Gefährliche Liebschaften
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Jetzt S+ abonnierenDer Wahklreis Bozen-Unterland wird auf initiative des Abgeordneten Alessandro Urzì neu eingeteilt, was angeblich der italienischen Rechten in die Hände spielen soll. Die SVP sei Komplize dieser Operation, wie sowohl die Grünen als auch die Südtiroler Freiheit beanstanden. Welch seltsame Bündnisse sich hier formieren!
„Die Koalitionen, die wir mit dem Gegner Italien zu diesem Zweck eingehen, sind mal rechts und mal links, das heißt beliebig.“
Die SVP macht mit den vermeintlichen Neofaschisten gemeinsame Sache und völlig konträre Parteien wie Grüne und Südtiroler Freiheit stürzen sich einander wehklagend in die Brust: miteinander wollen und gegeneinander müssen. Doch sind diese Liaisons dangereuses in Wahrheit keine Seltenheit, sondern die Regel. Dafür gibt es zwei Gründe: einen äußerlichen und einen innerlichen.
Der äußerliche Grund: Es war wohl kaum die Absicht der Südtiroler, sich vom Kaiserreich Österreich zu trennen, um Teil des italienischen Staates zu werden. Ein hartes Los hat uns ereilt und seitdem sind wir berufen, für den Erhalt unserer kulturellen, vor allem sprachlichen Identität zu kämpfen, oder zumindest wachsam zu sein. Die Koalitionen, die wir mit dem Gegner Italien zu diesem Zweck eingehen, sind mal rechts und mal links, das heißt beliebig, also äußerlich. Einerlei mit wem oder durch wen: Entscheidend ist, dass die Interessen der Südtiroler Minderheiten vertreten werden.
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Der innerliche Grund: Die Südtiroler waren nie liberal, geschweige denn links. Von den bajuwarischen Stammesführern, unter denen das Volk en bloc zum Christentum bekehrt wurde, bis zu den Pfarrern, die anlässlich der ersten linken Regierung Italiens im Jahr 1962 das Volk zum Rosenkranzbeten und Wallfahren aufriefen, bis hin zu den Südtirolern der letzten Generation, die mit blauer Schürze umgürtet ihrer Bürgerpflicht nachkamen, indem sie sich in den Wahllokalen erkundigten: Wou ischn do da Luis zi wähln? Kaisertreu solange es einen Kaiser gab und bäuerlich-patriarchal von der Hutfeder bis zum Mist unter der Stiefelsohle: Südtiroler waren stets monarchistisch, wertkonservativ und rechts, nicht demokratisch, liberal und links. Mit den italienischen Rechten in der innerlichen politischen Gesinnung vereint, sind wir allerdings durch äußerliche historische Umstände mit ihnen verfeindet. Genauso wie zwei Fußballtrainer, die gegeneinander antretende Mannschaften ins Feld führen und dabei dieselbe Spielstrategie verfolgen.
Sowohl auf der Alm als auch bei den Wahlkreisen gilt: Wenn die Grenzpflöcke verschoben und neu gesteckt werden, melden sich die Eigentümer zu Wort und manifestieren ihre Anliegen. Waren diese bisher nicht vollkommen klar, so weiß jetzt jeder, wer was von wem will: Aus innerlicher Gesinnung wollen wir gemeinsam mit der italienischen Rechten, aber aus äußerlich-historischen Gründen müssen wir das Gegenteilt tun.
Diese paradoxe Dynamik ist dabei kein Einzelfall. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat sie in seiner Rechtsphilosphie exakt erkannt. Dass wir sie nicht erkennen, hält das gesamte politische Karussell am Laufen und liefert den Schreiberlingen stets etwas zu berichten. Ich will ja nicht klagen. Doch wären wir klüger, so wäre nicht nur oberhalb, sondern auch unterhalb der Berggipfel endlich Ruh.
Kritik an politischen…
Kritik an politischen Entscheidungen ist legitim. Sobald sie jedoch in ein pauschales Urteil über eine ganze Bevölkerung umschlägt, verliert sie an Glaubwürdigkeit.
„Die Südtiroler“ gibt es so…
„Die Südtiroler“ gibt es so nicht, zum Glück.
Auch die Gleichsetzung von…
Auch die Gleichsetzung von Monarchie mit Rückständigkeit oder mangelnder Demokratie greift zu kurz. Norwegen, Schweden, Dänemark, die Niederlande, das Vereinigte Königreich und Spanien sind parlamentarische Monarchien und schneiden in anerkannten Demokratieindizes besser ab als die italienische Republik. Entscheidend ist nicht, ob das Staatsoberhaupt König oder Präsident heißt, sondern wie politische Macht verteilt, kontrolliert und demokratisch legitimiert wird.