Gesellschaft | Soziales

Eine Wohnung als Anfang

Das Dormizil feiert sein erstes Jahr mit dem Konzept „Housing first“. Außerdem gibt es Wasch- und Austauschmöglichkeiten für Menschen mit und ohne Dach über dem Kopf.
Das Dormizil in der Bozner Rittnerstraße 25: Es ist ein Bezugspunkt für obdachlose Menschen geworden, aber auch Vereine und Interessierte zieht es an. Bild: Petra Lemayr

Dieser Artikel ist für dich kostenlos. Unabhängiger Journalismus in Südtirol braucht aber deine Unterstützung. Wir würden uns daher freuen, wenn du ein SALTO Abo abschließen würdest. Vielen Dank!

Jetzt S+ abonnieren

Eine eigene Tür, ein Schlüssel, eine feste Adresse: Ein Jahr nach der Eröffnung ist das Dormizil „Ulli Lerchbaumer“ in der Rittner Straße 25 in Bozen zu einem festen Bezugspunkt für obdachlose und ehemals obdachlose Menschen geworden. Seit dem vergangenen Winter sind sieben der acht Wohnungen belegt. In den kommenden Wochen wird die letzte Wohnung vergeben. Sechs Menschen nutzten bisher dormiTIME, dormiWASH war an 52 Tagen geöffnet und dormiHUB rund 60 Mal belegt. Mit Ausnahme der Sozialarbeit werden alle Angebote ehrenamtlich organisiert und geführt.

„Ins Haus ist Leben eingezogen und damit ist Wohnraum und zugleich ein Ort entstanden, der Menschen Sicherheit gibt und ihnen neue Schritte ermöglicht.“

Das Herzstück sind die acht Wohnungen von dormiHOME. Seit dem vergangenen Winter wurden sechs Wohnungen belegt. Vor wenigen Tagen ist der siebte Gast eingezogen, bis Ende des Jahres wird auch die letzte Wohnung vergeben sein. Alle Bewohnerinnen und Bewohner bezahlen Miete und tragen die Stromkosten selbst. Derzeit leben Personen im Alter zwischen 46 und 79 Jahren dort. Sie sind in Südtirol aufgewachsen oder leben seit Jahrzehnten im Land, einige verbrachten viele Jahre auf der Straße. Eine Wohnung löst ihre Probleme nicht automatisch: Viele bringen psychische oder körperliche Erkrankungen, Abhängigkeitserkrankungen, belastende Beziehungen und die Folgen jahrelanger Obdachlosigkeit mit. Oft zeigt sich erst in der Sicherheit der eigenen Wohnung, wie erschöpft oder krank sie tatsächlich sind.

dormiWASH: Seit dem 12. Jänner können im Dormizil obdachlose Menschen duschen, ihre Wäsche waschen und trocknen. Petra Lemayr

„Eine eigene Haustür und ein Schlüssel nehmen den Menschen zunächst die Angst, den Schlafplatz wieder zu verlieren. Erst dann lässt die jahrelange Anspannung nach“, sagt die angestellte Sozialbetreuerin Monika Stuefer. „Manche brechen nach dem Einzug gesundheitlich zusammen oder beginnen erst jetzt eine Therapie. Die Wohnung macht sie nicht automatisch gesund. Sie schafft aber ein stabiles Umfeld, in dem Begleitung und Genesung möglich werden.“ 

„Wer viele Jahre auf der Straße gelebt hat, musste vor allem das eigene Überleben sichern. Vertrauen und soziale Kontakte entstehen nicht von heute auf morgen“, erklärt Paul Tschigg, der die Menschen in der Unterkunft ehrenamtlich begleitet. „Unsere Aufgabe besteht auch darin, verschüttete Fähigkeiten zu erkennen und die Menschen zu neuen Schritten zu ermutigen“, so Tschigg. Zusätzlich begleitet der Verein sieben Wohnungen des Wohnbauinstituts (Wobi) in verschiedenen Stadtteilen. „Housing First beginnt mit einer Wohnung, endet dort aber nicht“, sagt Vorstandsmitglied Maria Lobis. 

Unterkunft, Körperpflege und erste Kontakte

dormiTIME bietet in den oberen Stockwerken eine vorübergehende Unterkunft in einer Wohngemeinschaft mit fünf Betten. Der Aufenthalt ist auf drei Monate begrenzt und kann in Ausnahmefällen um weitere drei Monate verlängert werden. Seit Dezember nutzten sechs Menschen mit einer konkreten Perspektive das Angebot. Sie brauchten wegen einer Therapie, einer Erkrankung, eines Studiums, eines Wohnungsumbaus oder einer anderen Notlage vorübergehend ein Zuhause.

Bei dormiWASH können obdachlose Menschen seit dem 12. Jänner duschen sowie ihre Wäsche waschen und trocknen. Wegen des Bedarfs kam zum Montagvormittag im Juli auch noch der Mittwochnachmittag dazu. Bis 24. September war der Dienst an 52 Tagen geöffnet. Zwei Freiwillige betreuen jeweils bis zu vier Menschen, rund zwölf Personen wechseln sich ab. Seit Jänner wurden zwei Frauen und neun Männer regelmäßig begleitet. Neben Körperpflege und sauberer Kleidung geht es um Zeit, Gespräche und Informationen. Die Menschen lernen einander kennen und helfen sich auch untereinander. Die Erstanmeldung läuft über Monika Stuefer.

Ort für Austausch: Der dormiHUB soll unterschiedliche Lebenswelten zusammenbringen. Petra Lemayr

Der dormiHUB öffnet das Haus zur Stadt. Externe Organisationen nutzten den Raum rund 32 Mal für Seminare, Klausuren, Kultur sowie Jugend- und Sozialarbeit. Hinzu kam eine Ausstellung des ehemals obdachlosen Künstlers Carlo D’Andrea. Der Verein selbst nutzte ihn rund 30 Mal. Eine Freiwillige verwaltet den über www.dormizil.org gegen eine Spende buchbaren Raum.

„Der dormiHUB bringt unterschiedliche Lebenswelten miteinander in Kontakt“, erklärt Norbert Pescosta. „Menschen, die sonst kaum mit Obdachlosigkeit in Berührung kommen, begegnen hier den Bewohnerinnen und Bewohnern. Begegnung beginnt damit, dass jemand grüßt, einen Namen kennt und sich beim nächsten Besuch daran erinnert.“ 

Getragen von der Zivilgesellschaft

Schnappschuss bei der Eröffnung: v.l. Hans Peter Haselsteiner, Ulli Lerchbaumer und Arno Kompatscher; Dormizil

Dass es das Dormizil „Ulli Lerchbaumer“ heute gibt, ist einem außerordentlichen Einsatz der Südtiroler Zivilgesellschaft zu verdanken. Die Haselsteiner Familien-Privatstiftung stellte das Gebäude für 30 Jahre kostenlos zur Verfügung. Die Stifterin Ulli Lerchbaumer sagt: „Ich bin begeistert, was durch den großartigen Einsatz aller in ‚meinem‘ Dormizil entstanden ist. Ins Haus ist Leben eingezogen und damit ist Wohnraum und zugleich ein Ort entstanden, der Menschen Sicherheit gibt und ihnen neue Schritte ermöglicht.“

Die 39 Südtiroler Raiffeisenkassen und die Raiffeisen Landesbank unterstützten den Umbau mit 855.000 Euro. Mehr als 1.600 Spender, darunter Einzelpersonen, Unternehmen, Stiftungen und Vereine, halfen mit Geld, Materialien sowie ermäßigten oder kostenlosen Arbeitsleistungen. Pohl Immobilien koordinierte den Umbau kostenlos, die Architekt Sylvia Lehnig, Markus Lunz und Birgit Dejaco planten ihn. Einschließlich Photovoltaikanlage und Wärmepumpe blieb das Projekt mit 1,4 Millionen Euro im vorgesehenen Kostenrahmen. „Was hier entstanden ist, war nur gemeinsam möglich“, sagen die Vorstandsmitglieder Paul Tschigg, Maria Lobis und Norbert Pescosta. (al)

SALTO-Artikel in der Google-Suche bevorzugt anzeigen lassen