So selbstbestimmt könnte das Leben sein
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Auf dem Papier gibt es das Recht auf Persönliche Assistenz in Südtirol bereits seit Jahren. Persönliche Assistenz ist im Rahmen der Leistung „Selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe“ vorgesehen. Damit können Menschen mit Behinderung Assistenzleistungen bezahlen, die sie für ein Leben außerhalb der Herkunftsfamilie brauchen. Doch die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer ist verschwindend gering: Laut Land Südtirol erhielten im Februar 2026 gerade einmal 18 Personen diese Leistung.
Ein Missstand. Denn es ist ein Grundrecht, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Das Projekt selAvì erscheint als Versuch, hier einzulenken. Mit dem Projekt wollen Kolping Südtirol, das Landesamt für Menschen mit Behinderungen und die Genossenschaft Promos Menschen mit Behinderung dabei unterstützen, ihr Leben selbstbestimmt zu organisieren. Dabei soll das Sichtbarkeit und Inanspruchnahme eines Rechts fördern, das eigentlich bereits mit dem Inklusionsgesetz von 2015 verankert wurde. Bis heute nutzen es lediglich 18 Menschen, während eigentlich über tausend Menschen Bedürfnis und Anspruch hätten, betont Anna Faccin, die Präsidentin von DEBRA Südtirol, dem Verein zur Förderung der Lebensqualität von Schmetterlingskindern, und Mitarbeiterin bei selAvì.
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Zu kompliziert und unbekannt
„Persönliche Assistenz ist für mich ein Hilfsmittel wie mein Rollstuhl“, betont Anna Faccin. Ein Rollstuhl ermögliche Mobilität. Persönliche Assistenz ermögliche Alltag. Sie unterstütze dort, wo Hilfe nötig sei – aber die Entscheidung bleibe bei der Person selbst: was sie tun möchte, wann und wie. Hier unterscheidet sich die Persönliche Assistenz von der Pflege. Faccin erklärt das wie folgt: „Pflege ist eng an Verantwortung gekoppelt und fragt nach dem ‚Warum‘.“ Persönliche Assistenz fragt lediglich nach dem ‚Wie‘".
Ein essentieller Bestandteil eines selbstbestimmten Lebens für Menschen mit Behinderung. Dennoch ergreift nur ein Bruchteil der Menschen, die den Dienst benötigen würden, die Möglichkeit. Warum?
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Anna Faccin
Die Präsidentin des ehrenamtlichen Vereins DEBRA Südtirol ist Mutter von zwei Kindern, arbeitet im Sanitätsbetrieb und engagiert sich zusätzlich im Projekt selAvì für persönliche Assistenz und selbstbestimmtes Leben für Menschen mit Behinderung. Die gebürtige Pustertalerin lebt als sogenanntes „Schmetterlingskind“ mit Epidermolysis bullosa, einer seltenen chronischen Erkrankung. Im Projekt selAvì sieht sie eine unbedingt notwendige Hilfestellung für viele Menschen, die bereits heute ein selbstbestimmteres Leben führen könnten.
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Der Grund dafür liegt nicht nur in fehlender Bekanntheit. Anna Faccin erklärt: „Der Weg zur persönlichen Assistenz ist bisher zu aufwendig. Wer sie nutzen will, muss Ansuchen stellen und Unterlagen einreichen, die den eigenen Bedarf nachweisen. Das ist ein sehr aufwändiges Unterfangen, denn der Assistenzbedarf muss auf die Minute dokumentiert werden. Dann gilt es sich die Assistentin oder den Assistenten selbst zu organisieren, Geld vorzustrecken und Abrechnungen zu dokumentieren.“ In Südtirol funktioniere persönliche Assistenz derzeit im Wesentlichen als Arbeitgebermodell. Das bedeutet, dass Betroffene selbst zu Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern werden.
„Ich selbst stelle meine Assistentin an“, erklärt Faccin. „Ich muss Verträge machen, Arbeitszeiten dokumentieren, mit dem Steuerbüro arbeiten – alles selbst organisieren.“ Genau darin liege ein Widerspruch: Ein Instrument, das Menschen mit Behinderung Selbstbestimmung ermöglichen soll, verlangt ihnen beträchtliche administrative Kompetenz ab und wird für viele zur Hürde.
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Mehr als eine Anlaufstelle
SelAvì will diese Lücke schließen. Laut Dachverband für Soziales und Gesundheit soll zunächst eine Anlauf- und Beratungsstelle entstehen. Später sollen auch Dienstleistungsangebote rund um die Anstellung persönlicher Assistentinnen und Assistenten dazukommen. Nun ist das Pilotprojekt im Februar 2026 unter der Trägerschaft von Kolping Südtirol gestartet und hat bereits seinen Tätigkeitsplan vorgestellt.
Anna Faccin denkt den Ansatz weiter: Langfristig brauche es eine Art Dienstleistungszentrum. Einen Ort, an dem Menschen mit Behinderung sagen können: „Ich brauche Assistenz von jetzt bis dann“ – und dann wird das umgesetzt. Dort könnten geeignete Assistenzen vermittelt werden und Organisation sowie Bürokratie würden nicht allein bei den Betroffenen liegen.
Wichtig sei auch die Aufklärung über die Lebensqualität, die durch die persönliche Assistenz erreicht werden kann: Die Assistenz unterstützt bei der Bewältigung des Alltags. Das könne Pflegehandlungen umfassen, aber auch Haushalt, Arbeit, Einkaufen, Freizeit, Hygiene oder Mobilität. Sie bedeutet die Förderung von Selbstbestimmtheit, ohne Verantwortung über das eigene Leben an jemanden Verantwortliches abgeben zu müssen.
„Wer immer wieder um Unterstützung bitten muss, gerät schnell in die Rolle, dankbar sein zu müssen. Das untergräbt Selbstbestimmtheit.“
Anna Faccin führt aus: „Gerade deshalb ist persönliche Assistenz auch nicht mit freiwilliger Hilfe zu verwechseln. Freiwilliges Engagement ist wertvoll, aber es schafft auch Abhängigkeiten. Wer immer wieder um Unterstützung bitten muss, gerät schnell in die Rolle, dankbar sein zu müssen. Das untergräbt Selbstbestimmtheit.“ Persönliche Assistenz soll genau das verhindern: Hilfe nicht als Gnadenakt, sondern als verlässliche, institutionalisierte Struktur.
Dabei betrifft das Thema nicht nur Menschen mit Behinderung. Es betrifft auch jene, die Assistenz leisten. Öffentlich zugängliche Plattformen und Verzeichnisse der Provinz nennen keinen konkreten Vertragstyp für persönliche Assistentinnen und Assistenten. Sie zeigen aber, dass die Assistenz im Südtiroler Modell direkt von den Betroffenen organisiert und bezahlt wird. So heißt es auf der Homepage „Selbstbestimmtes Leben und soziale Teilhabe“, dass „die Assistenten für die Menschen mit Behinderungen arbeiten“. In der Praxis liegt damit der Rückgriff auf private Haushalts- und Betreuungsverträge – den Bereich „Colf & Badanti“ – nahe.
Das kritisert Anna Faccin: „Persönliche Assistenz wird arbeitsrechtlich oft in ein Vertragsmodell gedrängt, das prekär ist.“
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Was machen die Nachbarn?
Der Blick über die Landesgrenzen zeigt, dass persönliche Assistenz anders organisiert werden kann. In Tirol besteht etwa ein Rechtsanspruch auf Persönliche Assistenz, etwa auch im Freizeitbereich. Im Jahr 2023 wurde dieser von 550 Personen für rund 430.000 Stunden genutzt.
Das Land Südtirol hat angekündigt, den Bereich der persönlichen Assistenz weiter ausbauen zu wollen. Dass selAvì hier eine Lücke schließen soll, erscheint überfällig. Bereits im Jahr 2018 hielt der Südtiroler Monitoringausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen in einem Bericht zum selbstbestimmten Leben und Wohnen fest, dass die Umsetzung dieses Rechts in Südtirol „noch keineswegs eine Selbstverständlichkeit“ darstelle.
Besonders deutlich wurde der Ausschuss beim Zugang zu persönlichem Budget und persönlicher Assistenz: 2017 nutzten nur zwölf Personen den Beitrag „Selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe“. Bereits damals wurde betont, dass die Antragstellung und Dokumentation „höchst kompliziert“ und mit hohem Verwaltungsaufwand verbunden seien; viele Betroffene seien damit überfordert. Empfohlen wurden damals einfachere Verfahren, niederschwellige und kontinuierliche Beratung, Peer-Beratung, Schulungen für Unterstützerinnen und Unterstützer sowie Hilfe bei der Suche nach Assistentinnen und Assistenten. Genau an diesem Punkt setzt selAvì nun an.
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Reminder: Disability Pride Month
Im Juli findet wieder der alljährliche Disability Pride Month statt. Er erinnert an die Unterzeichnung des Americans with Disabilities Act am 26. Juli 1990, einem Meilenstein der Behindertenrechtsbewegung. Seit 2015 wird der Juli international verstärkt als Monat der Sichtbarkeit, Selbstbestimmung und Rechte von Menschen mit Behinderung gefeiert.
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