Zumutbare Wahrheiten
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„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“. So lautet das wohl bekannteste Zitat der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, die heute ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte. Der Satz stammt aus der gleichnamigen Rede, die sie 1959 bei der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden hielt. Daraus lässt sich der literarische Auftrag Bachmanns herauslesen: Kunst soll nicht beruhigen, sondern die Wirklichkeit offenlegen, selbst wenn sie schmerzhaft ist. Der Satz ist eng mit Bachmanns Kriegserfahrungen und deren Nachwirkungen verbunden.
Bachmann war überzeugt, dass Literatur die verdrängten Wahrheiten der Geschichte ans Licht bringen müsse. Sie stellt in ihrem literarischen Werk Menschen als verletzte Wesen dar, die Schmerz, Verlust und existenzielle Erfahrungen erleiden, ohne zu Beschönigen. Der Schriftsteller beziehungsweise die Schriftstellerin müsse das Leid „wahrhaben“ und sichtbar machen, statt es zu verdecken.
Die politische Dimension der Literatur
Die Gedichte Bachmanns werden zu Manifesten der Nachkriegsgeneration: „Alle Tage“ (1952) etwa beginnt mit den Worten „Der Krieg wird nicht mehr erklärt“. Dies bleibt bis heute in vielen gegenwärtigen Konflikten, wie dem Irankrieg, von bedrückender Aktualität.
Alle Tage
Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.
Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.
Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.
von Ingeborg Bachmann
Bachmann beschäftigte sich literarisch aber insbesondere mit der Fortsetzung des Krieges im Alltag: Mit dem „Krieg“ der Geschlechter zwischen Mann und Frau. Die Dekonstruktion des Männlichen und Weiblichen wurde zum Grundpfeiler ihres OEuvres.
Literarische Liebesgeschichten
Bachmann schließt ihr Studium der Philosophie in Wien ab, findet ab Ende der 1940er Jahre Anschluss an die Literaturszene, die sich damals regelmäßig im Café Raimund trifft. Zur gleichen Zeit geht sie eine Liaison mit dem österreichischen Schriftsteller Hans Weigel ein – die erste von mehreren Beziehungen zu bedeutenden Persönlichkeiten des Literaturbetriebs. In den 1950er Jahren tritt Bachmann in die literarische Öffentlichkeit Deutschlands durch ihre Teilnahme an einem Treffen der legendären Gruppe 47. Für die beiden Lyrikbände „Die gestundete Zeit“ und „Anrufung des Großen Bären“ wird sie innerhalb weniger Jahre mit hochrangigen Literaturpreisen bedacht.
Durch letzteres kreuzen sich Bachmanns Wege 1957 erneut mit jenen des Lyrikers Paul Celan – Autor des berühmten Gedichts „Todesfuge“ („Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“) –, den sie zuvor in Wien kennengelernt hatte. Auch zu ihm unterhält sie eine enge persönliche und briefliche Beziehung, die trotz wiederholter Spannungen über viele Jahre Bestand hat.
Kinotipp
Ab heute (25.06.) wird im Filmclub der neue Film „Ingeborg Bachmann - Jemand, der einmal ich war“ mit der oscarnominierten Sandra Hüller in der Hauptrolle gezeigt. Mehr Informationen dazu finden Sie hier.
Auf Celan folgt der Schweizer Schriftsteller Max Frisch, mit dem Bachmann mehr als vier Jahre lang eine Liebesbeziehung führte. Frisch nahm Kontakt zu ihr auf, nachdem er ihr Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ gehört hatte. Das Verhältnis der beiden bedeutenden deutschsprachigen Autoren war jedoch keineswegs idyllisch. Es war von gegenseitiger Bewunderung ebenso geprägt wie von Konflikten, Eifersucht und unterschiedlichen Vorstellungen von Nähe und persönlicher Freiheit. Bachmanns österreichische Kollegin Elfriede Jelinek bezeichnete Frisch im Zusammenhang mit dieser Beziehung als „Normalitätsterroristen“ und „unheilbar Gesunden“. Bachmann selbst nannte ihn in einem Brief ihren „Mörder“ – eine Formulierung, die häufig als Ausdruck der tiefen Verletzungen gelesen wird, die sie mit dem Scheitern der Beziehung verband.
Nachdem die Beziehung 1963 endgültig zerbrochen war, geriet Bachmann in eine schwere psychische Krise. Der Jahrzehnte nach Bachmanns Tod veröffentlichte Briefwechsel zwischen ihr und Frisch gewährt einen seltenen Einblick in die Dynamik dieser Beziehung und gilt heute als aufschlussreiches Dokument der deutschsprachigen Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Bachmann und Frisch arbeiteten die gescheiterte Beziehung literarisch auf: Frisch vor allem in der autobiographisch geprägten Erzählung „Montauk“ (1975), Bachmann in ihrem einzigen Roman „Malina“ (1971).
Der Roman endet mit dem Schlusssatz „Es war Mord“, der zu den bekanntesten Schlussätzen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zählt. Dieser verdichtet das zentrale Thema des Romans: die Auslöschung der weiblichen Erzählerin durch patriarchale Strukturen und Gewalt – ein Problem, dessen Aktualität sich in sehr unterschiedlichen Kontexten bis heute zeigt, etwa im Zusammenhang mit den Enthüllungen um Jeffrey Epstein oder dem Fall Gisèle Pelicot
Lebensende in Rom
1965 übersiedelt Bachmann nach Rom, wo sie in den folgenden Jahren lebt und arbeitet. In diese Zeit fällt auch die Nachricht vom Selbstmord Celans, der sie tief erschüttert. Zugleich verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand zunehmend, auch im Zusammenhang mit einer Medikamentenabhängigkeit. Mit den Worten „Mit meiner verbrannten Hand schreibe ich von der Natur des Feuers.“ so heißt es, habe sie ihren eigenen Tod vorweggenommen.
Bachmann starb 1973 mit 47 Jahren in Rom an den Folgen eines mysteriösen Brandunfalls, vermutlich war sie mit einer angezündeten Zigarette in der Hand eingeschlafen. Ihr literarisches Erbe hat ihren Tod überdauert – nicht zuletzt durch den renommierten, nach ihr benannten Ingeborg-Bachmann-Preis, der jährlich an aufstrebende Autorinnen und Autoren der deutschsprachigen Literatur verliehen wird.
...ich möchte Dich gern bei…
...ich möchte Dich gern bei der Hand nehmen und gemeinsam ein Stück des Weger, mit der Wahrheit, gehen. In meinen Gedanken frage ich mich schon, wie ich halt so bin, „welche“ Wahrheit ist dem Menschen-(Einzahl oder Masse), zumutbar; ist die Wahrheit nicht streng betrachtet individuell, untrennbar mit jedem ich , und solange dies nicht zählt und gilt, betrachte ich solche „Zitate“ als literarische Floskeln, die nichts nützen noch irgendwie dienlich sind, und so halt nur der Oberflächlichkeit zuliebe, zollt. Und ja, auch das in meinen Gedanken, welche Wahrheit vermitteln wir der Pflanzenwelt, den Tieren allesamt, gibt es so viele Wahrheiten überhaupt? Es kommt noch obendrauf, wenn am Ende nur die Wahrheit, die von der Masse getragene, gilt? Wenn dem so ist, dann gibt es wohl keine Wahrheit! Beispiel, Faschismus: Republikaner-Demokraten-Sozialisten-Kommunisten-Liberale-Brüder&Schwestern-Bürgerliche-Schwarz und Braunhemden-Bündnisse-u.n.v.a.m., im Land unseres Besatzers, und hier der Wahrheit Genüge zu tun, müsste man vor jeder der genannten politischen-Strömung- das Wort „faschistische“ ergänzen um auch hier der politischen Gesinnung, in der Angelegenheit „Wahrheit“ ein wenig nähert. Es stellt sich für mich die Frage, ob die Wahrheit eine „Konstante“ ist, und nicht im Dialog noch im ständigen Nachjustieren spürbar und sichtbar ist. Ist das Empfinden und dadurch die Wahrnehmung der Wahrheit nicht unterschiedlich, von Mensch zu Mensch und dies auch nicht im Sinne des Weitertragens, denn es darf und sollte nicht sein, daß die Wahrheit zu einer Geschichte oder einer Erzählung verkommt und wird. Wahrheit ist spürbar, sie sollte immer brauchbar, wie eine Formel oder Gleichung sein. Ein Naturgesetzt - vielleicht, -.... wie Du siehst, brauchst Du in Deinem Zweifeln, keine Angst vor der Wahrheit zu haben.-