Oh! Meran
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Paradies mit Nebenwirkungen
Ex libris
Dieser Auszug aus dem Buch von Anita Rossi ist Teil des Formats „Ex libris“ auf SALTO.
Questo estratto dal libro di Anita Rossi fa parte del formato „Ex libris“ su SALTO.
Eigentlich braucht es wenig, um sich mit der Welt zu versöhnen. Einen Platz an der Sonne, eine Bank an einem der Meraner Promenierwege mit Blick auf Jahrhundertwende und Mittelalter, auf Berge und Schlösser. Seufz. Und dann noch dieses klimatische Weltwunder: nahezu 300 Sonnentage im Jahr, Schneeberge hinter Palmen – ein Bild, das an Kitsch erinnert. Und stimmt. Die Stadt lebt von solchen Bildern, kultiviert, poliert. Und ja: Das Alpin-Mediterrane funktioniert. Noch immer. Nach der Matura habe ich Meran verlassen. Mit Hunger auf Welt. Zurückgekommen bin ich oft – lange nur auf Besuch: wegen der Eltern und Geschwister, der vertrauten Wege. Erst aus zeitlicher und räumlicher Distanz entdeckte ich Meran neu. Ich bin ein Kind dieser Stadt: zweisprachig aufgewachsen in Südtirols einziger Ortschaft, in der Deutsch- und Italienischsprachige nahezu die Balance halten. Das Switchen von einer Sprache in die andere war mir ab dem Kindergarten selbstverständlich. Das brachte mich früh in eine Sonderposition: Bei den Deutschsprachigen war ich die Walsche, bei den italiani die crucca.
Nur 42.000 Menschen bewohnen das Städtchen, trotzdem hatte und hat es weltstädtischen Flair.
So oder so eine von den anderen. In meiner Kindheit war alles Ethnische spaltend, verbunden mit Ausgrenzung und geballten Fäusten. Als Jugendliche bin ich gegen ethnische Käfige auf die Straße gegangen. Heute wird in Meran nicht mehr nur Deutsch und Italienisch gesprochen, sondern Albanisch, Arabisch, Urdu … und immer öfter Englisch. Meran hat einen der höchsten Anteile an Zugewanderten in Südtirol: 18 Prozent der Wohnbevölkerung. Das frühere Entweder-oder ist brüchig geworden. Nicht aber mein Bedürfnis nach Grenzüberschreitungen. Über Meran schreiben konnte ich lange nicht. Zu nah waren die Orte der ersten Male: die ersten aufgeschürften Knie, der erste Kuss, diese magische Zeit, in der man noch alles werden und alles würde verändern können. Meran ist Teil meiner innersten Geografie. Nur 42.000 Menschen bewohnen das Städtchen, trotzdem hatte und hat es weltstädtischen Flair. Und Glamour: Kaiserin Sis si, Kafka, Zweig, Schnitzler – später Prominenz aus Film, Politik und Sport. Ich stolperte mal Klaus Kinski über den Weg und er schauderte vor dem eisigen Blau seiner Augen. Den Buckel von Giulio Andreotti, damals Ministerpräsident, hatte ich in der Kirchenbank vor mir. Die Menschen kamen zur Kur, zum Entschlacken, zum Gesundwerden – oder zum Sterben. Folgerichtig gibt es hier einen katholischen, einen evangelischen und einen jüdischen Friedhof. Seit rund 150 Jahren ist Meran Ort des Kommens und Gehens, der Übergänge, der Ankünfte – auch jener Gäste, die fasziniert dablieben. Je nach Typ mit Vorliebe für Meran als schlummerndes Dornröschen oder als Selbstoptimiererin.
Heute zählt Meran an die 1,3 Millionen Nächtigungen im Jahr, mit Spitzen im Frühling und Herbst. Die Aufenthalte sind kürzer geworden, die Routinen eingeübt. Wer sich auf eine der vielen Sonnenterrassen setzt, erkennt rasch, dass Gäste aus Deutschland die Mehrheit stellen. Wer zu Stoßzeiten unter den Lauben unterwegs ist, dass die ältere Generation das Stadtbild prägt – eine Wahrnehmung, die den Ruf Merans seit Jahrzehnten begleitet und stresst. Ja, die Stadt ringt um ihr Selbstbild. Vor allem die Jüngeren hadern mit dem Altbackenen ebenso wie mit dem Hochglanz und einer sich anbiedernden Nostalgie. Gesucht wird eine andere Erzählung: weniger Vergangenheit, mehr Gegenwart einer lebenswerten Alpen-Kleinstadt, Tor zum Süden – ohne Maske und Schnörkel. Und mit mehr erschwinglichem Wohnraum. Meran hat es nicht nötig, hipp zu sein oder als #sehnsuchtsort inszeniert zu werden.
Zur Person
Die Autorin Anita Rossi, geboren 1969 in Meran, wuchs dort in einer italienischen Familie auf und besuchte die deutsche Schule – ein früher Hinweis darauf, dass Eindeutigkeit überschätzt wird. Sie studierte Germanistik und Anglistik mit Schwerpunkt Mediensprache in Österreich. Heute arbeitet sie als freischaffende Journalistin, Podcasterin und Dokumentarfilmerin. Sie lebt zwischen Brixen und Caorle, meist mit Mikrofon und Laptop unterwegs. Bei Folio erschien zuletzt Oh! Italiens Obere Adria (2025).
Mittelmäßigkeit, nein danke
DAS FRAUENMUSEUM
Nirgendwo kollidiert Idylle deutlicher mit Realitätsabgleich. Das Frauenmuseum zeigt Kante inmitten der Zierde. Eine Reise durch 200 Jahre gesellschaftlichen Wandels. Stufe um Stufe führt hinauf unter das Dach des ehemaligen Klarissenklosters (1309–1782) am Kornplatz – wie viele Frauenklöster Versorgungsanstalt und Verwirklichungsort zugleich. Der weite Dachraum mit Vitrinen und Schauecken entfaltet Gemütlichkeit. Licht fällt von oben auf Reifrock und Korsett. Eine Pendeluhr aus dem 19. Jahrhundert taktet den Besuch, wie einst den weiblichen Alltag im häuslichen Raum. Das Frauenmuseum beginnt mit Rüschenblusen, Miedern, Unterröcken, Hüten. Mit Dingen, die Frauenkörper geformt, begrenzt, geschmückt haben. Was wie Urgroßmutters Geheimkabinett wirkt, kippt beim zweiten Blick ins Politische. 1988 entwickelte Evelyn Ortner, Wahlmeranerin und leidenschaftliche Sammlerin, aus Südtirols erstem Secondhandladen ein Museum. Aus „Kleid und Tand“ wurde rasch ein Ort der Auseinandersetzung. Heute ist es das erste und einzige Frauenmuseum Italiens, international vernetzt und Hebamme des weltweiten Verbands der Frauenmuseen.
Zwischen Spitzenkragen, vergilbten Fotos und knalligen Outfits liegen frühe Verhütungsmittel, Menstruationsprodukte, Haushaltsgeräte, der erste Bikini. Stoff wird Argument. Unterwäsche erzählt von Moral, Hosen von Bewegungsspielraum. Sonderausstellungen widmeten sich Geburt, Gewaltmechanismen, Widerstand, Rollenbildern. Der Rundgang ist eine leise Zumutung: Wie viel Norm steckt in einem Kleidungsstück? Wie viel Anpassungsdruck in einem Schnitt? Ich habe in diesen Räumen Stimmen zugehört, die weiter reichten als bis zum Kornplatz. Die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi eröffnete 2008 in Meran den ersten internationalen Kongress der Frauenmuseen: Weltpolitik im Dachgeschoss. Das Frauenmuseum ist Archiv und Labor, das zeigt: Respekt ist keine Einbahnstraße. Die Kurstadt trägt markante Spuren von Frauen, auch wenn sie selten so gelesen werden: Unter den Lauben, Nr. 68, wurde 1342 Margarethe von Tirol vom Kaiser empfangen – jene Landesfürstin, die sich aus einer Zwangsehe gelöst und wieder geheiratet hatte.
Der Körperkult von Kaiserin Sissi verhalf Meran 1874 zum Krankenhaus und befeuerte den Bauboom im Tourismus.
Der Spottname „Maultasch“ klebte fortan an ihr. Krieg und Brand folgten auf weibliche Selbstbestimmung. Jahrhunderte später kuratierte eine Frau das Bild von Gastlichkeit: Emma Hellenstainer, möglicherweise die bekannteste Tourismuspionierin des Habsburgerreichs. Ihre Kinder eröffneten ihr zu Ehren in Meran das Grandhotel Emma (→ S. 75). Der Körperkult von Kaiserin Sissi verhalf Meran 1874 zum Krankenhaus und befeuerte den Bauboom im Tourismus. Mit ihm kamen italienische Dienstmädchen und Köchinnen aus dem Trentino, aus Venetien – meine Oma war eine von ihnen. Merans Eleganz beruhte auf weiblicher Arbeitskraft. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert suchten kranke Künstlerinnen wie die Komponistin Natalja Michailowna Prawossudowitsch Heilung im milden Klima. Die Moskauer Adelige Nadeschda Iwanowna Borodina förderte die russische Kolonie.
Zum Buch
Ein Platz an der Sonne mit Blick auf Jahrhundertwende und Mittelalter, auf Palmen, Berge und Schlösser. Man kam hierher zur Kur, zum Entschlacken, zum Gesundwerden – oder zum Sterben. Aber das ist längst nicht alles! Meran ist immer noch eine kleine Weltstadt mit Glamour. Dieses Buch erzählt von Zweisprachigkeit und Zugehörigkeit, Weinfestivals und botanischen Gärten, Thermen und alternativen ländlichen Lebensentwürfen, von Kanutradition, zeitgenössischer Kunst, Architektur und Subkultur. Und der Gegenwart einer Stadt, die den Spagat zwischen alpiner Bodenhaftung und mediterraner Leichtigkeit mit einer beinahe schon unverschämten Eleganz meistert.
Das Buch Oh! Meran von Anita Rossi ist im Folio Verlag erschienen.
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