Elisabeths Freiräume
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Jetzt S+ abonnierenElisabeth Frei, die Künstlerin, die hier im Kunstforum Unterland ausstellt, ist in Südtirol vielfach präsent. Zwischen ihrem Geburtsort Sterzing, ihrer Heimat Lajen, dem Stadtmuseum Klausen, dessen Beirat sie angehört und der SALTO-Redaktion Bozen. Ihr Ausstellungs-Engagement spannt sich von religiösen Grundthemen in der Kommende Lengmoos bis hin zur Lage des Bauernstandes wie im Vorjahr auf Schloss Tirol.
Vor allem aber lebt und arbeitet sie in Lajen, dem Dorf hoch über dem Eisacktal, nahe an Gröden und doch in sicherer Entfernung von dem touristischen Hot-Spot. Eingebunden in die Ortsgemeinschaft, schafft Elisabeth Freiräume für Kunst und Ausstellungen, mit den regelmäßigen Präsentationen „Kunst im Gange“ im Gemeindehaus, die sie kuratiert. Mitten im Dorfleben, nahe bei den Leuten, weiß Frei die „Lojdner“ zu nehmen, kennt ihre Macken und Mucken, aber auch ihre kulturellen Stärken: So beginnt genau heute in Lojdn das Dings-Do-Festival, seit 14 Jahren ein Glanzlicht der jungen Indie-Szene.
„Eine der wenigen Kunstschaffenden, die den Umbruch Südtirols im letzten Jahrzehnt ästhetisch begleiten.“
Elisabeths genauer Blick auf das örtliche Umfeld, erweitert auch auf Südtirol, inspiriert sie seit langem zu künstlerischen Kommentaren zu Politik und Alltag. Ihre Arbeiten reagieren auf die schrägen Windungen von Politik, Gesellschaft und Alltag; nicht mit ätzend-zynischen Zerrbildern, sondern mit ironischen, fast liebevollen Übersteigerungen. Virtuos in Materialverwendung und Technik, wobei sie Zeichnungen ebenso souverän einsetzt, wie Farbkompositionen, Montagen und Collagen. Ihre konstanten Interventionen, die sie auch in Portalen wie SALTO publiziert, machen sie zu einer der wenigen Kunstschaffenden, die den Umbruch Südtirols im letzten Jahrzehnt ästhetisch begleiten.
Elisabeth Frei hat ein Archiv der Gegenwart aufgebaut, dessen Wert sich erst langsam zeigt. Ohne Scheu davor, auf Phänomene in Gesellschaft und Politik unmittelbar zu reagieren und sie zügig zu visualisieren. Denn sie weiß: Über den Tageswert hinaus schärft sie ihr eigenes Sensorium für den tiefgreifenden Wandel, der sich abzeichnet. Und sie erspürt und entwickelt dafür künstlerische Formate, die über den Tag hinaus ihren Wert bewahren. Was in ihren Arbeiten zunächst als ironische Beiläufigkeit erscheint, als flüchtiger Flash der Tagesaktualität, gewinnt staunenswerte Dauer. Dieses simultane Empfinden der Dauer im Wandel ist in Elisabeth tief verankert. Sie versteht Landschaften zu lesen und sieht die Anzeichen ihrer Transformation. Sie liebt Pflanzen und vernimmt deren stumme Sprache. Farben gewinnt sie oft aus Erdböden und Pflanzenrückständen; diese Rückbindung an Landschaft und Natur enthebt ihre Arbeiten dem flüchtigen Tageswert.
„Magari“ – kein Larifari
So hat auch das locker-flockige Motto dieser Ausstellung tieferen Sinn: „Magari“ ist in Südtirol ein geflügeltes Wort. Es steht für die landesübliche Unbestimmtheit, für die verbreitete Kunst, sich ja nicht festzulegen. „Magari sehen wir uns nächste Woche … magari kimm i wieder amol vorbei“: Wer dies vernimmt, kann ziemlich sicher sein, dass das Treffen eher nicht stattfinden wird. Auch die hoffnungsvolle Sentenz „Magari zieht Urzì seinen Änderungsantrag zurück“, ist eher frommer Wunsch als konkrete Aussicht.
„Südtirols Markenzeichen ist die Ambiguität, die Tatsache, dass hier alles mehrfache Bedeutung haben kann.“
Mit „Magari“ trifft Elisabeth Frei einen Kern Südtiroler Eigenart: Denn Südtirols Markenzeichen ist die Ambiguität, die Tatsache, dass hier alles mehrfache Bedeutung haben kann. Nur zu gerne lassen wir vieles in der Schwebe, ohne uns wirklich festzulegen. Dafür stehen Wörter wie „Magari“, die durch die Entlehnung aus dem Italienischen zusätzlich an Unverbindlichkeit gewinnen.
Die Ambiguität ist also eine Südtiroler Spezialität, der Modus der Unbestimmtheit ein steter Schutz, oft verstärkt durch die Halbtöne des Dialekts. Wenn etwa jemand von einem Missgeschick erzählt, das ihm oder ihr widerfahren ist, kommt als Kommentar gerne ein langgezogenes „Na geah“. Dies kann ebenso Mitleid wie Schadenfreude bedeuten. Die Ambiguität ist der „Sound of Südtirol“, als akustischer Teil seiner Dachmarke, steht sie für die Authentizität des Unbestimmten.
Drei Schwerpunkte
Die Arbeiten, die Elisabeth Frei in den Gewölben des Kunstforums Unterland präsentiert, greifen die Südtiroler Doppeldeutigkeiten in drei Formaten auf.
Sie zeigen zum einen, welche Produkte und Kreationen der Südtiroler Dachmarke und ihrer Farbpalette entspringen. Dabei werden die Bilder der Werbewelt zu einem beinahe schon Phantastischen Realismus übersteigert. Sie spielt mit dem Rot-Weiß des Südtiroler Specks, das zugleich Symbolfarbe eines gefakten Patriotismus ist – „suspeckt“ im doppelten Sinne.. Die Farben der Dachmarke legen einen Teppich aus bis zum Kirchlein Ranui im Villnösstal, eine weltweit viralen Insta-Motivs. Oder ihre Farben ebnen die Bahn für den geplanten Aufzug von Klausen nach Kloster Säben, sodass die Farbkombinationen der Dachmarke zum Signal immerwährender Verwertung wird, zur bunten Flagge, die über dem „begehrtesten Lebensraum Europas“ flattert, wie der IDM-Selbstanspruch vor wenigen Jahre noch lautete.
„Herzstück von “Magari„ ist ein Markenzeichen Südtirols: Der blaue Schurz.“
Die zweite Strecke von Kompositionen hat Elisabeth einen Zyklus von Bildern entfaltet. Es handelt sich um Übermalungen vorhandener Motive, von Zeitungsvorlagen oder Buchillustrationen, die Elisabeth mit Acrylfarben übermalt und so neue Botschaften nach außen vermittelt: Die Szenarien aus dem Südtiroler Alltag übersteigern konsequent die Realität und machen sie dadurch umso genauer sichtbar.
Herzstück von „Magari“ aber ist ein Markenzeichen Südtirols: Der blaue Schurz. Frei bringt Schürzen technisch geschickt in Pose und bildet sie um zu autonomen Skulpturen, die die Haltung ihrer Träger erahnen lassen. Der Schurz ist Ausdruck von Zugehörigkeit zur Ortsgemeinschaft, aber auch ein Schutzvorhang, ein Paravent, der selbstsichere, auftrumpfende, oft auch unsichere Männlichkeiten verbirgt. Elisabeth hat die Schürzen mit Kleister gefestigt und in den blauen Textilien die Körpersprache und -haltungen der Träger sichtbar gemacht. Es sind keine gekauften und anschließend artifiziell zugerichteten Textilien, sondern Elisabeth hat sie ihren Besitzern abgeluchst. Bis hin zu einem Schurz, der längst zum Reinigen von Traktor-Ölwannen verwendet wurde.
Vier aufeinander ausgerichtete Schürzen zeigen eine Gruppe von Kartenspielern, in der Pose abwartend-lauernder Kommunikation, die den Reiz des Wattens ausmacht. Die Schürzen sind die ungewöhnlichsten Skulpturen, die man sich denken kann, denn auch ohne die Anwesenheit der Körper bleibt ihr jeweiliger Ausdruck erkennbar, sogar die Persönlichkeit des Trägers ablesbar.
Des Pudels Kern
So greift schließlich auch das Hauptbild der Ausstellung „Am Pudel“ eine Südtiroler Grundstimmung auf: Die am Barpudel abhängenden Mander harren in abwartender Pose auf das Kommende: „Magari bstell mer nou an Runde“, signalisiert die entspannte und doch leicht drängende Körperhaltung. Hinter den beschürzten Herren aber blickt uns ein leibhaftiger Pudel entgegen, der uns mustert, vielleicht sogar ein wenig bedrohlich. Kein Zufall: Wie wir von Goethes Faust wissen, kann sich im Hund der Teufel verbergen, als „des Pudels wahrer Kern“.
Und so wissen auch wir in Südtirol nicht, wie lange wir noch etwas zu bestellen haben. In die ungewisse Zukunft, der auch unser Land Jahr um Jahr entgegengeht, begleitet uns Elisabeth Frei seit geraumer Zeit mit ihrem Archiv der Gegenwart, das Ereignisse und Befindlichkeiten laufend kommentiert. Immer deutlicher wird: Sie schafft Wegweiser von künstlerischem Rang, die nicht zeitgebunden sind, sondern als Marker Jahr um Jahr an Wert gewinnen. Elisabeth Frei lässt keine satirischen Luftballons über dem Land zerplatzen lässt, es sind keine Vignetten, die am Ende des Tages zerknüllt zurückbleiben, sondern subtile Kommentare, die den Tag überdauern. Zugleich Kunstwerke, die sich dank ihrer technischen Finesse und kreativen Kraft vom Alltag freispielen, den sie abbilden. Diese Freiheit, die sie für sich selbst gewonnen hat, gibt sie auch an uns Betrachtende weiter, als ein großes Geschenk. Vielleicht nehmen wir es an – „Magari“!
„Magari“
Die Ausstellung „Magari“ kann im Kunstforum Unterland in Neumarkt vom 22. August bis 5. September 2026 besucht werden.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag, von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr.