Kunst | Fotografie

Mit der Kamera in der Stille

Lautlos auf der Pirsch: Er tauscht das Gewehr gegen das Objektiv. Beim Festival der Stille erzählt Philipp Egger von seiner Jagd nach dem perfekten Foto.
Zwischen Erdwärme und Nachthimmel: Ein Blick auf das gewaltige Naturschauspiel der feurigen Elemente. Bild: Philipp Egger

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SALTO: Warum passt ein Naturfotograf aus Ihrer Sicht so gut zu einem Festival, das sich mit Einsamkeit und Stille beschäftigt? 

Philipp Egger: Ein Großteil meiner Arbeit entsteht in freiwilliger Einsamkeit. Doch diese Einsamkeit empfinde ich keineswegs als Leere – ganz im Gegenteil: Erst wenn es still wird, beginne ich wirklich wahrzunehmen. Genau aus diesem Grund passen die Naturfotografie und meine Kunst hervorragend zum Festival der Stille. 

Sie suchen die Stille in den Bergen bewusst. Wann wird diese gewählte Einsamkeit für Sie zu einem kreativen Raum? 

In der heutigen Zeit erleben wir ständig eine Reizüberflutung und Dauerbeschallung. Man bewegt sich meist auf gewohnten Pfaden. Erst wenn man sich von diesen entfernt und es rundherum wirklich still wird – sei es in den Wäldern, auf den Gletschern oder in den Biotopen –, beginnt man bewusst wahrzunehmen, was um einen herum geschieht. Die Natur besitzt eine ganz eigene Magie. Wenn man genauer hinschaut, kann man selbst in einer kleinen Pfütze diesen Zauber erkennen.

Protokoll der Stille: Philipp Egger

Für manche Motive warten Sie tagelang vergeblich. Wie bewahren Sie in dieser Stille die Geduld? 

Es gibt durchaus Momente, in denen das Alleinsein anstrengend sein kann – besonders wenn man müde ist, tagelang gewartet hat und am Ende vielleicht gar nichts passiert. Doch gerade das macht oft den Reiz aus. Meistens fühle ich mich draußen zwar allein, aber nicht einsam. Das ist der große Unterschied. 

Meine Bilder sollen Fenster in die Seele der Natur sein – dafür mache ich das. 

Ich suche bei meiner Arbeit die Einsamkeit, um am Ende etwas mit anderen Menschen teilen zu können. Ich möchte ihnen einen Einblick in die Seele der Alpen und der Natur gewähren. Meine Bilder sollen Fenster in die Seele der Natur sein – dafür mache ich das. Dieser Gedanke gibt mir auch dann Auftrieb, wenn man wochenlang nichts findet, stundenlang Felswände und Kämme mit dem Fernrohr oder der Wärmebildkamera absucht und außer ein paar Mücken im Nacken nichts zu entdecken ist. 

Über Philipp Egger

Philipp Egger (*2000 in Schlanders) ist ein international ausgezeichneter Südtiroler Naturfotograf und Filmemacher aus Prad am Stilfserjoch. Neben seinen fotografischen Werken ist er als Kameramann für hochrangige Naturdokumentationen tätig – unter anderem für die renommierte ORF-Reihe Universum. Seine Arbeiten wurden bereits in zahlreichen internationalen Medien und Fachmagazinen veröffentlicht. 

Philipp Egger | Geschichten der Wildnis - Philipp Egger 

Welche Botschaft über unser Dasein in der Welt möchten Sie den Menschen mit Ihren Aufnahmen mitgeben? 

Mir wurde schon vorgehalten, dass ich nur die magische und absolute Schönheit der Natur in ihrer reinen Essenz zeige. Aber genau das ist es, was mich fasziniert. Wir werden im Alltag fortwährend mit Negativem und Fehlentwicklungen beschallt. Deshalb bin ich der Überzeugung, dass man Menschen eher berühren und inspirieren kann, indem man ihnen zeigt, was ebenfalls da ist und wie wunderschön es ist – und dass es dieses Wunderschöne zu schützen gilt. 

 Da dieser Kreislauf immer mehr aus den Fugen gerät, geht es darum, sich neu zu orientieren.

Ich sehe mich als kleinen Teil eines großen Ganzen. Alles ist ein riesiger Kreislauf, in den wir uns wieder einfügen sollten. Da dieser Kreislauf immer mehr aus den Fugen gerät, geht es darum, sich neu zu orientieren. In der Schule lernt man oft das Pyramidensystem, an dessen Spitze der Mensch steht. Das stimmt so nicht – alles sollte ein ebenbürtiger Kreislauf sein.

„Shadow Hunter“: Philipp Egger

Sie stammen aus einer Jägerfamilie. Warum haben Sie die Kamera dem Gewehr vorgezogen? 

Das Gewehr war für mich nie ein Thema. Ich bin in einer sehr passionierten Jägerfamilie aufgewachsen und habe dadurch schon früh einen tiefen Zugang zur Natur erhalten, wie man ihn nur durch jahrelange Erfahrung lernen kann. Man kann schließlich nicht einfach in die Berge gehen und glauben, man verstehe Gott und die Welt. Die Natur ist keine Mathematik. Wenn man versucht, sie zu erklären, muss man vorsichtig sein, denn wir haben es hier mit etwas Magischem zu tun. 

Ich versuche, ein vollkommenes Bild des Tieres zu erschaffen. 

Meine Eltern haben mich, sobald ich laufen konnte, mit in die Wälder genommen. Die Jagd hat durchaus ihren Nutzen, da sich der Jäger in den natürlichen Kreislauf einfügt – vorausgesetzt, sie wird mit Ethik, Respekt und im richtigen Gleichgewicht betrieben. Ein Großteil einer ethischen Jagd besteht aus reiner Beobachtung. So lässt sich feststellen, welches Tier krank oder schwach ist und den Winter voraussichtlich nicht überleben wird. Meine Familie betreibt erfreulicherweise genau diese ethische Jagd. Das Beobachten hat mir immer schon gefallen, aber sobald es zum Erlegen kam, war für mich Schluss. Bei der Fotografie mache ich im Grunde dasselbe: Ich versuche, ein vollkommenes Bild des Tieres zu erschaffen. 

Festival der Stille

Das Festival der Stille lädt dazu ein, im hektischen Alltag innezuhalten und den Wert der gewählten Einsamkeit neu zu entdecken. Im Rahmen der Veranstaltung teilt der Südtiroler Naturfotograf Philipp Egger – unter anderem Gewinner beim rennomierten Wettbewerb Wildlife Photographer of the Year in der Kategorie Animal Portraits – bei einem Dialogabend persönliche Einblicke in sein Schaffen. Neben der Präsentation des preisgekrönten Kurzfilms „Schattenjäger“ beleuchtet er die Entstehungsgeschichten hinter seinen Werken, den jahrelangen Prozess des Beobachtens und die tiefe Verbindung zur alpinen Natur. Seine Fotografien verstehen sich als Fenster in die Seele der Natur und als kraftvoller Aufruf, den natürlichen Kreislauf unseres Lebensraums zu achten und zu schützen. 

 29.+30.08.2026 Festival der Stille – Festival della solitudine • Akademie Meran 

Worauf dürfen sich die Besucher bei Ihrem Dialog beim Pre-Festival der Stille freuen? 

Ich möchte an diesem Abend keineswegs einfach eine Reihe schöner Naturbilder aneinanderreihen – damit würden wir nur wieder eine Form der Dauerbeschallung erzeugen. Es geht vielmehr um die Geschichten dahinter, um das, was man im fertigen Bild nicht sieht: Was ist vorher passiert? Wie lange hat es gedauert? Welche Zweifel gab es und wie nah bin ich einem Tier gekommen? Was ist in mir selbst zurückgeblieben? 

Gezeigt wird unter anderem der Kurzfilm über meinen „Schattenjäger“. Dieser Film dokumentiert die Entstehungsgeschichte dieses Werks, das beim diesjährigen Wettbewerb Wildlife Photographer of the Year den ersten Preis in der Kategorie „Animal Portraits“ gewonnen hat. Dieser Preis wird im Natural History Museum in London verliehen und gilt als der Oscar der Naturfotografie. Ich möchte damit verdeutlichen, dass solche Bilder nicht entstehen, indem man einfach nur auf den Auslöser drückt. Sie entstehen viel früher – durch tiefes Verständnis und eine Vorstellung von dem, was man erschaffen möchte. Ein solches Bild entsteht nicht durch Zufall; es ist fast wie eine Eingebung, wie eine Vision. Am Ende sieht der Betrachter den Bruchteil einer Sekunde – für mich stecken in diesem einen Bild mehr als vier Jahre Arbeit. 

Statt eines Schusses – Die lautlose Jagd nach dem perfekten Foto: Philipp Egger