Gesellschaft | Erzählen verbindet

Die Kraft der Geschichten

Bei Eklektika werden persönliche Geschichten zu Brücken: Audiovisuelles Storytelling schafft Nähe, macht Vielfalt sichtbar und eröffnet Räume für Begegnung und Dialog.

Hinweis: Dies ist ein Partner-Artikel und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.

Bild: Eklektika

Eklektika ist eine Genossenschaft aus Bozen, die inklusive Kultur-, Bildungs- und Sozialprojekte entwickelt. Mitgründerin Martine De Biasi erzählt, wie audiovisuelles Storytelling Brücken bauen kann — auch dort, wo Worte allein nicht reichen.

Welche Rolle hast du bei Eklektika?

Ich bin mit Karmen Höllrigl und Katharina Burger Mitgründerin von EKLEKTIKA und arbeite dort vor allem im Bereich Konzeptentwicklung, audiovisuelle Projekte und kulturelle Vermittlung. Mein Hintergrund liegt im Dokumentarfilm und in der künstlerischen Arbeit, deshalb beschäftige ich mich besonders mit der Frage, wie man komplexe gesellschaftliche Themen so erzählen kann, dass Menschen emotional Zugang dazu finden.

Womit beschäftigt sich Eklektika und warum wurde die Genossenschaftsform gewählt?

Eklektika entwickelt und realisiert inklusive Kultur-, Bildungs- und Sozialprojekte. Wir arbeiten mit Gemeinden, Vereinen, Bildungseinrichtungen, Genossenschaften und Organisationen zusammen und begleiten Prozesse rund um Vielfalt, Teilhabe und soziale Sichtbarkeit.

Ein wichtiger Bereich unserer Arbeit sind Workshops und Sensibilisierungsangebote zu Themen wie kulturelle Vielfalt, Queerness, vorurteilsbewusste Bildung und diskriminierungssensible Kommunikation. Dabei geht es uns nicht um abstrakte Theorie, sondern um konkrete Fragen des Zusammenlebens: Wie schafft man Räume, in denen unterschiedliche Menschen tatsächlich Platz haben? Wie kann man Konflikte ansprechen, ohne neue Ausschlüsse zu produzieren?

Die Genossenschaftsform war für uns eine bewusste Entscheidung. Viele soziale und kulturelle Projekte hängen an Einzelpersonen und werden dadurch instabil. Wir wollten stattdessen eine Struktur schaffen, die gemeinschaftliches Arbeiten ermöglicht und unterschiedliche Kompetenzen zusammenbringt und in der wir unsere unterschiedlichen Interessen und Projekte umsetzen können.

Erzähl uns von einem Projekt, an dem du/ihr gerade arbeitet, oder von einem kürzlich abgeschlossenen Projekt, das dir besonders am Herzen liegt.

Ein Projekt, das mir besonders am Herzen liegt, ist „Immer hier“. Dabei sammeln wir Oral-History-Interviews mit LGBTQIA+-Personen aus Südtirol. Unsere Geschichte und unsere Geschichten wurden bis jetzt in Südtirol kaum dokumentiert oder öffentlich sichtbar gemacht – obwohl queere Menschen selbstverständlich immer Teil unserer Gesellschaft waren.

Gehört werden können diese Geschichten durch eine Schautafel mit QR-Codes, die von Gemeinden, Bibliotheken, Schulen, Vereinen, Bildungsausschüssen und öffentlichen Einrichtungen erworben und installiert werden kann. Menschen können die QR-Codes scannen und kommen zu den Audio Interviews. Dadurch entsteht im öffentlichen Raum ganz konkret Platz für queere Sichtbarkeit und Austausch.

Uns ist wichtig, dass queere Menschen nicht nur „Thema“ bleiben, sondern sichtbar Teil der lokalen Gemeinschaft werden. Die Schautafeln schaffen Begegnung: LGBTQIA+-Menschen erzählen, die Gesellschaft hört zu. Genau dort beginnt oft Verständnis.

Mitgründerin der Genossenschaft Eklektika Martine De Biasi Eklektika

Die gefilmte Oral History ist eine sehr spezifische Form der Kommunikation: Stimme, Gesicht und Erzählung verbinden sich auf eine Weise, die andere Formate nicht replizieren können. Was hat dich zu dieser Sprache gebracht und was ermöglicht sie dir, was andere Formate nicht könnten?

Mich interessiert am Dokumentarischen vor allem die menschliche Präsenz. Wenn jemand erzählt, passiert unglaublich viel gleichzeitig: Worte, Pausen, Unsicherheiten, Humor. Oft liegt die eigentliche Wahrheit einer Geschichte nicht nur im Inhalt, sondern darin, wie etwas gesagt wird. Dieses Projekt ist auch ein ausschliessliches Audio Projekt. Ich wollte Video bewusst weglassen, um Projektionen zu vermeiden.

Gerade bei Oral History entsteht eine besondere Form von Nähe. Man begegnet nicht einer abstrakten Debatte, sondern einem konkreten Menschen. Das macht es schwieriger, Menschen auf Schlagworte oder Vorurteile zu reduzieren.

Für Projekte wie „Immer hier“ ist das zentral. Wenn jemand aus dem eigenen Dorf, aus der eigenen Stadt oder Region erzählt, entsteht oft eine ganz andere Form von Resonanz. Geschichten können Räume öffnen, die nichts mit Politik oder Ideologie zu tun haben. Es geht um Dich und Mich.

 

Wie erzählt man etwas so, dass es auch bei Menschen Resonanz erzeugt, die von einem ganz anderen oder sogar gegensätzlichen Standpunkt ausgehen?

Wir wollen niemanden überzeugen. Ich glaube, dass Menschen selten ihre Meinung ändern, weil sie belehrt werden. Resonanz entsteht eher dort, wo jemand emotional etwas wiedererkennt: das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Familie, Sicherheit, Liebe oder Sichtbarkeit.

Deshalb versuchen wir, möglichst konkrete menschliche Geschichten zu erzählen. Eine persönliche Erfahrung kann oft mehr bewegen als eine theoretische Diskussion.

Begegnung ist entscheidend. Viele Menschen haben vielleicht wenig Berührungspunkte mit queeren Lebensrealitäten. Wenn sie aber einer konkreten Person zuhören, entsteht oft plötzlich Nähe statt Distanz.

 

Ist es dir im Laufe deiner Arbeit schon passiert, dass eine Geschichte – gelesen, gehört, gesammelt oder montiert – deinen Blick auf etwas verändert hat?

Es ist unmöglich, Geschichten zu hören, ohne dass der eigene Blick verändert wird. Es ist auch unmöglich, eine Geschichte zu erzählen, ohne den eigenen Standpunkt zu vertreten. Deshalb ist es so wichtig, dass alle Menschen, nicht nur privilegierte, ihre Geschichten erzählen. Und deshalb ist es so wichtig, dass „Immer Hier“ von einem queeren Menschen ausgeht. Ich bin queer, habe ich das schon erwähnt? 

Dokumentarisch arbeiten heißt anderen Menschen zu zeigen, wie ich die reale Welt sehe. Den Leuten, die Objektivität vortäuschen, sollte man misstrauen. Sie setzen voraus, dass es eine einzige Wahrheit gibt. Aber Wahrheiten gibt es viele und ich versuche, einige dieser Wahrheiten zu sammeln und zu zeigen.

 

Eure Arbeit berührt Themen, die Widerstand erzeugen können. Was sind die größten Schwierigkeiten, denen ihr begegnet, und wie geht ihr damit um?

Eine Schwierigkeit besteht sicher darin, dass Themen wie Diversität oder queere Sichtbarkeit oft sehr schnell ideologisch gelesen werden. Manche Menschen reagieren bereits auf bestimmte Begriffe mit Abwehr, bevor überhaupt ein Gespräch entstehen kann.

Deshalb versuchen wir, konkrete und menschliche Zugänge zu schaffen. Unsere Projekte arbeiten stark mit Begegnung, Zuhören und Austausch. Das gilt sowohl für „Immer hier“ als auch für „SOLUNA“: Das Projekt verschränkt Deutschunterricht für Frauen mit Migrations- und Fluchterfahrung mit Dialog in den Dörfern, in denen die Frauen leben.

Eine weitere Herausforderung ist die emotionale Verantwortung. Wenn Menschen persönliche Geschichten erzählen – etwa über Ausgrenzung oder Unsichtbarkeit –, braucht das Vertrauen und einen sensiblen Umgang.

Und natürlich gibt es auch die ganz praktischen Schwierigkeiten kultureller Arbeit: Finanzierung, Zeit und prekäre Bedingungen. Wir sind noch ganz am Anfang und die Finanzierung unserer Projekte ist zum Teil sehr mühsam - auch wenn wir denken, dass unsere Arbeit für Menschen wesentlich sein kann. Ich denke an das Projekt „SOLUNA“, aber auch an das Projekt „Safer Space“. 

Wenn du eine Geschichte auswählen könntest – real oder fiktiv –, die alle Menschen zumindest einmal hören sollten: Welche wäre das und warum?

Vielleicht keine einzelne Geschichte, sondern die Erfahrung, jemandem wirklich zuzuhören, dessen Leben völlig anders verlaufen ist als das eigene.

Viele gesellschaftliche Konflikte entstehen dort, wo Menschen nur noch übereinander sprechen, aber nicht mehr miteinander. Geschichten können diese Distanz manchmal aufheben.