Haus der Frauen
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Jetzt S+ abonnieren„Die Erzählungen waren mein Material, von diesen Frauen, ihre Fotoalben, und dann haben sich die Arbeiten eigentlich herauskristallisiert oder sich in diese Zimmer eingeschrieben“, meinte die Fotografin und Künstlerin Elisabeth Hölzl vor wenigen Tagen im Rahmen der Eröffnung der Ausstellung Lichtschatten in Stilfs. Das historische Haus 59 wird dabei selbst Kulisse und Teil der Ausstellung. Jedes Zimmer des Hauses widmet sich einem bestimmten Thema.
Das Haus erscheint als etwas, das über Generationen hinweg vor allem von den Frauen getragen, bewahrt und weitergegeben wurde.
Im ersten Raum stehen zwei einander gegenüberliegende Fenster im Mittelpunkt: ein altes Verdunkelungstuch, das über lange Zeit benutzt wurde und die Spuren der Zeit trägt, sowie ein kleines Zeitfenster in Form einer Fotografie der Künstlerin, die aus dem Haus hinausblickt. Die Stube ist den Dienstmädchen gewidmet – Frauen, die seit den 1920er- und 1930er-Jahren und weit darüber hinaus ihre Arbeit verrichteten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, aber vor allem auch ihre Familien mit unterstützt haben. Ihre Fotografien und Erzählungen ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Familien des Dorfes und geben Einblick in diese Lebensrealitäten. Die kleine Stubenkammer beschäftigt sich mit den Fotoalben und dem, was von einem Leben zurückbleibt: Dinge und Bilder, die bewahrt, aber auch vergessen werden können.
Für das Projekt recherchierte Hölzl über ein Jahr lang, führte Gespräche mit Frauen aus dem Dorf, arbeitete in Archiven und Kirchenbüchern und sah private Fotoalben durch. Dabei interessierte sie sich nicht nur für das, was auf den Bildern zu sehen ist, sondern besonders für Lücken, Auslassungen und das Ungesagte. Ein Beispiel führte dabei auch direkt ins Haus 59. Rosina Niederegger, die letzte Bewohnerin. Von ihr fand Hölzl nur ein Sterbebild und wenige biografische Informationen, wie ein lediges Kind mit 43 Jahren, das bei der Geburt verstorben ist. Zwei kleine Babymützchen, die auf dem Dachboden des Hauses lagen, wurden nie gebraucht. Ihre fragmentarisch bekannte Lebensgeschichte steht stellvertretend für viele Frauenbiografien jener Zeit.
Die Künstlerin
Elisabeth Hölzl ist eine in Meran geborene Bildhauerin, Fotografin und Installationskünstlerin. Seit den 1990er-Jahren arbeitet sie an einer Kunst der Aufmerksamkeit: für Räume, die verschwinden, für Geschichten, die übersehen werden, und für Menschen, die am Rand gesellschaftlicher Wahrnehmung leben. Nach Studien in Innsbruck, Bologna und Faenza entwickelte sie eine eigenständige künstlerische Sprache zwischen Skulptur, Licht, Fotografie und Erinnerung.
Im oberen Stockwerk führt ein Gang zum Thema der Kinder, insbesondere der sogenannten „illegitimen“ Kinder. Diese Zuschreibung wurde in Kirchenbüchern gefunden und künstlerisch nachgestickt. Hölzls Arbeit möchte solche überlieferten Narrative sichtbar machen, aber zugleich ihre Auflösung und eine Befreiung von diesen Zuschreibungen ermöglichen. Dazu gehören auch kleine Babymützchen.
sub rosa
Im Zeichen der Rose, wird seit der Antike das Vertrauliche, das Unaussprechliche gehütet. Es liegt im Schutz der eng sich faltenden Rosenblätter und enthüllt sich erst der Zeit und der achtsamen Geduld. Weil den Leben der Stilfser Frauen fast keine geschriebenen Wörter gewidmet sind, liegen sie im Schatten und in der Stille, werden vom männlichen Getöse der Perchtenläufe im Dorf übertönt. Das Besuchen der Frauen, das Wiederbesuchen und das Zuhören, das Kramen in Objekten der Erinnerung und dem fotografisch Festgehaltenen haben Elisabeth Hölzl in die Häuser und ins Herz des Erlebten geführt, das sie nun mit kundiger Hand durch das Remedium der Kunst zu einem berührenden und facettenreichen Lebensteppich für das kleine Haus verwebt, das noch vom lichten Wesen seiner letzten Bewohnerin Rosa geprägt ist. Auch sie ist Teil dieser lebensschweren Geschichten. Es entsteht ein Ort für das Leben und Sterben, für das Nachspüren, für die schwere Korblast und die kleinen Freuden der Frauen an diesem Ort zwischen Not, Gewalt und der Schande der illegitimen Geburt, die sich wohl keine von ihnen ausgesucht hätte. Weder als Tochter noch als Mutter. Viele mussten als Dienstmädchen für lange Zeit fort aus ihrem Dorf und blieben einander doch durch Postkarten und Briefe verbunden. Für das enge Beieinander von Licht und Schatten steht das vom Sonnenlicht beschriebene Verdunkelungstuch aus dem zweiten Weltkrieg als Bild und Metapher für diese Arbeit. Ein Jahr lang hat sich auch die Präsenz von Elisabeth Hölzl in das Haus mit den Duftrosen im Garten suchend eingeschrieben. Neben den Schatten finden auch die Lichtpunkte dieser Leben wie die Stimmen der Erzählenden hier ihren Raum. Sorgsam und stolz gestapeltes Tuch im Kasten, ein aus Mutterliebe gesticheltes Mützchen für ein Kleines, die geflochtene Locke der Mutter, ein Wachsblumenstrauß für das gehütete Hochzeitsbild beim Fotografen, der echte Blumenstrauß liegt auf dem Grab der Lieben. Die Freuden der Genügsamkeit und die Macht des Lebens suchen die Stille.
Karin Dalla Torre
Ein weiteres Zimmer erzählt von Armut und Entbehrung. Es geht um eine besonders karge Zeit, in der Menschen auf Strohsäcken schliefen und Brände im Dorf zum Alltag gehören konnten. Das Zimmer mit den Hochzeitsbildern thematisiert die Lebensrealität der Frauen und ihrer Familien.
Am Ende kehrt das Haus symbolisch in die Hände von Maria Mantinger zurück, einer Vorfahrin. Damit verbindet sich die Geschichte der Frauen wieder mit der Geschichte des Hauses. Das Haus erscheint als etwas, das über Generationen hinweg vor allem von den Frauen getragen, bewahrt und weitergegeben wurde.
Eine Audioinstallation mit Ausschnitten aus den für Lichtschatten geführten Interviews bringt viele Stimmen unmittelbar in die Gegenwart und verändert die Wahrnehmung des Hauses. Dabei wird die ein oder andere Lücke gefüllt.
Lichtschatten
Die Ausstellung bleibt bis 30. August geöffnet. Die Künstlerin ist anwesend.
Haus 59 Stilfs
Karmatschweg 26