Highway to „Hell“
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Jetzt S+ abonnieren„Es ist ein fester Bestandteil meines Lebens, deshalb ist es von grundlegender Bedeutung. Es ist ein sich ständig weiterentwickelnder Weg“, meinte die Künstlerin Silvia Hell im ausführlichen Gespräch mit SALTO unter dem Titel A Form of History vor knapp einem Jahrzehnt auf die Frage, welche Bedeutung Kunst für ihr Leben habe. Seit vergangenem Donnerstag stellt sie mit dem Musiker, Komponisten und Soundkünstler Antonio Giuranna in der Gefängnisgalerie in Kaltern aus. „Wir sind nicht verwandt oder verschwägert“, betonte Irene Hell, Präsidentin der Galerie Gefängnis Le Carceri, bei der Eröffnung, damit auch ja nicht irgendwelche Gerüchte zu Freunderlwirtschaft im zeitgenössischen Kunstbetrieb aufkommen.
„Hells“ Angels
Silvia Hell und Antonio Giuranna sind seit vielen Jahren ein Paar und haben seit ein paar Monaten eine gemeinsame Tochter, die sie auf den Namen Alma getauft haben. Alma nennt sich auch eine gemeinsame Videoarbeit, die Hell und Giuranna im ersten Stock ihrer Tochter widmen und dem Publikum zur Veranschaulichung bringen.
Das Gespräch zur Ausstellung mit Silvia Hell dreht sich vor allem um die künstlerische Praxis der Künstlerin, die sich seit ihrem Studium an der Accademia di Brera in Mailand mit Natur, Technologie, Raum, Zeit, Erinnerung, Sprache, Musik und Umweltprozessen auseinandersetzt. Ihre Arbeiten entstehen häufig aus der Beobachtung von realen Umgebungen und verbinden wissenschaftliche bzw. gesellschaftliche Fragestellungen mit visuellen und akustischen Experimenten. Dabei interessiert sie besonders das Verhältnis zwischen dem Menschen und den von ihm geschaffenen technischen Systemen sowie die Frage, wie sich Wahrnehmung, Erinnerung und Erfahrung in künstlerische Formen übersetzen lassen.
Dataista
Dass in Kaltern aktuell bei mehreren Tatbeständen (Kalterer See, Haus der Solidarität, ect.) die sprichwörtliche „dicke Luft“ vorherrscht, kommt der Künstlerin und dem Künstler entgegen, denn sie beschäftigen sich – und das manifestieren sie ausführlich im größten der vielen kleinen Räume im zweiten Stock – mit den Themen Umweltverschmutzung und Luftqualität. Ausgangspunkt sind Daten über verschiedene Substanzen bzw. Schadstoffe in der Umgebung von Mailand, Brescia oder Livorno.
So entsteht aus den Daten auch schon mal eine Art grafische Partitur, die anschließend von Musikerinnen und Musikern interpretiert wird. Nachdem Daten und ihre visuelle Darstellung bei Silvia Hell seit jeher eine wichtige Rolle spielten – dass ihr sogar der Zuname Dataista (in Anlehnung an die Dadaisten) gegeben wurde –, kommt nun mit den musikalischen Improvisationen Giurannas ein weiteres erlebbares Element dazu und die dargestellten Linien und Farben werden nicht nur mehr sichtbar, sondern auch hörbar gemacht.
Große Träume, kleine Räume
Ein zweiter großer Themenbereich ist das Träumen und die Erinnerung. Silvia Hell verbindet geometrische Formen mit unterschiedlichen Begriffen und Erfahrungen. Silvia Hells Figuren werden in mehreren Teilen und unterschiedlichen räumlichen Situationen untersucht. Dabei interessiert sie besonders die Veränderung von Wahrnehmung durch Raum und Zeit. Die Figuren verändern ihre Wirkung abhängig davon, aus welcher Perspektive man sie betrachtet und wie man sich durch den Raum bewegt. Die Künstlerin untersucht außerdem die Spannung zwischen dem Ich im Traum und dem Ich im Wachzustand. „Die Erinnerung an einen Traum verbindet beide Zustände, obwohl sie nicht vollständig miteinander vereinbar sind“, erzählt sie.
Besucherinnen und Besucher können ihre eigenen Erinnerungen oder Traumerfahrungen schriftlich in einem Traumbuch hinterlassen. Diese Texte werden anschließend von der Künstlerin aufgenommen, skizziert und in neue visuelle Formen übersetzt. Die individuellen Erinnerungen werden dadurch zu einem gemeinsamen künstlerischen Material. Dadurch entsteht ein interessantes Verhältnis zwischen subjektiver und kollektiver Erinnerung.
Bei der Eröffnung gab es neben Begrüßung, Einführung, Gespräch, Wein und Brötchen vor allem viel Regen sowie eine musikalische Performance von Antonio Giuranna. Ganz im Zeichen des Dataismus und der Improvisation.