Bücher | Hochsensibilität

Ein Buch über die Kunst des Spürens

Mit ihrem Kinderbuch „Lumi spürt die Welt“ schafft Sabrina Terzer Verständnis für hochsensible Kinder und zeigt, dass Feinfühligkeit eigentlich eine Stärke ist.
„Vom kleinen Reh mit der großen Gabe“: Das Kinderbuch von Sabrina Terzer ist im Effektverlag erschienen. Bild: Effektverlag

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SALTO: Frau Terzer, was hat Sie dazu bewegt, das Kinderbuch „Lumi spürt die Welt“ zu schreiben? 

Sabrina Terzer: Die Geschichte ist spontan abends für meinen Sohn entstanden – ich habe sie mir selbst ausgedacht und sie ihm jeden Abend erzählt. Ich hatte bemerkt, dass er in gewissen Situationen anders reagiert als andere Kinder: Er braucht oft länger, zieht sich zurück oder reagierte bei Überreizung sehr stark. Als ich dann jemandem erklären musste, was Hochsensibilität überhaupt bedeutet, wurde mir klar, wie sehr es an Begriffen und Sensibilisierung dafür fehlt. Mein Sohn wollte die Geschichte von dem kleinen, sensiblen Reh Lumi von da an jeden Tag hören. Als ich sie ihm einmal etwas anders als an den Tagen davor erzählt habe, hat er mich sofort korrigiert. Das war der Moment, in dem ich beschlossen habe, die Geschichte aufzuschreiben.

Die Autorin des Buches Sabrina Terzer: privat

An wen richtet sich das Buch und wie fällt das bisherige Feedback aus? 

Es ist wirklich ein Buch für Kinder von vier bis acht Jahren – zum Selberlesen oder Vorlesen – und kein Ratgeber für Eltern. Im Mittelpunkt steht einfach eine Geschichte über das kleine Reh Lumi, das hochsensibel ist. Dadurch können sich hochsensible Kinder in der Figur wiedererkennen und sich besser verstanden fühlen.

Ich hätte mir damals genau so ein Buch gewünscht.

Als Kind hatte ich selbst oft das Gefühl, nicht in diese Welt zu passen, weil alles ungefiltert auf mich einströmte. Ich hätte mir damals genau so ein Buch gewünscht. Das Feedback seit dem Erscheinen Ende Juni ist sehr berührend: Es gefällt den Kindern und den Eltern gleichermaßen, weil sich oft auch Erwachsene im kleinen Reh wiedererkennen. Ältere Kinder, die schon sprechen und ausdrücken können, was sie fühlen, sagen ganz direkt, dass sie sich genau wie Lumi fühlen und ihn verstehen.

Wie erklären Sie Menschen, die noch nie davon gehört haben, was Hochsensibilität eigentlich ist? 

Wichtig vorab: Es ist keine Krankheit, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal. Das Gehirn eines hochsensiblen Menschen verarbeitet Reize schlichtweg anders und viel intensiver. Ich erkläre das am liebsten mit dem Bild eines Filters: Bei normalsensiblen Menschen liegt über der Wahrnehmung ein feines Nudelsieb – das Gehirn filtert ununterbrochen und lässt nur die allerwichtigsten Reize durch. Bei Hochsensiblen gleicht dieser Filter eher einem Nudelsieb mit riesigen Löchern. Das bedeutet: Alle äußeren Reize – ob Lärm, Stimmen, Gerüche, visuelle Eindrücke oder auch die Stimmungen anderer Menschen – strömen ungefiltert und in gewaltiger Menge auf das Gehirn ein. 

 Das System läuft über, ist extrem schnell überfordert und der Mensch gerät rasch in einen Stressmodus.

Da das Nervensystem all diese Informationen gleichzeitig verarbeiten muss, läuft der Prozessor im Kopf dauerhaft auf Hochtouren. Die Kapazitätsgrenze ist dadurch viel schneller erreicht. So entsteht eine Reizüberflutung: Das System läuft über, ist extrem schnell überfordert und der Mensch gerät rasch in einen Stressmodus. Deshalb brauchen Hochsensible zwischendurch schlichtweg häufiger Pausen und Rückzugsorte, um diese Fülle an Eindrücken überhaupt verarbeiten zu können.

Zur Person & Buchinfo

Sabrina Terzer (Atma Coaching & Yoga) ist ausgebildete Sozialarbeiterin, Yogalehrerin, spirituelle Lebensberaterin sowie in Ausbildung zur somatischen Yogalehrerin. Als Mutter eines dreieinhalbjährigen Sohnes und selbst Hochsensible verbindet sie in ihrer Arbeit Körperwahrnehmung, Nervensystemarbeit und feinfühlige Begleitung. 

Das Buch: „Lumi spürt die Welt“ ist im Effektverlag erschienen. Es richtet sich an Kinder im Alter von 4 bis 8 Jahren. 

Erhältlich: Das Kinderbuch kann direkt über die Autorin (Atma Coaching & Yoga), im Onlineshop des Effektverlags sowie im Südtiroler, österreichischen und deutschen Buchhandel bezogen werden. 

Gibt es Unterschiede darin, wie hochsensible Kinder und Erwachsene mit diesen Reizen umgehen? 

Der Unterschied liegt in der Reife des Gehirns. Bei Kleinkindern ist der präfrontale Kortex, der für die Gefühlsregulierung zuständig ist, noch nicht voll entwickelt. Bei Überreizung können sie schlichtweg nicht anders, als zu weinen oder durch Wut zu reagieren. Sie können sich noch nicht selbst regulieren und brauchen zwingend die Co-Regulation durch ruhige Erwachsene. Erwachsene haben hingegen meist gelernt, Reize anders zu verarbeiten und darauf zu reagieren. 

Ist das Buch auch für Kinder gedacht, die selbst nicht hochsensibel sind? 

Absolut. Lumi ist auch für normalsensible Kinder geschrieben, die im Kindergarten oder in der Schule mit hochsensiblen Kindern in Kontakt kommen. Das Buch dient auch als Mobbingprävention. Es zeigt auf, dass es völlig normal ist, wenn manche Kinder anders sind, sich nachmittags lieber zurückziehen oder nicht auf laute Geburtstagsfeiern gehen wollen.

Eintauchen in die Welt von Lumi: Das Kinderbuch lädt feinfühlige Kinder zum Entdecken und Mitfühlen ein. privat

Warum ist diese Aufklärung auch für das spätere Erwachsenen- und Berufsleben so wichtig? 

Weil das Unverständnis oft bestehen bleibt. Wenn man als hochsensibler Mensch im Großraumbüro sitzt, nimmt man permanent Telefone, Gespräche oder das Summen der Heizung wahr. Normalsensible können das ausblenden, Hochsensible nicht – das führt zu enormem Dauerstress. Sätze wie „Sei nicht so empfindlich“ oder „Stell dich nicht so an“ verletzen tief und bleiben oft ein Leben lang hängen. Verständnis im Umfeld verhindert solche Missverständnisse. 

Welche Werkzeuge können Hochsensiblen im Alltag helfen, wenn alles zu viel wird? 

Mir persönlich helfen Methoden aus der somatischen Arbeit: etwa Tapping (das sanfte Klopfen von Akupunkturpunkten wie der Thymusdrüse auf dem Brustkorb), gezielte Atemübungen mit langer Ausatmung, ätherische Öle oder Bewegung. Das signalisiert dem Nervensystem wieder Sicherheit. 

Welchen fachlichen und persönlichen Hintergrund bringen Sie für das Thema mit? 

Ich bin ausgebildete Sozialarbeiterin, Yogalehrerin und derzeit in Ausbildung zur somatischen Yogalehrerin. Vor allem bin ich aber selbst hochsensibel und seit dreieinhalb Jahren Mama. Durch mein Kind und meine Arbeit sehe ich täglich, wie wichtig es ist, den eigenen Körper wieder bewusst zu spüren und mit dem eigenen Nervensystem gut umzugehen. 

privat

Was wünschen Sie sich für die Zukunft im Umgang mit Hochsensibilität? 

Mehr Verständnis und einen offenen Umgang ohne Beschämung. Ich wünsche mir, dass Kinder in Bildungseinrichtungen sich ohne Wertung zurückziehen dürfen, wenn sie eine Pause brauchen, und dass auch im Erwachsenenleben akzeptiert wird, wenn jemand ein anderes Pensum benötigt. Hochsensibilität ist keine Ausrede oder Schwäche, sondern eine ganz besondere Gabe und eine neurobiologische Tatsache – die, wenn man gut damit umgeht, auch sehr viel Raum für tiefe Freude, Empathie und Intensität bietet. Ich möchte mit Lumi eine Brücke bauen und Kindern von klein auf zeigen: Du bist genau richtig, so wie du bist.