur durch Inschrift und Liktorenbündel reproduziert, sondern auch durch die heutige Inszenierung: Das Monument steht zentral auf einem hohen Sockel, ist eingezäunt, videoüberwacht und nachts beleuchtet. Die Hierarchie ist deutlich: Die Menschen bleiben unten, während das Denkmal geschützt und unzugänglich über ihnen steht. Die kritische Ausstellung liegt dagegen unter und hinter dem Bau; außen ist fast nur der LED-Ring sichtbar. Ziel ist nicht, die Geschichte zu verdecken, sondern die Bedingungen zu verändern, unter denen das Monument wahrgenommen wird. Es darf nicht länger als Symbol faschistischer Überlegenheit wirken. Im Jahr 2026 müssen wir daran arbeiten, Symbole der Spaltung zu entkräften.

Sie kritisieren die Ausstellung BZ ‚18–‘45. Welche konkreten empirischen Belege sprechen dafür, dass sie ihre Ziele tatsächlich verfehlt? Und welche Befunde sprechen möglicherweise dagegen?

Ich würde nicht sagen, dass die Ausstellung ihre Ziele verfehlt hat. Sie ist konzeptuell stark, historisch informativ, dreisprachig und kostenlos. Für BesucherInnen ist sie ein effektiver Bildungsraum. Die Kritik betrifft ihre begrenzte Wirkung nach außen: Der Eingang liegt unter und hinter dem Monument, während dessen ursprüngliche Symbolik im Stadtraum dominant bleibt. Bei meinem Besuch funktionierten die Textsäule am Eingang und die kritischen Laserprojektionen in der Krypta nicht. Die Ausstellung ist daher ein wichtiger erster Schritt, doch der Rekontextualisierungseffekt bleibt begrenzt. Für PassantInnen bleiben die ursprüngliche Symbolik und Dominanz unvermittelt sichtbar und spürbar. Die kritische Intervention bleibt der faschistischen Außenseite räumlich und visuell untergeordnet.

Eingang zur Ausstellung: Fast kaum auffindbares Schlupfloch unter dem Denkmal. Nora Viehweider

Sie argumentieren, dass die aktuelle Rekontextualisierung nicht ausreicht. Sie schlagen eine erweiterte Rekontextualisierung vor. Wie könnte eine solche konkret aussehen?

Ich schlage vier konzeptuelle Maßnahmen vor. Erstens sollte das Monument nach einer Sicherheitsrenovierung geöffnet und der Zaun entfernt werden. Der Weg zur Ausstellung könnte direkt durch das Siegesdenkmal hindurch führen. Zweitens könnte eine sichtbare Gegeninschrift in Italienisch, Deutsch und Ladinisch der ursprünglichen Botschaft eine friedensorientierte Lesart entgegensetzen. Ich habe dafür einen genauen Vorschlag in der Arbeit. Drittens könnte eine programmierbare Beleuchtung für antifaschistische Gedenktage, Frieden und Minderheitenrechte genutzt werden. Viertens sollte der Park mit einem Kulturzentrum oder Café zum Begegnungsraum für Gespräche, Schulprogramme, Konzerte und mehrsprachigen Austausch werden. So würde die kritische Interpretation vom Keller auf den Platz gelangen.

Eine Öffnung wäre nur zusammen mit sichtbarer antifaschistischer Kontextualisierung, direktem Zugang zur Ausstellung und klaren Nutzungsregeln vertretbar.

Zukunft Siegesdenkmal: Öffnung und Restaurierung des Siegesdenkmals. Warum nicht sogar in den Farben der Regenbogenfahne. KI-generiertes Bild

Sie stützen sich auf rund 30 Straßeninterviews. Warum halten Sie diese Stichprobe für ausreichend, um Aussagen über die öffentliche Wahrnehmung treffen zu können?

Ich stütze meine Argumentation nicht allein auf die 30 Straßeninterviews. Sie sind vielmehr Teil einer breiteren interdisziplinären Untersuchung aus historischer Forschung, formaler und räumlicher Analyse, Ausstellungsanalyse und wissenschaftlicher Literatur. Die Stichprobe ist ausdrücklich nicht repräsentativ, sondern qualitativ und indikativ und erlaubt keine Hochrechnung auf ganz Bozen. Sie machte jedoch wiederkehrende Wahrnehmungen und Spannungen sichtbar und ergänzte damit die anderen Methoden. Eine größere empirische Untersuchung hätte den Rahmen der Bachelorarbeit gesprengt. Deshalb schlage ich für zukünftige Forschung eine umfangreichere quantitative Befragung vor.

Könnte eine stärkere Sichtbarkeit oder Öffnung des Monuments nicht unbeabsichtigt auch rechtsextreme Gruppen stärken oder ihnen neue Möglichkeiten der Aneignung bieten? Könnte das Denkmal dadurch zu einem Anziehungspunkt für Neofaschisten werden?

Dieses Risiko ist real. Allerdings ist das Monument bereits heute ein Bezugspunkt für neofaschistische Gruppen: 2013 demonstrierten rund 1.000 überwiegend junge Rechte der CasaPound gegen Veränderungen am Siegesdenkmal, und am 28. Februar 2026 begann dort der sogenannte „Remigrations“-Marsch. Zaun und Abschirmung verhindern politische Aneignung also nicht- im Gegenteil: Ich denke, dass der Schutzstatus den symbolischen Wert für Neofaschisten sogar steigern kann. Eine Öffnung wäre nur zusammen mit sichtbarer antifaschistischer Kontextualisierung, direktem Zugang zur Ausstellung und klaren Nutzungsregeln vertretbar. Eine zivile, demokratische Nutzung könnte rechtsextremen Gruppen den Anspruch auf symbolische Exklusivität entziehen.