Im schwarzen Netz der Kapelle
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Jetzt S+ abonnierenIn einer verfallenen Kapelle zwischen den Weinbergen von Pfatten hat der Südtiroler Künstler Egeon ein verstörend-faszinierendes Werk geschaffen. Mit Pinsel und schwarzer Farbe verwandelt er eine verlassene Kapelle in ein dreidimensionales Liniennetz – und stellt unbequeme Fragen über Erinnerung, Verfall und die Gegenwart.
Sie ist verfallen, vergessen und liegt unscheinbar zwischen der Etsch und der Brennerautobahn.
Wer den Feldweg vorbei an einem alten Bauernhaus in Piglon (Gemeinde Pfatten) entlanggeht, erwartet das typische Bild Südtiroler Postkartenidylle. Doch die ehemalige Kapelle Maria Hilf – Ende der 1950er-Jahre auf den Fundamenten eines Baus aus dem 17. Jahrhundert neu errichtet – ist alles andere als idyllisch. Sie ist verfallen, vergessen und liegt unscheinbar zwischen der Etsch und der Brennerautobahn. Genau diesen Ort der emotionalen und baulichen Vernachlässigung hat der Künstler Egeon für seine neueste künstlerische Intervention gewählt.
Beim Betreten des Raumes zieht ein kleiner Kreis in der Apsis den Blick unweigerlich an: Ein wirbelnder Kern, aus dem sich schwarze, wurzelähnliche Linien wie Pilzfäden (Rhizomorphen) entfalten. Sie überziehen Gewölbe, bröckelnden Putz, Gesimse und staubbedeckte Pfeiler. Die Bewegung erfasst den gesamten Raum und läuft erst am Eingang wieder zusammen.
Die Linien wirken wie eine schmerzliche Sehnsucht, eine Dornenkrone oder ein invasives Nest. Egeons Werk basiert auf wissenschaftlichen Forschungen zur Kommunikation von Bäumen und Pilzen (u. a. von Suzanne Simard). Rhizomorphen sind biologisch ambivalent: Sie sind lebensfördernd, aber als Wurzelfäule auch zerstörerisch. Egeon nutzt diese Metapher, um verlassene Architekturen zu „kolonisieren“.
Über den Künstler:
Hinter dem Projektnamen Egeon steht der 1990 in Bozen geborene Matteo Picelli, der sich als Künstler im öffentlichen Raum, Muralist und Schöpfer raumgreifender Installationen einen Namen gemacht hat. Während er in früheren Jahren vor allem für figurative, großflächige Wandbilder mit einer charakteristischen Aquarell-Technik auf Beton bekannt war, widmet er sich seit 2022 einer radikalen, abstrakten Formsprache. In seinem aktuellen Werkzyklus – den pilzartigen Rhizomorphen – überzieht er verlassene Architekturen mit rein gestisch aufgetragenen, schwarzen Linien. Seine Arbeiten, die ihn bereits zu mehr als 30 Interventionen nach Italien, Slowenien, in die USA und auf die Färöer-Inseln führten, suchen gezielt die Auseinandersetzung mit vergessenen Orten, Verfall und der fragilen Poesie der Gegenwart.
Die Intervention verstellt nicht den Blick auf die Geschichte des Ortes, sondern bringt sie erst recht zum Vorschein. Ältere Dorfbewohner erinnern sich noch an Hochzeiten und Erstkommunionen in der Kapelle. Heute zeugen fleckige Kirchenbänke, ausgebleichte Messzettel und Stoffreste von dieser sakralen Vergangenheit, während Schwalben, Efeu und Wind den Raum schrittweise zurückerobern. „Ich mache schwarze, hässliche und böse Zeichen in verlassenen Räumen,“ beschreibt der Künstler sein Werk.
Mit dieser bewussten Absage an eine oft durchgestylte, gefällige Urban Art knüpft Egeon an die archaische Formsprache der frühen zeitgenössischen Wandmalerei an. Mit Pinsel und Farbrolle arbeitet er rein gestisch und reduziert. Das Werk strebt nicht nach Dauerhaftigkeit: Es setzt sich demselben Verfall aus wie die Kapelle selbst und wird womöglich bald nur noch in Fotografie und Erinnerung weiterexistieren.
Das Projekt in Pfatten ist Teil eines internationalen Werkzyklus mit bisher über 30 Interventionen (u. a. in Italien, Slowenien, den USA und auf den Färöer-Inseln).
Exklusive Besichtigung: Die Kapelle in Pfatten kann vom 7. bis zum 11. September nach vorheriger Anmeldung besichtigt werden (Kontakt: [email protected]).
Kommende Ausstellung: Ab dem 24. Oktober bis zum 19. Dezember 2026 wird Egeon die Reihe der Rhizomorphen in einer Einzelausstellung im SAC (Spazio Arte Contemporanea) in Robecchetto con Induno (Mailand) weiterführen.
„Ich mache schwarze,…
„Ich mache schwarze, hässliche und böse Zeichen in verlassenen Räumen.“ - Ich bin nicht sicher, ob sich dieses Werk dem postulierten Vorhaben des Künstlers fügen will. Entstanden ist vielmehr - so scheint es - ein vom Atem des Seins durchwehter Andachtsraum, der Denken und Ahnen neu und scheu, doch vertrauensvoll beseelt ins Unergründete ausgreifen lässt
„Sie ist verfallen,…
„Sie ist verfallen, vergessen und liegt unscheinbar zwischen der Etsch und der Brennerautobahn.“
Zwischen der Etsch und der Brennerautobahn liegt hier ziemlich genau nur der Etschdamm und ein paar Stauden...
In Wirklichkeit liegt die Kapelle mitten im Landwirtschaftsgebiet zwischen der Brennerautobahn und dem Hangfuß der Rosszähne.