Umwelt | Gastbeitrag

Versunkene Heimat

Der Bau der Stauseen und Kraftwerke im Ultental stellte nach dem Reschen-Stausee den größten Eingriff in die Südtiroler Landschaft dar. Das ganze Tal wurde in Mitleidenschaft gezogen.
Zoggler Stausee
Foto: Privat
  • Von 1949 bis 1969 wurden von den Gletscherregionen des Zufritt bis nach Lana sechs Stauseen und fünf Kraftwerke aus dem Boden gestampft. Das gesamte Stauvolumen beträgt 57 Millionen Kubikmeter Wasser, die Jahresproduktion liegt bei rund 500 Millionen Kilowattstunden. Das entspricht etwa einem Zehntel der Südtiroler Stromproduktion und einem Prozent der italienischen Stromerzeugung.

    Der größte Stausee im Ultental ist der Zoggler-Stausee bei St. Walburg. Er fasst 33,5 Millionen Kubikmeter Wasser. Durch einen 5,6 km langen Druckstollen treibt das Wasser aus dem Zoggler-Stausee das 332 Meter tiefergelegene Kraftwerk bei St. Pankraz an, welches 1955 bis 1957 errichtet wurde. Dann fließt es in den 1950-1954 erbauten Stallbach-Stausee mit 2,6 Millionen Kubikmeter Stauvolumen. Von dort gelangen dreißig Kubikmeter Wasser in der Sekunde mittels eines 6,8 km langen Druckstollens zum 489 Meter tiefer gelegenen Kraftwerk in Oberlana, welches 1950-54 erbaut wurde. 

     

    Die Größe der Stauseen und Kraftwerke, als auch die Menge der abzuleitenden Gewässer waren grundlegend abgeändert worden.


    Ähnlich wie im oberen Vinschgau ließ auch der Betreiber der Ultner Wasserkraftprojekte, die Società Trentina die Elettricità„ (STE), die Talbevölkerung und die lokalen Behörden solange wie möglich im Unklaren über das tatsächliche Ausmaß der geplanten Bauarbeiten. 

    Ausgangspunkt war ein königliches Dekret aus der Zeit des Faschismus, mit dem der STE am 8. April 1939 das Recht erteilt worden war, den Ultner Talfluss, die Falschauer und dessen Nebenflüsse für die Gewinnung elektrischer Energie zu nutzen.  

    Zehn Jahre später ging die STE daran, ihre Pläne für die Nutzung der Ultner Wasserkraft in die Tat umzusetzen.  Diese waren allerdings nicht mehr dieselben wie 1939. Sowohl die Standorte und die Größe der Stauseen und Kraftwerke, als auch die Menge der abzuleitenden Gewässer waren grundlegend abgeändert worden. Zu den ursprünglich geplanten drei Kraftwerken in Lana, St. Pankraz und St. Walburg  kamen zwei weitere in Weißbrunn und auf der Kuppelwieser Alm dazu. Von der Quelle der Falschauer bis zur Mündung in die Etsch wurden von 1949 bis 1969 folgende Anlagen errichtet: Der Fischersee mit 40.000 Kubikmeter Speichervolumen, der Grünsee mit 6,7 Mio. Kubikmeter, der Stausee am Arzkar mit 12,8 Mio Kubikmeter, Weißbrunn mit 1,3 Mio Kubikmeter, der Zoggler-Stausee mit 33,68 Mio Kubikmeter und der Stallbach-Stausee bei St. Pankraz mit 2,67 Mio Kubikmeter. 

    Anders als beim Bau des Reschen-Stausees wurde in St. Walburg in Ulten der erforderliche Grund nicht in einem Zuge abgelöst. Zunächst wurde ein kleiner Stausee angelegt, der sich langsam immer weiter ausdehnte. Erst im März 1961 kam es zur großen Grundablöse. Ferdinand von Marsoner schrieb dazu in der Tageszeitung Dolomiten: “Diese Woche ist wirklich eine Trauerwoche für unser Dorf. Ungefähr siebzig Personen verlieren die Heimat und die Existenz. Fast tausendjährige Höfe sind es, die von der fremden Industrie verdrängt werden. Es ist eine furchtbare Zeit, wenn durch Monate die fremden Unterhändler fast täglich vorsprechen, das eine Mal mit Enteignung drohend, dann wieder drängend, schmeichelnd. Man sieht die Bauern mit unbewegten Gesichtern über die alten Hofmarken wandern, als wollten sie noch still Abschied nehmen".

  • Stauseen im Ultental: Von 1949 bis 1969 wurden von den Gletscherregionen des Zufritt bis nach Lana sechs Stauseen und fünf Kraftwerke aus dem Boden gestampft. Das gesamte Stauvolumen beträgt 57 Millionen Kubikmeter Wasser, die Jahresproduktion liegt bei rund 500 Millionen Kilowattstunden. Foto: Christoph Gufler
  • „Wieder eine Kuh weniger“

    Beim Bau der fünf Kraftwerke und sechs Stauseen standen bis zu 1000 vorwiegend italienische Arbeiter zwanzig Jahre lang im Einsatz. Wie die Ultner Talbevölkerung diese Zeit erlebt hat, darüber berichten mehrere Zeitzeugen. „Wieder eine Kuh weniger“, stellte einer der betroffenen Bauern fest, als die Unterhändler der STE (Società eletrica Tridentina) ein weiteres Grundstück für den Stausee bei St. Walburg forderten. Die Antwort eines der anwesenden Ingenieure war ebenso lapidar wie bezeichnend: „Ma cosa importa una mucca!“, Was ist denn schon eine Kuh!

    In diesem kurzem Gespräch ist die ganze Problematik des Stausee- und Kraftwerkbaues im Ultental zusammengefasst. Es waren zwei völlig fremde Welten, die da zusammenprallten: auf der einen Seite der Bauer, für den jeder Quadratmeter seines Grund und Bodens ein Stück seiner Existenz bedeutete, auf der anderen Seite der landfremde Techniker, für den die paar schindelgedeckten Höfe in diesem abgelegenen Bergtal nur ein weißer Fleck in seinem grandiosen Bild von gewaltigen Staumauern, riesigen Stauseen und imposanten Elektrizitätswerken waren. 
     

    „In Ulten ist nichts zu schützen. In dem Loch drin können sie wohl bauen.“


    Wer bei diesem Zusammenprall den Kürzeren ziehen würde, stand von vornherein fest: Während der Bauer weitgehend alleingelassen außer schöner Worte wenig konkrete Hilfe fand, standen hinter der Betreibergesellschaft massivste wirtschaftliche Interessen und letztendlich der gesamte zentralistische Staat, dessen Sympathien für die fremdsprachigen „Alto Atesini“ wenig ausgeprägt waren. 

    In den Erinnerungen von Ultnern an den Stausee- und Kraftwerkbau in ihrem Tal klingt dieses Gefühl der Ohnmacht immer wieder an: „In Ulten ist nichts zu schützen. In dem Loch drin können sie wohl bauen“, so lauteten oft die Antworten, wenn man bei Ämtern oder Personen vorstellig wurde. Ein anderes Mal hieß es: „Wehrt euch nur, wir werden euch schon helfen!“ Als dann die Baumaschinen auffuhren, hieß es dann: „Ja, jetzt können wir auch nichts mehr tun!“ 

    So verfestigte sich im Tal die Meinung:„ S´Talele isch decht nicht wert, mir sein ollm schun hinten unten gwedn“. Über das gesamte Ausmaß der geplanten Arbeiten und der dafür erforderlichen Grundflächen wurden die Ultner so lange als möglich im Unklaren gelassen. Ein Betroffener erinnert sich: „ Zuerst haben sie den Pankrazer See gebaut. Dann sind italienische Arbeiter gekommen und haben überall Bohrungen gemacht. Die Löcher haben sie “zuhand„ ausgehoben. Gefragt haben sie niemand, ob sie in den Grund hinein dürfen“. 

    Während des Stauseebaues kamen viele fremde Arbeiter ins Tal. Zeitweise waren es 600 und mehr. Am Höhepunkt der Arbeiten waren an die tausend Leute beschäftigt, da man gleichzeitig am Zoggler-, Weißbrunner- und Arzkar-Stausee arbeitete. Drei Viertel davon waren Italiener, ein Viertel Einheimische. Zeitweise fuhren im Akkord drei LKW alle zwanzig Minuten durchs Tal. „Um zwei Uhr in der Früh haben sie aufgehört und um vier Uhr haben sie schon wieder angefangen. Die Straße war natürlich nicht asphaltiert und alles war voller Staub. Alle sind sehr schnell gefahren, so dass es gefährlich war, sich auf der Straße aufzuhalten. Die Häuser daneben haben nur so gezittert, Tag und Nacht. Nur am Sonntag Nachmittag war Ruhe. Da hat einem direkt etwas gefehlt. Gefährlich war es wenn gesprengt wurde. Einmal ist ein Stein durchs Fenster herein und bei der hinteren Stube wieder hinausgeschossen.“, erinnert sich ein Zeitzeuge. 

  • Stauseebau in Ulten: Ab 1949 ging man daran, die Ultner Wasserkraftwerke zu bauen.  Allerdings waren die Pläne von 1939, in Bezug auf Standorte, Größe und Menge der abzuleitenden Gewässer, abgeändert worden. Foto: Christoph Gufler
  • Segen für „unterentwickelte Gebiete“?

    Als in Südtirol nach dem Zweiten Weltkrieg ein Netz an Stauseen und Kraftwerken entstand, wie in keiner anderen Provinz Italiens, versuchte man den „Berglern“ weißzumachen, dass damit für diese „rückständige Gebiete“ der Weg in eine neue Zeit geebnet wurde. So zitiert die Dolomiten am 5. September 1970 die italienische Zeitschrift Il Giorno, welche die Projekte der ENEL in den blühendsten Farben darstellt: „Die Staudämme und Leitungen haben wohl die Landschaft tief beeinträchtigt, aber sie haben auch ein Tal aufleben lassen, das noch hundert Jahre zurück war. Die Staudämme haben Arbeit dorthin gebracht, Austausch von Ideen, haben Geld in Umlauf gesetzt. Der Bauer auf dem Hofe hat gesehen, wie sich vor ihm ein völlig neuer Horizont auftat, er hat entdeckt, dass man auch außerhalb der Grenzen seines taschentuchgroßen Stückchens Erde leben kann, gut leben kann. Für ein rückständiges Gebiet ist das jenes Ereignis, das den Sprung um ein Jahrhundert ausmachen kann.“ 

     

    So war der Nutzen, den die Bewohner des Ultentales aus dem Kraftwerkbau zogen, mehr als beschränkt.

     

    Ein von der ENEL in deutscher Sprache produzierter Werbefilm stellt die Nutzung der Ultner Wasserkräfte als einen Segen für das Ultental dar. Es ist wohl nachvollziehbar, dass die Betroffenen selbst diese großartigen Zukunftsvisionen etwas nüchterner sahen: „Der Bau des Ultner Kraftwerkes mit seinem Staudamm, der viel fruchtbares Land verschlungen hat, engte die Möglichkeiten der bäuerlichen Existenz weiter ein und verhinderte die zur Behauptung des Ultner Volkes erforderliche soziale Umstrukturierung durch Fremdenverkehr und Gründung örtlicher gewerblicher Anlagen. Die Besitzer der abgelösten Betriebe konnten im Tal selbst kaum einen anderen Betrieb erwerben und mussten größtenteils außerhalb des Tales eine Existenz suchen“, schreibt die Dolomiten am 1. Juli 1964. Noch deutlicher fällt das Urteil des Augsburger Universitätsprofessors Klaus Fischer aus: „Ulten unter dem Schlagwort ‚Tal der weißen Kohle‘ zu verkaufen, kann nur als Ignoranz aller schwerwiegenden Eingriffe und untilgbaren Schäden bezeichnet werden. Die kurzzeitige Beschäftigung von Arbeitskräften durch den Stausee- und Kraftwerkbau, der Bau von Straßen und die Einkünfte aus Vermietung von Wohnraum, aus Geschäft und Dienstleistungen musste das Ultental bitter bezahlen, denn 21 Höfe, darunter die lagebegünstigten und ertragreichsten des ganzen Tales, mussten ganz oder teilweise aufgelassen werden“. Die Großbaustellen, welche Ulten 20 Jahre lang in Beschlag nahmen, verhinderten eine touristische Entwicklung, wie sie in anderen Tälern gerade in den 1960er Jahren stattfand. 

    So war der Nutzen, den die Bewohner des Ultentales aus dem Kraftwerkbau zogen, mehr als beschränkt, vor allem weil sie an der in ihrem Tal erzielten immensen Wertschöpfung in keinster Weise beteiligt wurden. Für die italienischen Großkonzerne hatte sich die Investition in die „Weiße Kohle“ der Südtiroler Bergtäler allerdings mehr als gelohnt.