Wirtschaft | Armut

Besser hinschauen

Altersarmut ist in aller Munde. Es handelt sich aber um ein komplexes Thema, zu dem genauere Zahlen Mangelware sind.

Hinweis: Dies ist ein Partner-Artikel und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung der SALTO-Redaktion wider.

Bild: Pixabay/anaterate

Beginnen wir mit den Begriffen, die uns als Ausgangspunkt dienen sollen. In Italien gibt es keine offizielle Definition von „Armut im Alter“. Es werden dieselben Kategorien verwendet, die für alle gelten, und werden auch auf Personen über 65 Jahren angewendet. Laut Definition gibt es die absolute Armut, d. h. die Unfähigkeit, sich den Warenkorb mit lebensnotwendigen Gütern zu leisten, der sich nach Alter, Anzahl der Familienmitglieder, Region und Art der Gemeinde richtet. Auf nationaler Ebene liegt diese Schwelle für eine alleinstehende Person über 65 Jahren bei 853 Euro und für eine aus zwei Personen bestehende Familie bei 1.354 Euro. Diese Daten stammen aus dem Jahr 2024 und wurden vom ISTAT veröffentlicht. Derzeit befinden sich auf nationaler Ebene zwischen 5,5 und 6 Millionen Menschen in einer Situation starker Notlage. Ein weiterer Begriff für Armut ist die relative Armut bzw. die Armutsgefährdung. Die relative Armut beschreibt, wie stark jemand vom üblichen Lebensstandard der Gesellschaft abweicht. Dabei wird der Fokus auf den Konsum gelegt und die Werte auf einen Zweipersonenhaushalt bezogen. Armutsgefährdung hingegen beschreibt ein finanzielles Risiko, das sich auf das Gehalt oder die Rente bezieht und sich nur auf das Einkommen fokussiert. Die Armutsgefährdung misst die finanzielle Verwundbarkeit einer Person anhand einer starren Einkommensgrenze (unter 60 % des Landesdurchschnitts) und ist unabhängig von den Ausgaben oder dem vorhandenen Vermögen. Dieses Kriterium wird auf europäischer Ebene angewendet. Auch das ASTAT misst nach diesen Kriterien, wodurch man mit einem Jahreseinkommen von 13.000 bis 14.000 Euro (1.050 bis 1.150 Euro monatlich) bei uns als armutsgefährdet gilt. Da nur das Einkommen zählt gelten Personen die nur eine kleine Rente beziehen, aber ein abbezahltes Eigenheim besitzt, laut Statistik trotzdem als armutsgefährdet.

Keine dieser statistischen Berechnungen ist speziell auf Seniorinnen und Senioren ausgerichtet. Sie werden lediglich nach Altersgruppen aufgeschlüsselt. Das daraus resultierende Bild zeigt, dass es älteren Menschen in Italien relativ besser geht als Kindern und jungen Familien. Wer jedoch allein lebt, für den sieht die Lage anders aus. Das Risiko für alleinlebende Seniorinnen und Senioren liegt zwischen 20 und 25 %. Aber auch hier hat die Statistik Lücken. Viele Senioren besitzen eine abbezahlte Wohnung oder ein Haus. Statistisch gesehen gelten sie als armutsgefährdet, wenn ihre Rente unter dieser Schwelle (ca. 1.050–1.150 €) liegt. In der Praxis kommen sie durch das Wegfallen der Monatsmiete aber oft besser über die Runden als jüngere Menschen mit demselben Einkommen. Ältere Menschen, die im Alter noch zur Miete wohnen müssen, zählen in Südtirol allerdings zu den am stärksten von akuter Not bedrohten Gruppen.

Die auffälligste Zahl ist jedoch eine andere: der Index, der die durchschnittliche Rente ins Verhältnis zum Pro-Kopf-BIP setzt. Er zeigt an, wie stark die Rente im Vergleich zum Wohlstand der Region, in der man lebt, „ins Gewicht fällt“. Im Jahr 2024 lag dieser Index bei 29,8 %, was einen Rückgang gegenüber den 33,5 % im Jahr 2020 bedeutet – der niedrigste Wert unter allen italienischen Regionen. Das bedeutet: Ein wohlhabendes Gebiet zu sein, garantiert nicht automatisch einen würdigen Lebensabend für die dort lebenden Menschen.

Dann gibt es noch ein Kapitel, das vor allem Frauen betrifft. Eine ASTAT-Umfrage hat ergeben, dass etwa 3.700 Frauen über 67 in der Provinz kein eigenes Einkommen haben. Von diesen leben etwa 2.600 in Haushalten mit einem Jahreseinkommen von über 13.000 Euro – fast immer dank ihres Ehepartners. Es handelt sich um die klassische geschlechtsspezifische Rentenlücke, die hier hinter dem Familieneinkommen verborgen bleibt. Der Frau „geht es gut“, weil ihr Mann Geld bekommt, obwohl sie kein eigenes Einkommen hat. Wenn diese Ehe endet oder der Ehemann vor ihr stirbt, ändert sich ihre wirtschaftliche Situation schlagartig.

Berücksichtigt man all diese Faktoren, wird es nahezu unmöglich, festzustellen, was Altersarmut bedeutet. Das Fehlen einer genauen Analyse, die all diese Daten zusammenfügt und klar abgrenzt, was in Südtirol rechnerisch Altersarmut bedeutet, ist problematisch. Dies erschwert auch die Umsetzung gerechter und nachvollziehbarer Maßnahmen zur Bekämpfung dieses Problems. Natürlich sollte man Statistiken mit Vorsicht begegnen. Trotzdem sind Daten besser als Dramatisierungen in der öffentlichen Meinung. Nicht vergessen darf man die Zahl der Anfragen für die Aufstockung auf 1.000 Euro der niedrigen Renten, die trotz eines relativ hohen ISEE-Werts ernüchternd ausgefallen ist. Auch sind niedrige Renten nicht immer Schicksal, sondern manchmal auch das Ergebnis von bewussten Einkommensverschleierungen.

Wir unterstützen die Bestrebungen der Landesrätin Pamer, die Kriterien ab 2027 abzuändern. Diese dürften bei einer korrekten Umsetzung sicherlich für mehr Gerechtigkeit sorgen. Abgesehen davon sollte die Landesregierung dem ASTAT oder einer Forschungseinrichtung den Auftrag erteilen, sich näher mit dem Begriff „Altersarmut“ zu beschäftigen. Der Kreis der Betroffenen muss so gut wie möglich definiert werden, da das Thema sonst weiterhin für politische Auseinandersetzungen herangezogen wird, ohne dass die Äußerungen mit genauen Zahlen belegt werden können. Auch zielgerichtete Hilfen sind heute alles andere als leicht umzusetzen.

Dabei sind die Risikogruppen seit jeher bekannt: Frauen, die alleine leben, und Familien mit mehr als zwei Kindern. Vielleicht sollte man hier ansetzen, um schrittweise einen besseren Überblick zum Thema Armut zu erhalten.

Ein Beitrag von Alfred Ebner