Gesellschaft | Gastbeitrag

"Wir bauen Einweg-Häuser"

Wohnen in Südtirol ist teuer und Bauflächen sind begrenzt. Gleichzeitig bleibt viel Wohnraum ungenutzt, weil Gebäude zu "starr" geplant sind. Das jedenfalls findet der Statiker Karl Angerer. Ein Interview.
MAKY_OREL, Pixabay

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SALTO: Herr Angerer, wer heute in Südtirol baut oder eine Wohnung kauft, steckt meistens seine gesamten Ersparnisse in das Projekt und zahlt mehr als ein halbes Leben Kredite ab. Entsprechend sind es große Entscheidungen, die mit Weitblick geplant werden. Sie sagen hingegen, es wird zu wenig in die eigene Zukunft geschaut, jedes Wohnprojekt bräuchte einen Plan B. 

Karl Angerer: Ich arbeite seit drei Jahrzehnten im Bausektor und erlebe es ständig: Die meisten bauen für eine einzige Lebenssituation, alles richtet sich in den meisten Fällen nach der jungen Familie mit zwei Kindern aus. Das Problem ist: Das Leben bleibt nicht stehen, Lebenssituationen verändern sich. Die Kinder ziehen als junge Erwachsene aus, Partnerschaften wandeln sich, und vor allem: Wir werden alle älter. 

 

„Eine ältere Person lebt allein in einem Haus oder einer 150 Quadratmeter-Wohnung, in der sie zuvor mit der Familie gewohnt hat.“

 

Aber das ist doch der Lauf der Dinge. Was hat das mit der Bauweise zu tun?

Sehr viel. Jahrzehnte später stehen wir dann vor einem großen Problem: Große Flächen werden nur noch teilweise genutzt, Räume stehen leer, aber die laufenden Kosten, die Gebühren, die Steuern und der Reinigungsaufwand bleiben gleich hoch. Auf der einen Seite finden junge Familien, Singles und Alleinerziehende in Südtirol fast keinen bezahlbaren Wohnraum. Auf der anderen Seite lebt jahrzehntelang oft eine ältere Person allein in einem Haus oder einer 150 Quadratmeter-Wohnung, in der sie zuvor mit der Familie gewohnt hat. Das ist nicht wirtschaftlich und sozial nicht verträglich. Vor allem treibt es die Wohnkrise massiv voran. Wir bauen im Grunde Einweg-Gebäude. 

Zur Person

Karl Angerer arbeitet seit über 25 Jahren im Fachbereich Konstruktiver Ingenieurbau als Tragwerksplaner und Statiker im Bereich Betonbau, Holzbau und Stahlbau. Angerer hat Bauingenieurwesen in Innsbruck studiert und beschäftigt sich seit seiner Abschlussarbeit mit umweltverträglichem Bauen.

Wenn das Haus zu groß wird, baut man es im Alter eben um oder teilt es auf. Wo ist der Haken?

Der Haken liegt in der mangelnden Anpassungsfähigkeit. Ein nachträglicher Umbau ist in der Praxis nicht so einfach umzusetzen – er ist sündhaft teuer, bürokratisch extrem aufwendig und im höheren Alter kaum mehr zu stemmen. Oft scheitert es schon an der Statik, weil tragende Wände im Weg stehen, oder daran, dass man keine Leitungen für eine zweite Küche oder ein Bad verlegen kann, ohne das halbe Haus abzureißen. 

 

„Das Treppenhaus liegt fast immer am völlig falschen Ort.“ 

 

Haben Sie ein konkretes Beispiel aus Ihrer Praxis als Statiker?

Ein anschauliches Beispiel sind Reihenhäuser in Südtirol. Die sind im Grunde fast alle „Einweg-Häuser“, weil sie so gut wie unteilbar sind. Fast jeder, der ein typisches Reihenhaus vor Augen hat, wird bemerken: Das Treppenhaus liegt fast immer am völlig falschen Ort. Es ist meistens so mittig in den Wohnraum integriert, dass man die Geschosse niemals sauber und rechtlich unabhängig voneinander trennen kann. Eine spätere Aufteilung in mehrere Wohneinheiten ist dadurch von vornherein fast unmöglich. Die Hausbesitzenden sind für immer in dieser einen Struktur gefangen.

Wie sieht eine gute Lösung aus? Müssen wir alle kleiner bauen?

Nein, wir müssen flexibler planen! Jede Wohnung und jedes Haus ab einer bestimmten Größe – sagen wir ab 80 Quadratmetern Nutzfläche – sollte von Anfang an mit einem „Plan A“ für heute und einem „Plan B“ für übermorgen gezeichnet werden. Das bedeutet: Bereits beim ersten Entwurf denkt der Planer oder die Planerin mit, wie sich das Gebäude später ohne großen baulichen Aufwand und ohne horrende Kosten in zwei unabhängige Einheiten trennen lässt. Nicht als Zwang, sondern als kluge Option für den Bauherrn. 

Bisher werden in Politik und Baubranche vor allem über Klimaschutz und Energieeffizienz geredet. Haben Sie eine Möglichkeit der Umsetzung überlegt?

Ich halte eine neue, eigenständige Säule beim so genannten nachhaltigen Bauen für einen realistischen Weg. Wobei der Begriff aus meiner Sicht nicht nur auf die Dämmung, die Heizung und die CO₂-Bilanz der Baustoffe bezogen werden darf. Das greift viel zu kurz. Was bringt uns das energieeffizienteste Haus, wenn es nach 30 Jahren für die Bewohner unbrauchbar wird, leer steht oder abgerissen werden muss, weil sich niemand mehr den Erhalt leisten kann? Die echte, völlig unterschätzte Säule der Nachhaltigkeit ist die Anpassungsfähigkeit. Nur ein Gebäude, das sich veränderten Lebensumständen anpassen kann, ist wirklich nachhaltig. 

Karl Angerer an einer seiner Wirkungsstätten: „Man kann keine Leitungen für eine zweite Küche oder ein Bad verlegen, ohne das halbe Haus abzureißen.“ privat

Das ist nachvollziehbar. Aber wie sieht dieser „Plan B“ konkret aus? Verdoppelt das nicht die Baukosten?

Überhaupt nicht. Es verursacht bei der Errichtung nur minimale Mehrkosten. Es geht im Wesentlichen um vier einfache Prinzipien, die man von Anfang an berücksichtigen muss: 

Erstens, die flexible Statik. Tragende Innenwände im Wohnbereich werden vermieden oder geschickt gebündelt, damit man die Anordnung der Zimmer später je nach Bedarf verschieben kann. 

Zweitens, die vorausgedachte Infrastruktur. Die Rohre und Schächte für Wasser und Abwasser für ein potenziell zweites Bad oder eine Küche werden jetzt schon verlegt. Ein Stück Plastikrohr beim Neubau kostet sehr wenig im Verhältnis zum Gesamtbau, bewahrt aber später davor, den Betonboden aufstemmen zu müssen. 

 

„Das Haus entwickelt sich mit deinem Leben mit.“

 

Drittens, die mitgedachte Trennung. Die Installationen werden so vorbereitet, dass man später problemlos getrennte Zähler für Strom, Wasser oder Heizung einbauen kann – die Grundvoraussetzung, um stressfrei zu vermieten.

Viertens, das Treppenhaus muss an den richtigen Ort. Der Grundriss und die Zugänge werden so angeordnet, dass im Bedarfsfall zwei unabhängige Wohnbereiche mit eigener Privatsphäre entstehen können, ohne dass man sich gegenseitig durch die Wohnung laufen muss. 

Plan A und Plan B: Ein Haus wird nicht nur für die Familie geplant, sondern auch für die Zeit danach, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Die Pläne stammen von Karl Angerer. Aus Privacy-Gründen haben wir die konkreten Pläne verpixelt. Karl Angerer

Muss die Familie, die ihr Eigenheim baut, nicht zu große Kompromisse eingehen, wenn sie beim Planen auch die Zukunft mitdenkt? Die meisten möchten ihr Heim nach den Anstrengungen von Planung und Bau genießen.

In der Familienphase nutzt du die gesamte Fläche. Wenn die Kinder in Ausbildung sind und zum Teil schon nicht mehr daheim wohnen, kannst du einen Teil flexibel vermieten, um den Kredit schneller abzubezahlen. Später zieht vielleicht ein erwachsenes Kind mit dem Partner ein, es braucht Raum für deren Kinder – die Großfamilie lebt unter einem Dach zusammen, aber jeder hat seine eigene Tür und Privatsphäre. Die größten Vorteile sehe ich für die Bauherrn und Bauherrinnen im Alter: Sie können für einen barrierefreien Wohnbereich vorsorgen, zwei- und mehrgeschossige Wohnungen lassen sich von Menschen mit eingeschränkter Mobilität unter Umständen gar nicht mehr nutzen. Die zweite Hälfte des Wohnraums kann vermietet werden und hilft die Rente aufzubessern oder bietet Platz für eine Pflegekraft. Das Haus entwickelt sich mit deinem Leben mit. Du brauchst dir um die Zukunft weniger Gedanken zu machen.

Wie ließe sich das Konzept vom „Plan B“ konkret umsetzen? 

Der Hebel liegt beim Fördern statt Fordern, im Bausektor gibt es schon so viele Vorschriften, neue Verbote einzuführen, das frustriert alle. Mir kommt vor, ein brauchbarer Ansatzpunkt wäre der geförderte Wohnbau in Südtirol. Die Landesverwaltung könnte gezielte finanzielle Anreize oder Bonuspunkte bei der Beitragsvergabe für jene Projekte schaffen, die mit einem „Plan B“ vorgelegt werden. Die technischen Kriterien für variables Wohnen müssen schlüssig nachgewiesen werden. Wenn wir diese vorausschauende Planung belohnen, schaffen wir langfristig zusätzlichen leistbaren Wohnraum und gehen sorgfältiger mit den Ressourcen um. Baugrund und Baumaterialien sind nicht unbegrenzt und die Finanzierung von Gebäude und Instandhaltung bei den meisten Familien ein großes Thema.