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Wirtschaft | Energie

Nahost-Krieg treibt Brasiliens Ölboom an

Brasiliens Erdölförderung ist im Vergleich zu 2025 um mehr als 20 % gestiegen. Auslöser dafür sind vor allem die kriegsbedingten Lieferengpässe in den Golfstaaten.

Hinweis: Dieser Artikel ist ein Beitrag der Community und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.

Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mighty_Seillean_FPSO_in_Brazil.jpg Shipcat, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Während geopolitische Konflikte im Nahen Osten die globalen Energiemärkte erschüttern und wichtige Seewege wie die Straße von Hormus und die Meerenge von Bab al-Mandab blockieren, zeichnet sich Tausende Kilometer entfernt ein klarer Gewinner ab: Brasilien. Die südamerikanische Wirtschaftsmacht nutzt die Krise, um ihre Position als verlässlicher Energielieferant auszubauen.

Mit rund 8,5 Millionen Quadratkilometern nimmt Brasilien fast die Hälfte (47,3 %) Südamerikas ein und erreicht nahezu die Größe Europas. Mit über 213 Millionen Einwohnern ist es das siebtbevölkerungsreichste Land der Erde 1/ – flächenmäßig belegt es weltweit den fünften Platz 2/.

Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 2,3 Billionen US-Dollar im Jahr 2025 ist Brasilien die mit Abstand größte Volkswirtschaft Lateinamerikas und belegt weltweit den 11. Platz. 

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Nach Platz 9 im Jahr 2025 rückt Brasilien in diesem Jahr voraussichtlich auf den 6. Rang bei den weltweiten Ölproduzenten vor. Das Land hat seine Förderung stark ausgeweitet und kompensiert damit Teile der förderbedingten Ausfälle in den Golfstaaten, die unter der Blockade der Straße von Hormus leiden. 

Bei der weltweiten Stromgewinnung aus Wasserkraft belegte Brasilien im Jahr 2025 mit einem Anteil von 8,9 % den zweiten Platz – hinter Spitzenreiter China (31 %). Bei den übrigen erneuerbaren Energien erreichte das Land mit Rang fünf ebenfalls eine Top-Platzierung, hinter China, den USA, Indien und Deutschland.

Neben seiner Rolle als wichtiger Akteur bei der Produktion von erneuerbarer Energie ist Brasilien ein global bedeutender Ölproduzent und -exporteur, angeführt vom Staatskonzern Petrobras (offiziell Petróleo Brasileiro S.A.). Petrobras ist das bedeutendste Industrieunternehmen Brasiliens und zählt zu den weltweit führenden Akteuren der globalen Energiewirtschaft. Der Konzern ist ein teilprivatisiertes, börsennotiertes Unternehmen, an dem der brasilianische Staat die Aktienmehrheit der stimmberechtigten Papiere hält und somit die strategische Kontrolle behält, während die Aktien weltweit gehandelt werden. 

Als wesentlicher Wirtschaftsmotor ist der staatliche Konzern Petrobras der mit Abstand größte Steuerzahler und wichtigste Investor des Landes. Die Dividenden fließen zu signifikanten Teilen direkt in den brasilianischen Staatshaushalt. Der Erdölsektor generiert beachtliche Fiskaleinnahmen für den Staatshaushalt und für Sozialprojekte. Da die Ölförderung auf Basis der erschlossenen Vorkommen im nächsten Jahrzehnt ihren Peak erreichen dürfte, braucht es gezielte Investitionen in neue Technologien, um die Effizienz zu steigern, Kosten zu optimieren und den Sektor langfristig wettbewerbsfähig zu halten

Petrobras ist Pionier und Weltmarktführer in der Tiefsee-Ölförderung (englisch: Deepwater Drilling). Ab Mitte der 2000er-Jahre entdeckte Petrobras gigantische Vorkommen vor der Küste Brasiliens. Diese sogenannten Pre-Salt-Felder (portugiesisch: Pré-Sal) zählen zu den bedeutendsten Kohlenwasserstoff-Funden des 21. Jahrhunderts und machten Brasilien vom Netto-Importeur zu einem der weltweit führenden Ölproduzenten. Der Begriff „Pre-Salt“ (Unter-Salz) beschreibt die geologische Lage der Vorkommen: Sie liegen extrem tief unter dem Meeresboden und werden von einer bis zu 2.000 Meter dicken Salzschicht überlagert. Die Erschließung dieser Felder gilt als eine der technisch anspruchsvollsten Aufgaben der weltweiten Offshore-Industrie – bildet aber zugleich das Fundament für das rasant steigende Förderwachstum seit den 2000er-Jahren. Über 80 % der Gesamtförderung des Petrobras-Konzerns stammen heute aus diesen hochproduktiven Pre-Salt-Feldern.

Mit einer Förderung von 3,7 Millionen Barrel pro Tag war Brasilien 2025 der neuntgrößte Ölproduzent der Welt. Als der Irankrieg die Straße von Hormus lahmlegte – ein Nadelöhr für etwa 20 % des weltweiten Öltransports –, führte das globale Angebot-Defizit nicht nur zu einem drastischen Preisanstieg, sondern auch zu massiven Lieferausfällen. Brasilien fing einen Teil des Ausfalls der Golfstaaten ab und steigerte seine Produktion bis Juli 2026 auf 4,5 Millionen Barrel pro Tag. Dies entspricht einem deutlichen Zuwachs von mehr als 20 % verglichen mit 2025.

 

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Dank neuer Offshore-Vorkommen im Atlantik und erweiterter Pipelines baut Brasilien seine Ölförderung massiv aus und etabliert sich als zentraler Wachstumstreiber des globalen Angebots außerhalb der OPEC+ Länder 3/. Der nationale Ölkonzern Petrobras investiert massiv in modernste Unterwassertechnologien (Subsea-Systeme) und Digitalisierung, um die Förderraten bestehender Pre-Salt-Bohrungen zu maximieren. Als Haupttreiber für künftiges Wachstum dienen neue schwimmende Förder- und Lagerschiffe (FPSOs, siehe Titelbild)) in den Tiefseefeldern. Petrobras und seine internationalen Partner – darunter Shell, Equinor und TotalEnergies – haben bis 2030 den Einsatz mehrerer neuer Großplattformen fest eingeplant. Infolge des Iran-Krieges gestiegene Ölpreise haben die Einnahmen von Petrobras massiv erhöht, was dem Konzern eine deutliche Steigerung seiner Investitionen ermöglicht.

Brasilien hat das Potenzial, seine Förderung in den kommenden Jahren weiter zu steigern. Offiziellen Prognosen der Energieplanungsbehörde EPE zufolge dürfte die brasilianische Ölförderung gegen Ende des Jahrzehnts ihren Peak bei etwa 5,3 Millionen Barrels pro Tag erreichen. Sollten keine bedeutenden Vorkommen neu erschlossen werden, wird die Produktion im Laufe der 2030er-Jahre aufgrund des natürlichen Ertragsrückgangs bestehender Felder schrittweise sinken.

Brasiliens Gasmarkt im Wandel: Potenziale und Hürden der Offshore-Förderung

Der Großteil des brasilianischen Erdgases liegt als Begleitgas 4/ tief unter dem Meeresboden in den sogenannten Pre-Salt-Feldern. Da die Ölförderung in diesen Vorkommen massiv ausgebaut wird, steigt automatisch auch das Fördervolumen an Gas. Trotz dieses Zuwachses steht dem brasilianischen Binnenmarkt bislang nur ein geringer Teil der verfügbaren Mengen zur Verfügung: Mehr als die Hälfte des Gases wird zur Druckhaltung in den Lagerstätten und zur CO₂-Minderung wieder in den Meeresboden zurückgepumpt. Fehlende Pipelines und Verarbeitungsanlagen sind der Hauptgrund für diesen Engpass. Durch gezielte Investitionen in die Offshore-Infrastruktur will Brasilien künftig deutlich mehr Gas an Land leiten, um die heimische Industrie und Düngemittelherstellung zu stärken. Die tatsächlich nutzbare Gasmenge des Landes dürfte dadurch in den kommenden Jahren spürbar steigen.

Powerhouse Brasilien: Energie-Rohstoffe zwischen Tradition und Wende

Neben bedeutenden Öl- und Gasreserven profitiert Brasilien von gewaltigen Wasserkraftkapazitäten, einer etablierten Biokraftstoffindustrie sowie herausragenden Wind- und Solarressourcen. Diese Vielfalt macht das Land zu einem Schlüsselakteur der globalen Energiewende. Die Wasserkraftwerke Brasiliens gehören gemessen an der installierten Leistung zu den größten Anlagen der Welt. Wasserkraft stellt das Rückgrat der brasilianischen Stromversorgung dar und liefert den Großteil der im Land benötigten Energie. Das Itaipu-Wasserkraftwerk an der Grenze zwischen Brasilien und Paraguay mit einer Leistung von 14.000 Megawatt ist das zweitgrößte der Welt nach dem Zwei-Schluchten Kraftwerk in China.

Brasilien gilt als der weltweit fortschrittlichste und erfolgreichste Markt für Biokraftstoffe. Dank einer konsequenten Politik seit den 1970er-Jahren wurden Herstellung und Nutzung von Ethanol sowie Biodiesel zu einer einzigartigen Erfolgsgeschichte. Brasilien stellt Bioethanol aus Zuckerrohr und Mais her, während hauptsächlich Sojaöl, aber auch tierisches Fett Rohstoffe für Biodiesel sind. Über 80 % aller Neuwagen in Brasilien sind Flex-Fuel-Fahrzeuge (FFV). Dank angepasster Verbrennungsmotoren können diese flexibel mit Benzin und Bioethanol (Alkohol) oder jedem beliebigen Gemisch daraus betrieben werden. Ein Flex-Fuel-Auto besitzt nur einen einzigen Tank, das System passt sich automatisch an den aktuell getankten Kraftstoff an

Brasilien besitzt vor allem im Nordosten hervorragende Windverhältnisse sowie eine enorm hohe Sonneneinstrahlung für Photovoltaik. Durch den Mix aus Wasser, Wind und Sonne entwickelt sich Brasilien zunehmend zu einem wichtigen Standort für die Produktion von grünem Wasserstoff.

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Im Jahr 2025 stammten fast 87 % des brasilianischen Stroms aus erneuerbaren Quellen – allen voran die Wasserkraft mit 52,1 %, gefolgt von anderen erneuerbaren Energien mit 34,8 %. Erdgas steuerte 7,8 % bei, während Kohle trotz bedeutender Vorkommen nur auf 2,0 % und Erdöl auf lediglich 0,9 % kamen. Obwohl Brasilien über die sechstgrößten bekannten Uranreserven der Welt verfügt, liegt der Anteil der Kernenergie am Strommix bei gerade einmal bei 2,1%.

Brasiliens doppelgleisige Stragtegie bei seinem zukünftigen Energieplan

Dass Brasilien als Pionier der erneuerbaren Energie und als Vorreiter bei der Energiewende auftritt und zugleich massiv die Produktion von Öl und Gas vorantreibt, wirkt auf den ersten Blick wie ein Widersprich. Brasilien deckt seinen heimischen Strombedarf weitgehend aus grünen Energien und nutzt im Straßenverkehr zu einem großen Teil Biokraftstoffe. Gleichzeitig vertreibt es seine fossilen Rohstoffe gewinnbringend auf dem Weltmarkt. Dahinter steckt eine pragmatische Doppelstrategie: Brasilien nutzt Öl als geopolitisches und finanzielles Werkzeug, um das Wirtschaftswachstum und die grüne Transformation zu finanzieren. Für die Regierung unter Präsident Lula da Silva sind fossile Brennstoffe kein Widerspruch zur Energiewende, sondern ein Mittel zu deren Finanzierung. Brasilien strebt danach, in der Rangliste der größten Ölproduzenten weiter nach vorne zu rücken. Solange die globale Ölnachfrage anhält, will das Land davon profitieren und die Einnahmen für den eigenen Strukturwandel nutzen.

Brasiliens Mitgliedschaft bei den BRICS-Staaten

Die BRICS-Mitgliedschaft 5/ bildet ein Fundament der brasilianischen Außenpolitik. Als Gründungsstaat der ersten Stunde – gemeinsam mit Russland, Indien und China, vor der Aufnahme Südafrikas im Jahr 2010 – setzt Brasilien auf das Bündnis, um dem globalen Süden mehr Gewicht auf der Weltbühne zu verleihen. Brasilien nutzt die BRICS-Plattform als Gegengewicht zur westlichen Dominanz.  Kernziele sind eine UN-Reform – insbesondere ein ständiger Sitz im Sicherheitsrat mit Unterstützung der BRICS-Partner – sowie die Entdollarisierung des bilateralen Handels durch den Einsatz von Lokalwährungen. Anders als Russland oder der Iran setzt Brasilien jedoch auf Blockfreiheit und pflegt weiterhin enge diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen zu den USA und der EU (z. B. EU-Mercosur-Abkommen).

Präsident Trump sieht die enge Einbindung Brasiliens in das BRICS-Bündnis sowie die wachsenden Wirtschaftsbeziehungen Brasiliens zu China kritisch. Während Brasilien auf eine neutrale, multipolare Außenpolitik setzt, erwartet Trump von den Handelspartnern der USA eine klare Ausrichtung auf amerikanische Interessen. Trumps Verhältnis zu Brasilien spiegelt vor allem die politische Ausrichtung der Regierung in Brasilia wider. Unter dem rechten Präsidentschaftskandidaten Bolsonaro setzte er auf enge Kooperation; der linken Führung unter Präsident Lula begegnet er hingegen mit einer harten Handels- und Geopolitik.

1/ Die 10 flächenmäßig größten Länder der Welt: Russland, Kanada, USA, China, Brasilien, Australien, Indien, Argentinien, Kasachstan und Algerien

2/ Die 10 bevölkerungsmäßig größten Länder der Welt: Indien, China, USA, Indonesien, Pakistan, Nigeria, Brasilien, Bangladesch, Russland, Äthiopien

3/ Die OPEC + Länder inkludieren die 11 OPEC-Mitgliedsstaaten (Saudi-Arabien, Iran, Iraq, Kuwait, Venezuela, Algerien, Libyen, Nigeria, Gabun, Äquatorialguinea, Republik Kongo,) sowie die folgenden 10 Länder:  Aserbaidschan, Bahrain, Brunei, Kasachstan, Malaysia, Mexiko, Oman, Russland, Sudan, Südsudan.

4/ Begleitgas (engl. associated gas) bezeichnet Erdgas, das gemeinsam mit Erdöl in derselben Lagerstätte vorkommt und bei dessen Förderung zwangsläufig austritt. Es unterscheidet sich vom sogenannten „freien Erdgas“, das aus reinen Gasfeldern ohne Ölvorkommen gewonnen wird.  

5/ Die BRICS-Gruppe hat sich zu einem der einflussreichsten wirtschaftlichen und demographischen Blöcke der Welt entwickelt. Folgende Länder gehören inzwischen zur BRICS-Gruppe: Brasilien, Russland, Indien, China; Südafrika, Ägypten, Äthiopien, Iran, Vereinigte Arabische Emirate.

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