Chronik | Ungleichheiten

Der Plan für eine gerechte Welt

Neulich stellte das World Inequality Lab auf einer Konferenz an der Paris School of Economics seinen Global Justice Report vor.

Hinweis: Dies ist ein Partner-Artikel und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.

Bild: (C) pixabay

Das 136 Seiten starke Papier wurde unter der Leitung von Thomas Piketty und Lucas Chancel erstellt und basiert auf Daten von über 200 Forschenden weltweit. Die Grundidee war, einen Plan für die Weltwirtschaft zwischen 2026 und 2100 zu entwerfen, in dem Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit nicht getrennt, sondern zusammen behandelt werden.

Der Ausgangsbefund ist ernüchternd. Zwischen 2000 und 2024 hat sich das reichste Prozent der Weltbevölkerung ganze 41 Prozent des neu geschaffenen Vermögens gesichert.

Die ärmere Hälfte der Menschheit besitzt heute hingegen nur etwa zwei Prozent des globalen Reichtums. Gleichzeitig sind wichtige ökologische Grenzen längst überschritten – beim Klima, bei der Artenvielfalt und beim Süßwasser. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass es nicht funktioniert hat, Wachstum, Armutsbekämpfung und Klimaschutz getrennt zu behandeln. Also rechnen sie alles in einem einzigen Modell zusammen.

Dieses Modell hat drei Beine, die laut Bericht nur gemeinsam funktionieren. So wird ein schnelles Aussteigen aus den fossilen Energien gefordert. Das Ziel ist, den Anteil auf unter 20 Prozent bis 2050 zu drücken und bis 2100 komplett auszusteigen. Dazu braucht es mehr Wind- und Solarenergie sowie die Elektrifizierung von Verkehr und Industrie.

Zweitens braucht es weniger Konsum, dafür mehr Freizeit. Konkret bedeutet dies im Modell eine Halbierung der Jahresarbeitszeit von rund 2.100 auf etwa 1.000 Stunden. Das entspricht einer Zweieinhalb-Tage-Woche. Zudem wird weniger rotes Fleisch und mehr Wiederaufforstung gefordert sowie ein Konsum, der sich von Sachgütern weg und hin zu Bildung, Gesundheit und Kultur bewegt.

Schließlich müssen Einkommen, Vermögen und Macht deutlich gerechter verteilt werden, sowohl zwischen als auch innerhalb von Ländern. Die Autoren sind sich hier einig: Ohne diese Umverteilung lässt sich der Rest gar nicht finanzieren, geschweige denn politisch durchsetzen.

Herzstück ist ein neuer Global Justice Fund, der jährlich 10,3 Prozent des weltweiten BIP verwalten soll. Das wäre mehr als das 25-Fache dessen, was heute an Entwicklungshilfe plus die Gelder von UN-, IWF- und Weltbank zusammenkommt.

Die Finanzierung erfolgt über Vermögenssteuern auf Milliardäre (bis zu 20 Prozent jährlich) und Spitzensteuersätze von bis zu 90 Prozent. Das Ziel besteht darin, den Vermögensanteil der Milliardäre von heute 6,4 auf 0,05 Prozent zu reduzieren.

Ein zusätzlicher Staatsfonds soll Unternehmensanteile aufkaufen, um das Niveau des öffentlichen Eigentums der Siebzigerjahre wiederherzustellen. Zudem soll der IWF einer UN-geführten Weltzentralbank weichen, die eine neue globale Reservewährung ausgibt.

Im Jahr 2100 soll das Pro-Kopf-Einkommen weltweit bei rund 5.000 Euro im Monat liegen. Dies soll nicht als Geldgeschenk erfolgen, sondern als Ergebnis von mehr öffentlichen Diensten und nachhaltigem Wachstum im globalen Süden.

Für 89 Prozent der Weltbevölkerung würde dies eine Verdopplung des Realeinkommens bedeuten. Staaten, die sich dem nicht anschließen wollen, sollen mit Strafzöllen belegt werden: 80 Prozent auf US-Waren und 180 Prozent auf chinesische Waren. 

Interessant ist der Vergleich verschiedener Szenarien: Nur die Kombination aus Umverteilung und schneller Dekarbonisierung hält die Erderwärmung unter zwei Grad.

Reiner technologischer Fortschritt ohne Konsumeinschränkungen erreicht das Netto-Null-Ziel nicht. Selbst bei einem schnellen Ausbau von Wind- und Solarenergie landet man bei +2,6 Grad.

So überzeugend die Zahlen auch sind, das Ganze wackelt an einigen Stellen. Der Bericht sagt zwar sehr genau voraus, wo wir im Jahr 2100 stehen werden, aber kaum, wie wir von hier aus dorthin gelangen.

Welche Bündnisse es braucht und welche Zwischenschritte notwendig sind, bleibt unklar. Der Bericht liefert jedoch solide Argumente: Klimaschutz und Umverteilung gehören zusammen und können nicht neben einander stehen.

Trotz aller Hindernisse sind die Wirtschaftsfachleute überzeugt, dass diese Ziele erreicht werden können, wenn der politische Wille dazu besteht. Ob dieser im Moment vorhanden ist, ist fraglich. Trotzdem müssen diese Themen konkret angegangen werden, um zumindest zukünftige Katastrophen zu vermeiden.

Dies zur Politik. Aber man muss auch berücksichtigen, wie die Menschen tatsächlich ticken. Oft wird davon ausgegangen, dass es ausreicht, den Leuten zu zeigen, dass sie dann mehr Geld haben werden, um ihre Zustimmung zu erhalten.

Doch Entscheidungen hängen oft mit Identität, Kultur, Religion und Statusängsten zusammen, nicht nur mit dem Kontostand. Sonst würden Menschen wohl kaum gegen ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen stimmen. 

Zudem bedeutet dieser Plan reale Verluste für etwa 10 bis 20 Prozent der Weltbevölkerung, vor allem für die Mittel- und Oberschicht im Westen. Die Annahme, diese Gruppen ließen sich mit mehr Freizeit und besseren öffentlichen Diensten entschädigen, ist aus verhaltensökonomischer Sicht fragwürdig.

Menschen, die etwas zu verlieren haben, mobilisieren politisch stärker als jene, die erst in Zukunft gewinnen würden.

Der Bericht erkennt zwar die Vermögenskonzentration als Kernproblem an, zeigt aber kaum auf, wie sich Reichtum, Medienmacht, Lobbyarbeit und Parteienfinanzierung überschneiden.

Der Widerstand der Eliten wird eher als Randnotiz behandelt als dass er als das eigentliche Nadelöhr erkannt wird. Man denke nur an die gezielte Lobbyarbeit bei der Vermögenssteuer. Dennoch darf man nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern muss weiterkämpfen, um diese Ziele soweit als möglich zu erreichen. 

Alfred Ebner