Politik | Kundl ist nicht auto

Kennen Sie Kundl?

Kundl ist nicht "a/Auto" und verfügt über kein verfassungsmäßig abgesichertes Autonomiestatut. Und dennoch darf es in Kundl blitzen. Auch ohne Mithilfe „staatlicher Organe“.

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Kundl ist klein genug, um über Dorfstraßen zu reden, und groß genug, um an europäische Industrie- und Gesundheitspolitik zu erinnern.

Mei, es gibt auch im Bundesland Tirol Orte, die nicht durch traditionellen Tiroler Charme auffallen, sondern durch eine seltene Gabe: Sie agieren einfach. Kundl, Marktgemeinde im Tiroler Unterland, gehört offenbar zu dieser Kategorie. Rund 5.000 Einwohnerinnen und Einwohner, mehr Arbeitsplätze als Einwohner, Pharmaindustrie mit der einzigen großen vollständig vertikal integrierten Penicillinproduktion Europas, Werksverkehr, Alltagsmobilität. Kundl ist klein genug, um über Dorfstraßen zu reden, und groß genug, um an europäische Industrie- und Gesundheitspolitik zu erinnern.

Senkung der mittleren Fahrgeschwindigkeit um 1% = 4% weniger tödliche Unfälle

Und nun blitzt es in Kundl.

Nicht metaphorisch, nicht rhetorisch, sondern ziemlich konkret: sieben Radargeräte, kommunal organisiert, rechtlich gedeckt, praktisch aufgestellt. Die Botschaft ist so schlicht wie wirksam: Wer Verkehr erzeugt, muss ihn auch ordnen. Wer Verkehrssicherheit und Lebensqualität will, darf sie nicht nur beschwören. Und ob Sizilien oder Schweden: Die Einhaltung von Tempolimits muss systematisch kontrolliert werden. 

Begründung: Nach dem in der Verkehrssicherheitsforschung häufig verwendeten Nilsson-Power-Modell führt eine Senkung der mittleren Fahrgeschwindigkeit um 1% rechnerisch zu rund 4% weniger tödlichen Unfällen; die tatsächliche Wirkung hängt selbstverständlich von Straßenraum, Verkehrsmix und Fahrverhalten ab.

[Zur Vertiefung in deutscher Sprache: https://forum.dguv.de/ausgabe-4-2024/30-km-h-innerorts-als-regelgeschwi…]

Kundl agiert. Südtirol bittet.

Südtirol? Ein Land mit Autonomie, Zuständigkeiten, Kommissionen, Durchführungsbestimmungen, Grenzpendler:innen, Passstraßen, Transitachsen, touristischen Dauerspitzenzeiten, Parkplatz- und Wohnmobildiskussionen und einer Landeshauptstadt, in der die Grünen nun wieder Geschwindigkeitskontrollen empfehlen. Es wird erneut diskutiert, ob und wie Speed-Check-Boxen reaktiviert werden sollen.

Natürlich sollen sie! Dieser Schritt ist überfällig. Aber es zeigt das Südtiroler Dilemma in Miniatur. Dieses Land und seine derzeit oberste politische Repräsentanz können viel erklären, viel hinter verschlossenen Türen verhandeln, viel vertagen, viel beklagen und die Öffentlichkeit kalmieren. Sobald es aber konkret – sagen wir – um Lärm, Geschwindigkeit, Transit, Motorräder, selbst verschuldeten hohen Ziel- und Quellverkehr, Einpendlerachsen und die tägliche Zumutung vor der Haustür geht, ist der Handlungsspielraum sehr eng. 

Kundl agiert. Südtirol bittet in Rom, und es entsteht manches Mal der Eindruck, es falle dem Bundesland Tirol bei der Begrenzung des Verkehrs auf der Brennerachse sogar in den Rücken. Es sei daran erinnert, dass die Autonomie – wie übrigens das Arbeiterstatut! – durch eine Kombination aus Protesten und Verhandlungen erzielt wurde.

Natürlich ist der Vergleich nicht ganz fair.

Natürlich ist der Vergleich nicht ganz fair. Österreich hat mit der StVO-Novelle eine neue Schiene geschaffen; Italien kämpft mit Homologierung, Zulassung, Dekreten, Präfekten, Ministeriallogik und einer Rechtslage, in der ein Blitzer weniger technisches Gerät als juristisches Risiko ist. Südtirol hängt hier – aber nicht nur hier – am langen Arm Roms. Doch gerade darin liegt der Punkt: Im österreichischen Rechtsrahmen schafft eine Gemeinde, was der „Provincia autonoma“ versagt bleibt.

Deshalb sollten Sie als Bozner:in und als Südtiroler:in, unabhängig von Ihrer/Ihren Sprache/n, Hautfarbe oder sexuellen Orientierung, Kundl kennen. Es ist ein kleiner Spiegel. Dort eine Gemeinde, die sagt: Wir haben Verkehr, also kontrollieren wir ihn direkt und effektiv – im Sinne der Verkehrssicherheit und der Lebensqualität. Hier eine „Provincia autonoma“, die klagt: Wir ersticken im Verkehr, aber zuerst müssen wir prüfen, wer überhaupt kontrollieren darf, womit, wo, wann, mit welchem Schild, welchem Dekret und welcher ministeriellen Segnung. Wir als „Provincia autonoma“ erlassen Beschlüsse, von denen eine „starke Signalwirkung“ ausgehen soll.

Wir sollten als „Provincia autonoma“ mindestens den Handlungsspielraum der Gemeinde Kundl haben.