Kultur | Nachgerufenes

Mit Scharfsinn und Witz

Wenige Wochen nach ihrem 101. Geburtstag ist die Grande Dame Mary de Rachewiltz auf der Brunnenburg verstorben. Ein kurzer Rückblick auf ein außergewöhnlich langes Leben.
Medienrummel um Mary de Rachewiltz am 20. November 2025 bei der Vereleihung der Ehrenbürgerschaft in Meran. SALTO/HM

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„Ich bin halt froh, dass ich noch lebe“, meinte Mary de Rachewiltz noch vor wenigen Monaten, nachdem ihr am 20. November 2025 die Ehrenbürgerschaft von Meran verliehen worden war. Geboren am 9. Juli als Maria Rudge in Brixen, verstarb sie am 24. Juli in ihrer geliebten Brunnenburg unterhalb von Schloss Tirol.

Ein Leben für die Sprache(n)

Als Tochter des bekannten Dichters Ezra Pound und der amerikanischen Geigerin Olga Rudge geboren, wuchs Mary de Rachewiltz nicht in den internationalen Kulturmetropolen auf, sondern zunächst auf einem Bauernhof in Südtirol. Dort lernte sie den lokalen Dialekt, bevor sie Italienisch, Englisch, Französisch und Deutsch beherrschte. Bereits in jungen Jahren begann sie mit Übersetzungen und übernahm später – als sprachliche und persönliche Lebensaufgabe – die anspruchsvolle Übertragung von Pounds Cantos ins Italienische.

Neben ihrer Tätigkeit als Übersetzerin entwickelte sie sich auch zu einer eigenständigen Schriftstellerin und Lyrikerin. Ihre Werke zeichnen sich durch Witz, Scharfsinn und eine tiefe Liebe zur Sprache aus. Gleichzeitig widmete sie sich der Erziehung ihrer Kinder sowie gemeinsam mit ihrem Mann der Restaurierung der Brunnenburg, welche unter ihrer Leitung zu einem internationalen Treffpunkt für Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler wurde.

Meraner Ehrenbürgerin: Mary de Rachewiltz hat viel Kultur nach Meran gebracht. Die Stadt dankte ihr dafür im November 2025. SALTO/HM

Im Namen des Vaters

Von herausragender Bedeutung war ihr jahrzehntelanger Einsatz für die Erforschung und Bewahrung des Werkes Ezra Pounds. Als Kuratorin des Ezra-Pound-Archivs an der Yale University sowie durch zahlreiche Vorträge und wissenschaftliche Tagungen trug sie entscheidend dazu bei, das literarische Erbe ihres Vaters weltweit zugänglich zu machen.

Das politische Erbe des Namens Pound ging allerdings in eine weniger honorige Richtung. Stichwort: CasaPound. Doch gegen das 2003 gegründete, faschistisch geprägte Centro sociale war Mary de Rachewiltz letztlich machtlos. Sie wollte der Organisation die Verwendung des Namens ihres Vaters untersagen und erklärte öffentlich, CasaPound habe „kein Recht“, sich auf den Dichter Pound zu berufen. Auslöser für den Gang vor Gericht waren unter anderem die rassistisch motivierten Morde in Florenz im Dezember 2011 durch einen Sympathisanten der Bewegung, der auf der Piazza Dalmazia zwei senegalesische Händler erschoss.

Der Rechtsstreit zog sich mehrere Jahre hin. 2016 entschied das Zivilgericht in Rom zugunsten von CasaPound. Das Gericht befand, dass der Name CasaPound rechtlich als eigenständige Bezeichnung anzusehen sei und nicht mit dem Namen Ezra Pound gleichzusetzen sei. Daher durfte die Organisation den Namen weiterverwenden. „Das finde ich einfach unwürdig“, meinte sie einmal auf Nachfrage von SALTO, „aber ich kann dagegen nicht wirklich etwas unternehmen. Sie sollten Pound lesen, um ihn zu verstehen.“

Gruppenbild mit Mary: Im Kreis der Familie posierte Mary de Rachewiltz am Abend der Ehrenbürgerschaftsverleihung vor vielen Kameras und einem voll besetzten Kursaal. SALTO/HM

Mary de Rachewiltz bestritt nie, dass ihr Vater große Sympathien für den Faschismus hatte. Ihr Einwand war vielmehr, dass CasaPound sein Werk und seine Person aus ihrer Sicht verfälsche und seinen Namen für eine politische Bewegung instrumentalisiere.

In Ewigkeit, Amen

Dass sich im Namen des Vaters natürlich nicht nur das (literarische) Gewicht Pound sondern auch die britische Währung Pound versteckt, mag ein guter Zufall sein. Auch dann, wenn man weiß, dass Mary de Rachewiltz im Laufe Ihres Lebens beim Stöbern in den Büchern des Vaters immer wieder Geldscheine gefunden hatte, aber keinen Hinweis darauf, dass er systematisch gesammelt hätte. Waren es einfach Lesezeichen? „Er hat sich einfach für Geld interessiert“, erzählte sie einmal auf Nachfrage von SALTO. Oder doch vielleicht Nomen est omen? „Das lässt sich nicht eindeutig sagen“, antwortete die Grande Dame, „sicher trägt er den Namen der britischen Währung in seinem Zunamen, da kann man natürlich darüber lachen. Auch darüber, dass ihn die Kinder seines Freundes James Joyce immer Signore Sterlina (italienisch für britisches Pfund) genannt haben.“ Die Antwort liegt vielleicht in Pounds Frühwerk ABC of Economics.

Was für sie weitaus mehr zählte als Geld, betonte Mary de Rachewiltz bei der Verleihung der Ehrenbürgerschaft mit einer kurzen und prägnanten Feststellung am Ende, nachdem sie allen Verantwortlichen für die Ehrerweisung gedankt hatte: „Ich hoffe, dass ihr die Cantos lest.“