Neues Kapitel, offene Fragen
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Jetzt S+ abonnierenSüdtirols Gesundheitswesen soll näher an die Menschen rücken und die Notaufnahmen entlastet werden. Hierfür will Gesundheitslandesrat Hubert Messner ein „neues Kapitel“ im Gesundheitswesen beginnen. Eine Säule soll dabei die Stärkung der wohnortnahen Gesundheitsversorgung durch zwölf Gemeinschaftshäuser sein. In Brixen, Innichen und Klausen wurden bereits Gemeinschaftshäuser eröffnet. Nun auch in Bozen. Nachdem das Ambulatorium für kleine Dringlichkeiten bereits seit dem 15. Mai zugänglich ist, wurde heute das erste Gemeinschaftshaus am Loew-Cadonna-Platz eröffnet.
Die Ambitionen sind groß: Die Struktur soll Hausärztinnen und -ärzte, Fachärztinnen und -ärzte, Psychologinnen und Psychologen, technisches Personal, Pflege und Sozialdienste an einem Ort zusammenführen.
Neues Kapitel mit Startschwierigkeiten
Bei seinem Vortrag zum Gesundheitswesen schildert Landesrat Messner den Ausgangspunkt: Nach den von ihm präsentierten Daten seien die Zugänge in den vergangenen sechs Jahren von rund 190.000 auf rund 300.000 gestiegen. Auffällig sei dabei, dass zwischen 55 und 65 Prozent der einheimischen Patientinnen und Patienten mit grünem oder blauem Kodex – also wenig bis nicht kritisch – zwischen 8 und 11 Uhr in die Notaufnahme kämen. Touristen, Traumata und echte Notfälle seien dabei herausgerechnet worden. Mit vier Neuerungen will man die Überlastung der Notaufnahmen in den Krankenhäusern schultern: mit Gemeinschaftshäusern, Gemeinschaftskrankenhäuser, wohnortnahen Einsatzzentralen und der Rufnummer 116117.
Die Gemeinschaftshäuser sind als Weiterentwicklung der bestehenden Sprengel gedacht. In erster Linie sollen chronisch kranke Patientinnen und Patienten für bestimmte Untersuchungen und koordinierte Betreuung ins Gemeinschaftshaus kommen. Hausärztinnen und -ärzte bleiben die erste Anlaufstelle für nicht dringende Behandlungen.
Außerhalb der Ordinationszeiten oder bei Nichterreichbarkeit des Hausarztes ordnet sich nun aber das Gemeinschaftshaus mit seiner Anlaufstelle für kleine Dringlichkeiten als Dienst für „nicht kritische Situationen“ in der Dringlichkeitspyramide unter der Notaufnahme im Krankenhaus für dringende, aber nicht lebensbedrohliche Notlagen ein. An der Spitze steht der Notrufdienst, der unter der Notrufnummer 112 erreichbar ist und im Falle von lebensbedrohlichen Fällen konsultiert werden kann.
„Die vom Ministerium beauftragte Firma baut nicht weiter.“
Der Start verläuft aber noch holprig. „In Neumarkt hatten wir riesige Probleme bei der Planung, das Projekt musste einmal umgeplant werden.“ Besonders schwierig sei die Situation in Meran: „Dort kommt der Bau des Gemeinschaftshauses nicht voran, weil die vom Ministerium beauftragte Firma nicht weiterbaut. Das Land hat bereits alle möglichen Strafen ausgestellt und eine Vertragsauflösung geprüft, kann den Vertrag aber nicht eigenständig kündigen, da die Auftragsführung beim Staat liegt. Das ist ein großes Problem“, erklärt Messner.
Zeitlich wird es also eng, denn Italien muss bis zum 30. Juni gegenüber der EU nachweisen, dass die Gemeinschaftshäuser nicht nur gebaut, sondern tatsächlich in Betrieb sind. Das Geld für die Gemeinschaftshäuser kommt nämlich aus dem italienischen Wiederaufbaufonds PNRR, der wiederum das Geld von der EU bekommen hat.
Viele Fragen bleiben offen
Neben dem Zeitdruck bleibt auch die Personalfrage ein Streitthema. Wer soll eigentlich in die Gemeinschaftshäuser? Bei den Fachärzten zeigte sich Messner zuversichtlich. Derzeit würden 240 Fachärzte nach österreichischem Modell in Südtirol ausgebildet. Kritik kommt aber immer noch von der Hausärzteschaft.
Der Hausarzt Eugen Sleiter warnt davor, dass die neuen Gemeinschaftshäuser am Ende zusätzliche Dienste auf die Hausärzteschaft verlagern könnten, das bereits jetzt an der Belastungsgrenze arbeitet. „Hausärzte, die ihre Rolle ernst nehmen, haben genug Arbeit. Und das trifft auf die Mehrheit der Hausärzte zu“, sagt Sleiter. Immer mehr chronisch kranke und ältere Patientinnen und Patienten, Hausbesuche, Altenheime, Palliativbetreuung sowie mehr bürokratische Zusatzaufgaben, wie Verschreibungen oder Patientenüberweisungen, fallen auf die Allgemeinmedizin zurück.
Sleiters Sorge: „Nicht nur, dass es fraglich ist, wo Hausärzte die Zeit für diese Dienste hernehmen sollen. Wenn Hausärzte künftig zusätzlich fixe Dienste in Gemeinschaftshäusern leisten müssen, könnte das besonders periphere Gebiete unattraktiver machen, also gerade dort, wo der Mangel ohnehin schon spürbar ist. Wenn ich als Hausarzt starte, werde ich es mir überlegen in Moos im Passeier, in Obervinschgau oder im Ultental in einer Praxis zu arbeiten, wenn ich zusätzlich Dienste im Meraner oder Naturnser Gemeinschaftshaus leisten muss.“
Zudem weist er darauf hin, dass viele Hausärzte bereits heute zusätzliche Aufgaben in Seniorenheimen übernehmen, die mehrere Stunden Präsenz pro Woche erfordern. Durch Dienste in Gemeinschaftshäusern könnten sie gezwungen sein, derartige Aufgaben abgeben zu müssen. Somit könnte ein weiterer Dienst territorialer Versorgung unter Druck geraten.
Wie stark die Hausärztinnen und -ärzte künftig in die Gemeinschaftshäuser eingebunden werden, dürfte sich allerdings nicht allein in Bozen entscheiden. Auf nationaler Ebene arbeitet Gesundheitsminister Orazio Schillaci an einer Reform der Allgemeinmedizin, die genau dieses Verhältnis neu ordnen soll.
„Ohne vollständigen Zugriff auf Patientendaten könnte aus einer scheinbar einfachen Beschwerde schnell ein Risiko werden“
Besonders heikel findet Sleiter den möglichen Einsatz junger, noch unerfahrener Ärztinnen und Ärzte in den Gemeinschaftshäusern. In der Ausbildung arbeiteten diese normalerweise unter Anleitung von Tutorinnen oder Tutoren; sie könnten Patientinnen und Patienten zwar selbst untersuchen, ihre Einschätzung werde aber mit einem erfahrenen Arzt besprochen. Zudem sei die Einteilung in Nachtdiensten problematisch. Aus dem Personalschlüssel geht hervor, dass in Bruneck und Brixen etwa nur eine Ärztin oder ein Arzt für die Nachtschicht eingeteilt sind. Das wirft auch Sicherheitsfragen auf.
Hinzu kommt für Sleiter ein strukturelles Problem: In der Hausarztpraxis kennen Ärztinnen und Ärzte ihre Patientinnen und Patienten, ihre Vorerkrankungen, Medikamente und Risiken. In einem Gemeinschaftshaus sei das noch schwer vorstellbar. „Wer dort eine unbekannte Patientin oder einen unbekannten Patienten behandelt, muss Entscheidungen mit deutlich weniger Hintergrundwissen treffen. Ohne vollständigen Zugriff auf Patientendaten könnte aus einer scheinbar einfachen Beschwerde schnell ein Risiko werden, etwa dann, wenn Vorerkrankungen oder Medikamente nicht bekannt sind“, erklärt Sleiter.
Mit der Eröffnung des Gemeinschaftshauses in Bozen nimmt Hubert Messners Gesundheitsreform also weiter Gestalt an, auch wenn noch viel Klärungsbedarf besteht oder wie es Eugen Sleiter formuliert: „Es sind einfach noch viele Fragen offen“.
Es gäbe eine relativ…
Es gäbe eine relativ einfache Änderung im Konzept, die dazu führen würde, dass die Hausärzte keiner Zusatzbelastung durch die Dienste in den Gemeinschaftshäusern ausgesetzt sind UND auch eine höhere Qualität der Prozesse im Gemeinschaftshaus selbst gewährleistet ist:
Aus meiner Sicht und aufgrund meiner eigenen mehrjährigen Arbeitserfahrung in einem der ersten und größten Primärversorgungszentren Österreichs empfehle ich die Gemeinschaftshäuser mit einem eigenen, fest angestellten Ärzteteam auszustatten. Diese Ärzte sind dann auf die Versorgung im Gemeinschaftshaus (die eine andere ist als beim eigentlich wohnortnahen Hausarzt) spezialisiert und die stark teamorientierten Prozesse (die es beim klassischen Hausarzt weniger bzw. in deutlich anderer Form gibt) somit besser ablaufen.
Durch die aktuell vorgesehenen sehr starken Personalfluktuationen im Ärzteteam (teilweise jeden Tag ein anderer Arzt) können sich aus meiner Sicht kaum Standardprozesse auf hohem Niveau umgesetzt werden.
Liebes salto-Team, ich fände es sehr gut, wenn ihr euch z.B. im Sommer (am besten im August) die Zeit nehmt, mal vor Ort zu überprüfen, wie die Versorgung in den neuen Gemeinschaftshäusern in der Realität ausschaut: wie viele Patienten werden betreut? Wie sind die Wartezeiten? Wie ist die Patientenzufriedenheit? Wie geht es dem Personal? Können die Öffnungszeiten (die versprochene „Betreuungskontinuität“) gewährleistet werden?
Das wäre sehr interessant.