Aufbrechen und bleiben
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Der emanzipierte MannEx libris
Questo estratto dal libro di Gottlieb Pomella fa parte del formato „Ex libris“ su SALTO.
Dieser Auszug aus dem Buch von Gottlieb Pomella ist Teil des Formats „Ex libris“ auf SALTO.
Dies ist eine wahre Geschichte. Der, dem sie widerfahren ist, hat sie zwar niemandem erzählt, aber er hat sie auf - geschrieben. Es war in den frühen 1980er-Jahren. Die zweite Welle der Frauenbewegung hatte auch Südtirol erfasst, und da - von mitgerissen emanzipierten sich zunehmend auch Männer von ihrer dominanten Rolle in der Beziehung zur Frau. Kurt war einer von diesen Männern. Zusammen mit einigen Freunden, alles junge Väter, überlegte Kurt, wie er seiner ebenfalls noch jungen Frau die bis dahin einseitig getragene Last der Empfängnisverhütung abnehmen könnte. Es hatte sich herumgesprochen, dass sich Männer im öffentlichen Krankenhaus beinahe kostenlos einer Vasektomie, einer Durchtrennung der Samenleiter, unterziehen konnten, wodurch ihre Frauen definitiv von der Last des täglichen Pillenschluckens oder anderen, noch unangenehmeren Praktiken der Empfängnisverhütung befreit würden.
Die emanzipationswilligen Freunde ließen sich von dieser Unsicherheit nicht abschrecken, und Kurt vereinbarte einen Termin in der urologischen Abteilung des Krankenhauses.
Der Eingriff sei potenziell reversibel, hieß es, doch gebe es zum aktuellen Stand der Medizin und zur Operationstechnik keine hundertprozentig verbindliche Information. Die emanzipationswilligen Freunde ließen sich von dieser Unsicherheit nicht abschrecken, und Kurt vereinbarte einen Termin in der urologischen Abteilung des Krankenhauses. Das obligate Gespräch, das dem chirurgischen Eingriff vorausging, war kurz und sachlich, und die vom Arzt gelieferten Informationen überzeugten Kurt von der Richtigkeit der getroffenen Entscheidung. Der gewünschte Eingriff erfolge ambulant, sagte der Arzt, eine stationäre Aufnahme sei nicht notwendig. Als Kurt zum vereinbarten Termin ins Krankenhaus kam und nach erfolgter Desinfektion und Beruhigungsspritze von einem Sanitäter durch den Korridor der urologischen Abteilung in Richtung Operationssaal geschoben wurde, kreuzte sein fahrbares Bett den Weg der Liege eines Patienten, der gerade aus dem Op-Saal kam. Aufgrund der Enge des Korridors hatten die Sanitäter alle Mühe, die beiden Betten aneinander vorbeizulotsen.
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Kurt erkannte überrascht, dass der Patient auf der anderen Liege sein Bruder Hans war; er hob den Kopf und rief dem ebenfalls überraschten Hans zu, was er denn hier mache. „Na, was wohl“, meinte dieser. „Meine Nierensteine haben wieder einmal Probleme gemacht. Jetzt bin ich gerade einen losgeworden – zertrümmert.“ Kurt bat den Sanitäter, er möge kurz anhalten, der auf der anderen Liege sei einer seiner fünf Brüder. Die beiden Sanitäter hielten also kurz an und lächelten einander ob der zufälligen Begegnung der Geschwister amüsiert zu. „Und was treibt dich heute hierher?“, wollte Hans von Kurt wissen. Dieser versuchte in wenigen Worten zu erklären, welche Entscheidung er getroffen habe und dass es ein kurzer und vollkommen schmerzloser Eingriff sei, da schoben die beiden Sanitäter die Liegen auch schon wieder an und Kurt hörte seinen älteren Bruder nur mehr verständnislos kommentieren: „O Madonna, du wirst dich doch nicht kastrieren lassen?“
Wie das genau funktionieren sollte, blieb Kurt eigentlich für immer ein Rätsel.
Das nicht!, wollte Kurt dem besorgten Bruder noch hinterherrufen. Aber zertrümmern würde er sich erst recht nichts lassen, dachte er und griff instinktiv schützend nach jenem Körperteil, mit dem sich in wenigen Minuten der Urologe beschäftigen würde. Der Eingriff war, wie vom Arzt im Vorgespräch versichert, kurz und dank Lokalanästhesie nahezu schmerzlos. Während der junge Urologe Kurts Samenfäden den Weg ins Freie für immer versperrte, klärte er ihn über Verlauf und Folgen des Eingriffs in lockerem und beruhigendem Ton auf. Auf die Frage, was nun mit dem vom Körper weiterhin produzierten Samen passiere, meinte der Arzt, dieser würde vom Körper „resorbiert“. Wie das genau funktionieren sollte, blieb Kurt eigentlich für immer ein Rätsel. „Schauen Sie noch beim Schalter vorbei, da bekommen Sie von der Krankenschwester einen Termin für die Kontrolle“, sagte der Arzt, und schon wurde Kurt von einem Sanitäter wieder aus dem Op-Saal geschoben.
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Zur Person
Gottlieb Pomella geboren 1948 in Kurtatsch/Südtirol. Er promovierte 1973 an der Universität Padua in Politischen Wissenschaften. Neben seiner langjährigen Tätigkeit als Pädagoge war er als freischaffender Publizist für verschiedene Printmedien tätig. Mit den in Edizioni Alphabeta Verlag erschienenen Gedichtbänden An Land gespült (2020) und Glücklich gefallen (2023) trat Pomella auch als Autor literarischer Texte in Erscheinung.
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Dieser Termin wurde für einen Monat nach dem Eingriff anberaumt. Bereits auf der kurzen Zugfahrt nach Hause machte sich Kurt Gedanken, was bei dieser Kontrolle vor sich gehen würde. Wie wollte der Arzt überprüfen, ob die vorgenommene Vasektomie erfolgreich gewesen war, überlegte Kurt. Er malte sich aus, was er da tun müsste, und schon beim bloßen Gedanken daran stieg Kurt leichte Schamesröte ins Gesicht. Und trotz des mildernden Umstandes, dass er nun als erwachsener Mann aus medizinischen Gründen das tun durfte, was ihm als Jungen die Kirche bei schlimmsten Höllenstrafen verboten hatte, wurde Kurt Tag für Tag unsicherer, ob er zum vereinbarten Termin überhaupt erscheinen würde. Er tat es dann doch.
Pornoheft hatte er seit seiner Heirat keines mehr im Haus.
Am Tag zuvor jedoch suchte Kurt zu Hause im Bücherregal nach zweckmäßigem Anschauungsmaterial, das ihm die vom Arzt geforderte Samenspende erleichtern würde. Pornoheft hatte er seit seiner Heirat keines mehr im Haus – was also tun? Beim Stöbern im Bücherregal fiel Kurt unter den Gebetsbüchern aus seiner Zeit im Knabenseminar ein in schwarzes Kunstleder gehülltes Büchlein auf, das er jahrzehntelang nicht mehr in die Hand genommen, eigentlich vergessen hatte und dessen Inhalt seiner Frau unbekannt geblieben sein dürfte. Kurt nahm es aus der hinteren Reihe des Regals, blies den Staub weg, öffnete es irgendwo und stellte fest: Es war tatsächlich das unscheinbare Büchlein, das er in seiner Gymnasialzeit manchmal mit in die Seminarkapelle genommen hatte, um die Langeweile während der abendlichen Rosenkranz-Andacht zu überbrücken.
Dass sich hinter der Hülle des Gebetsbüchleins eine billige, auch für Schüler leistbare illustrierte Miniaturausgabe des Kamasutras befand, wussten nur Kurts zuverlässigste und verschwiegenste Freunde. Hätte das der in jeder Hinsicht misstrauische Präfekt oder auch nur ein mit der Aufsicht betrauter Lyzealer aus der Septima erfahren, wäre Kurt stante pede aus Heim und Schule geflogen, wie es seinem besten Freund gegangen war, der einmal einen Brief von einem befreundeten Mädchen erhalten hatte. Beim Gedanken an die heimliche Geschichte des Büchleins überzog ein spitzbübisches Lächeln Kurts Gesicht. Er stellte das getarnte Kamasutra jedoch zurück ins Regal; die Abbildungen hatte er in seiner Pubertät so oft angesehen, dass er Zweifel hatte, ob ihre Betrachtung ihm in der bevorstehenden Situation dienlich sein würde. Da aber beim besten Willen keine brauchbare Alternative zu finden war, griff Kurt doch wieder nach dem Kamasutra und steckte es in die Innentasche des Blazers, den er am darauffolgenden Tag anlässlich der Kontrolle im Krankenhaus anzuziehen gedachte. Die Wartezeit in der Urologie war kurz, Kurt hatte kaum Zeit, über die ihn erwartende Prozedur zu sinnieren. Schon wurde er aufgerufen, eine freundliche Assistentin reichte ihm ein Fläschchen, zeigte ihm den Weg zum Badezimmer und meinte: „Bringen Sie das dann einfach dem Doktor!“ Kurt tat wie angeordnet, verriegelte die Tür des engen Raumes, öffnete den Gürtel und wartete ab, ob es auch ohne Unterstützung des mitgebrachten Büchleins funktionieren würde. Da das nicht der Fall war, griff er zuversichtlich in die Innentasche seines Blazers, holte das Büchlein im abgegriffenen Ledereinband hervor, öffnete es – und erstarrte vor Schreck. Was er in seinen Händen hielt, war nicht das Kamasutra, sondern ein echtes Gebetsbüchlein desselben Formats aus seiner Zeit im Knabenseminar.
Mit Liebe, Nachsicht und warmem Humor zeichnet Gottlieb Pomella die kleinen Schicksale, die von den großen Entwicklungen geformt werden: Die Italianisierung Südtirols, der Zweite Weltkrieg, Faschismus und Gewalt sind zwar abstrakte Begriffe – Kurt, Irina, Gilberto und Ruth jedoch verkörpern die konkreten Menschen, denen wir auf ihren Wegen gerne folgen.
Das Buch ist in der Edizioni Alphabeta Verlag (Edition Raetia) erschienen.
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