Irgendwann kommt sie
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Jetzt S+ abonnierenDie Etsch kommt wurde an jenem 19. Juli 1981 unzählige Male gerufen, von Salurner zu Salurner. Auch mehr als vier Jahrzehnte später ist der Satz im Dorf immer noch präsent. Die Etsch kommt als Erinnerung an ein großes Unglück und als Beschwörung einer drohenden Zukunft. Immer wenn es lange regnet, stehen irgendwann die Menschen draußen am Etschdamm und schauen aufs Wasser. Irgendwann fangen die ersten an, ihre Habseligkeiten in höhere Gebiete zu bringen, irgendwann macht die Feuerwehr die Runde und warnt die Menschen.
Eine Überschwemmung vor 45 Jahren, bei der es weder Tote noch Verletzte gab, hat einen Ort und seine Menschen nachhaltig geprägt, auch jene, die damals noch gar nicht auf der Welt waren.
Und Salurn war ja beileibe nicht der einzige Ort in Südtirol, der unter Wasser stand. Daran erinnert eine Ausstellung im Bozner Merkantilmuseum, die Bilder von Katastrophen in Südtirol und dem Trentino der vergangenen 150 Jahre zeigt, dazu Filme und altes Kartenmaterial.
Schlamm und Wasser
Die beeindruckenden Bilder zeigen weggeschwemmte Bahngleise, Apfelwiesen unter Wasser. Eine komplette Hausgemeinschaft auf dem Balkon voller Geranien, nur 50 Zentimeter darunter steht das Wasser. Feuerwehrmänner und freiwillige Helfer versorgen die Menschen in den Häuser mit dem Lebensnotwendigsten. Und überall Schlamm.
Menschen in Booten und auf improvisierten Flößen, grob zusammengezimmert aus dem, was halt grad da war. Die Bilder erzählen auch von einer Zeit, als es so etwas wie einen Zivilschutz noch kaum gab. Vor ein paar Jahren, bei der Erinnerung an die Überschwemmung von 1981, erzählten die älteren Salurner, wie die damaligen Schlauchboote beim ersten leichten Kratzer ein Leck bekamen und sanken.
Auch Trient ist dabei, die berühmte „Torre Verde“, die aus dem Wasser ragt oder zwei Männer, die im Boot am Trienter Bahnhof vorbeifahren.
Was man kaum sieht: Wassermassen in Bewegung. „Fotografiert wird in der Regel erst, wenn das Schlimmste vorbei ist. Ein häufiges Bildmotiv ist das Betrachten der Schäden“, heißt es im Ausstellungskatalog. Mal sehen, wie die nächste Überschwemmung dokumentiert wird, wenn jeder ein Mobiltelefon in der Tasche hat.
Lebensthema Etsch
Mit dem, was war, hat sich Kurt Werth aus Neumarkt intensiv befasst, er hat 20 Jahre lang zur Geschichte der Etsch geforscht. Er wohnt in der Nähe des Flusses, obwohl nie direkt davon betroffen, habe die Angst vor dem Hochwasser sein Leben geprägt. „Bei Hochwasser liegt mein Schlafzimmer fünf Meter unter dem Wasserspiegel. Da kann man schon mal nervös werden.“ Als er bemerkte, dass es keine Veröffentlichung über die Geschichte der Etsch gab, machte er sich an die Arbeit. Trug Dokumente und Zeitzeugenberichte zusammen, durchforstete Archive, hortete kistenweise Material und setzte seine Ehe aufs Spiel. Die Ehe hielt, das Buch erschien und ist schon seit langem vergriffen.
Im Merkantilmuseum präsentiert er in einer knappen Stunde eine intensive, kurzweilige und sehr hörenswerte Geschichte der Etsch im Zeitraffer. Vom Etschgletscher aus prähistorischer Zeit, unvorstellbar hoch, der bis in die Poebene reichte und den Kalterer See als Überbleibsel zurückließ bis zu Plinius' Athesis, aus dem später die Etsch wurde.
Ein wilder Fluss
Einst war die Etsch ein wilder Fluss, es gab Auwälder, Sümpfe und stehende Gewässer, es ging um Weiderrechte und die Flößerei und immer wieder um Überflutungen.
Über lange Zeit versuchten die Menschen, den Fluss zu bändigen, schon Michael Gaismair verlangte dies 1526, Landeshauptmann Kassian Ignaz von Ezenberg scheiterte am Geld, der reiche Bozner Kaufmann Johann Josef von Menz gründete die Menzische Moosaustrocknungsgesellschaft, pachtete Flächen und legte sie trocken.
Man baute Dämme und Kanäle, die das nächste Hochwasser fortspülte, bevor sie fertig waren. 1797 waren es die Franzosen, die die Dämme aus Faschinen abbrannten.
Begradigungen sollten den Fluss bändigen. Die „Durchstich“ genannten Kanäle wurden angelegt und vom Wasser durchflossen, bis der Altarm versandete. Dieses Nebeneinander dauerte teilweise 30 bis 40 Jahre, bis heute sind die alten Durchstiche die kritischen Stellen, Schwachpunkte im Damm.
Ein weiteres großes Problem war, dass alle Zuflüsse rechtwinklig auf die Etsch trafen und bei Hochwasser die Etsch zurückstauten. Erst als der Eisack umgeleitet und sein Zusammenfluss mit der Etsch nach Süden verlegt wurde, verbesserte sich die Situation.
Aber gut war es immer noch nicht. Bis Kaiser Franz Josef ein Machtwort sprach und 1879 verfügte: „Die Etschregulierung zwischen der Passer-Mündung und Sacco bildet ein einheitliches in sich zusammenhängendes Ganzes.“ Als dann auch der Noce umgeleitet wurde, war die Etsch endlich unter Kontrolle.
Fast.
Hochwasser gab es auch danach, und bis heute, wenn auch das letzte, 1987 bei Sigmundskron, auch schon fast 40 Jahre zurückliegt.
„Das Risiko? Sehr groß“
Und heute? Wie groß ist das Risiko? „Sehr groß“, sagt Werth ohne Umschweife. „Irgendwann kommt sie wieder.“
In den vergangenen Jahren gab es ja mehrmals Hochwasser, nur sehr knapp schrammte man an der Katastrophe vorbei. In Neumarkt, hat Werth dokumentiert, gab es zwischen 1997 und 2002 alljährlich Pegelstände von 6 Metern und mehr, ebenso 2018 und 2023. 2020 und 2021 stieg das Wasser auf über 7 Meter. Grund dafür? „Die Versiegelung und große Regenmengen in kürzester Zeit.“
Das Land tue das Möglichste. Die Dämme wurden mit Eisenelementen verstärkt, es wurden Drainagen angelegt, die Dämme werden überwacht und wo nötig die Vegetation zurückgeschnitten. Weiter erhöhen kann man die Dämme aus Gründen der Statik nicht. Das Flussbett vertiefen geht aus demselben Grund nicht.
Die Folge? Je nach Flussquerschnitt verkraftet die Etsch einen Durchfluss von 1.500 und 1.700 Kubikmetern Wasser pro Sekunde. Vor allem auf Höhe Neumarkt ist der Durchfluss beschränkt. Fließt mehr Wasser, ist die Stabilität der Dämme zweitrangig. Die Etsch geht über.
Dagegen tun kann man nichts. „Man kann warten und hoffen, am Ende ist man machtlos.“
Wohin mit dem Wasser? In die Rienzschlucht
In Salurn etwa wurden vor den Gemeinderatswahlen 2020 Rückhaltebecken im Talgrund gefordert, um die Dämme zu entlasten. Der beim Vortrag anwesende Fabio De Polo, Direktor der Wildbachverbauung, ist da skeptisch. Erstens brauche es solche Becken, wenn sie das Unterland entlasten sollen, zumindest vor Bozen. Und außerdem seien die Ausmaße gewaltig: Man müsse Platz für 60 Millionen Kubikmeter finden, um die Etsch um 100 bis 150 Kubikmeter pro Sekunde zu entlasten. Für 60 Millionen Kubikmeter bräuchte es, eine Wasserhöhe von drei Metern angenommen, eine Fläche von 20 Millionen Quadratmeter, das sind 2.000 Hektar oder 20 Quadratkilometer. Ein Quadrat mit 4,5 Kilometer Seitenlänge. Woher nehmen?
Kurt Werths Lösung? Ein Rückhaltebecken mit einer hohen Staumauer in der Rienzschlucht bei Elvas. Würde man das Wasser der Rienz ein paar Stunden aufhalten, könne das schon reichen, sagt Werth. Das Projekt liege seit Jahrzehnten in der Schublade. Kosten: 300 Millionen Euro. Also so viel wie rund drei Dorfumfahrungen. Und wie viel Schaden würde ein Hochwasser anrichten? De Polo sagt, die Vorstudien seien günstig, aber man müsse sich genauer ansehen, ob der Standort passt.
Bis dahin pflegt man die Dämme, nutz Stauseen als Rückhaltebecken – und hofft, dass es aufhört zu regnen.
Land unter – Terre sommerse
Die Überschwemmungen der Etsch in Südtirol und dem Trentino in Fotografien
Sechzig Jahre nach den verheerenden Überschwemmungen im November 1966 zeigt die Ausstellung eine Auswahl an Fotografien aus den Beständen der Länder Südtirol (Amt für Film und Medien, Südtiroler Landesarchiv, Agentur für Bevölkerungsschutz) und Trentino (Servizio tecnico Soprintendenza per i beni culturali, Ufficio per i beni storico-artistici), Fondazione Museo storico del Trentino und Trento Film Festival.
Öffnungszeiten: 10.00 – 13.00 Uhr, 14 – 17.30 Uhr. Sonn- und Feiertage geschlossen.
Die Ausstellung im Merkantilmuseum Bozen läuft bis zum 17. Oktober. Der Eintritt ist frei.
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Zum Glück ist Südtirol -b i s h e r- von den im Mittel-Meer in letzter sehr häufig auftretenden punktuellen Starkregen verschont geblieben ...!
„-V o r- allen die Siedlungen ...! in den engen Tälern bräuchten sehr dringend >>>sehr große Ausweich-Flächen<<<, in denen im die Bäche entlastet werden können ...!“
„Die Entschädigungen für die Beseitigung des Schlammes + für abgstorbene Obstbäume,“ wären im Vergleich zu den Schäden die Hochwasser in den Siedlungen anrichtet, „fast un-bedeutend ...!“
In meinem Bücherregal…
In meinem Bücherregal befindet sich ein Buch mit alten Bildern von der Botzner Gegend. Auch Dort und Damals machten Etsch und Eisack das Leben der Bevölkerung bedrohlich und mitunter zur tödlichen Gefahr.