Kultur | 100 Jahre Bachmann

Zumutbare Wahrheiten

Ingeborg Bachmann wäre heute 100 Jahre alt. Ihr Werk kreist um Schmerz und Wahrheit – geprägt von ihren Beziehungen zu anderen Literaten.
Bild: Barbara Pflaum

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Ingeborg Bachmann: gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit. Sie wurde 1926 geboren. Als Jugendliche erlebte sie den Nationalsozialismus nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland. Ihr eigener Vater war Mitglied der NSDAP. Im Zweiten Weltkrieg 1944 wurde die Kärntner Landeshauptstadt massiv bombardiert. Wikimedia Commons

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“. So lautet das wohl bekannteste Zitat der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, die heute ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte. Der Satz stammt aus der gleichnamigen Rede, die sie 1959 bei der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden hielt. Daraus lässt sich der literarische Auftrag Bachmanns herauslesen: Kunst soll nicht beruhigen, sondern die Wirklichkeit offenlegen, selbst wenn sie schmerzhaft ist. Der Satz ist eng mit Bachmanns Kriegserfahrungen und deren Nachwirkungen verbunden. 

Bachmann war überzeugt, dass Literatur die verdrängten Wahrheiten der Geschichte ans Licht bringen müsse. Sie stellt in ihrem literarischen Werk Menschen als verletzte Wesen dar, die Schmerz, Verlust und existenzielle Erfahrungen erleiden, ohne zu Beschönigen. Der Schriftsteller beziehungsweise die Schriftstellerin müsse das Leid „wahrhaben“ und sichtbar machen, statt es zu verdecken.

Die politische Dimension der Literatur

Die Gedichte Bachmanns werden zu Manifesten der Nachkriegsgeneration: „Alle Tage“ (1952) etwa beginnt mit den Worten „Der Krieg wird nicht mehr erklärt“. Dies bleibt bis heute in vielen gegenwärtigen Konflikten, wie dem Irankrieg, von bedrückender Aktualität.

Alle Tage

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.

von Ingeborg Bachmann

Bachmann beschäftigte sich literarisch aber insbesondere mit der Fortsetzung des Krieges im Alltag: Mit dem „Krieg“ der Geschlechter zwischen Mann und Frau. Die Dekonstruktion des Männlichen und Weiblichen wurde zum Grundpfeiler ihres OEuvres.

Literarische Liebesgeschichten

Ein schwerer Schlag für Bachmann:: Celans Selbstmord 1970. Wikimedia Commons

Bachmann schließt ihr Studium der Philosophie in Wien ab, findet ab Ende der 1940er Jahre Anschluss an die Literaturszene, die sich damals regelmäßig im Café Raimund trifft. Zur gleichen Zeit geht sie eine Liaison mit dem österreichischen Schriftsteller Hans Weigel ein – die erste von mehreren Beziehungen zu bedeutenden Persönlichkeiten des Literaturbetriebs. In den 1950er Jahren tritt Bachmann in die literarische Öffentlichkeit Deutschlands durch ihre Teilnahme an einem Treffen der legendären Gruppe 47. Für die beiden Lyrikbände „Die gestundete Zeit“ und „Anrufung des Großen Bären“ wird sie innerhalb weniger Jahre mit hochrangigen Literaturpreisen bedacht.

Durch letzteres kreuzen sich Bachmanns Wege 1957 erneut mit jenen des Lyrikers Paul Celan – Autor des berühmten Gedichts „Todesfuge“  („Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“) –, den sie zuvor in Wien kennengelernt hatte. Auch zu ihm unterhält sie eine enge persönliche und briefliche Beziehung, die trotz wiederholter Spannungen über viele Jahre Bestand hat.

Kinotipp

Ab heute (25.06.) wird im Filmclub der neue Film „Ingeborg Bachmann - Jemand, der einmal ich war“ mit der oscarnominierten Sandra Hüller in der Hauptrolle gezeigt. Mehr Informationen dazu finden Sie hier.

Auf Celan folgt der Schweizer Schriftsteller Max Frisch, mit dem Bachmann mehr als vier Jahre lang eine Liebesbeziehung führte. Frisch nahm Kontakt zu ihr auf, nachdem er ihr Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ gehört hatte. Das Verhältnis der beiden bedeutenden deutschsprachigen Autoren war jedoch keineswegs idyllisch. Es war von gegenseitiger Bewunderung ebenso geprägt wie von Konflikten, Eifersucht und unterschiedlichen Vorstellungen von Nähe und persönlicher Freiheit. Bachmanns österreichische Kollegin Elfriede Jelinek bezeichnete Frisch im Zusammenhang mit dieser Beziehung als „Normalitätsterroristen“ und „unheilbar Gesunden“. Bachmann selbst nannte ihn in einem Brief ihren „Mörder“ – eine Formulierung, die häufig als Ausdruck der tiefen Verletzungen gelesen wird, die sie mit dem Scheitern der Beziehung verband.

Ging in die Literaturgeschichte ein.: Die Liebesbeziehung zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann. Wikimedia Commons

Nachdem die Beziehung 1963 endgültig zerbrochen war, geriet Bachmann in eine schwere psychische Krise. Der Jahrzehnte nach Bachmanns Tod veröffentlichte Briefwechsel zwischen ihr und Frisch gewährt einen seltenen Einblick in die Dynamik dieser Beziehung und gilt heute als aufschlussreiches Dokument der deutschsprachigen Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Bachmann und Frisch arbeiteten die gescheiterte Beziehung literarisch auf: Frisch vor allem in der autobiographisch geprägten Erzählung „Montauk“ (1975), Bachmann in ihrem einzigen Roman „Malina“ (1971). 

Der Roman endet mit dem Schlusssatz „Es war Mord“, der zu den bekanntesten Schlussätzen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zählt. Dieser verdichtet das zentrale Thema des Romans: die Auslöschung der weiblichen Erzählerin durch patriarchale Strukturen und Gewalt – ein Problem, dessen Aktualität sich in sehr unterschiedlichen Kontexten bis heute zeigt, etwa im Zusammenhang mit den Enthüllungen um Jeffrey Epstein oder dem Fall Gisèle Pelicot

Lebensende in Rom

1965 übersiedelt Bachmann nach Rom, wo sie in den folgenden Jahren lebt und arbeitet. In diese Zeit fällt auch die Nachricht vom Selbstmord Celans, der sie tief erschüttert. Zugleich verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand zunehmend, auch im Zusammenhang mit einer Medikamentenabhängigkeit. Mit den Worten „Mit meiner verbrannten Hand schreibe ich von der Natur des Feuers.“ so heißt es, habe sie ihren eigenen Tod vorweggenommen.

In einem Interview spricht Bachmann über ihren Roman „Malina“.
YouTube

Bachmann starb 1973 mit 47 Jahren in Rom an den Folgen eines mysteriösen Brandunfalls, vermutlich war sie mit einer angezündeten Zigarette in der Hand eingeschlafen. Ihr literarisches Erbe hat ihren Tod überdauert – nicht zuletzt durch den renommierten, nach ihr benannten Ingeborg-Bachmann-Preis, der jährlich an aufstrebende Autorinnen und Autoren der deutschsprachigen Literatur verliehen wird.