Schulen kratzen bemüht die letzten Reserven zusammen: zu wenig Personal, zu aufwändige Ausbildung, zu wenig Flexibilität. Bild: Taylor Flowe/unsplash
Gesellschaft | Fritto Misto

Schul!

Damit Inklusion gelingt, braucht es vieles. Glück sollte nicht dazu gehören müssen.

Dieser Artikel ist für dich kostenlos. Unabhängiger Journalismus in Südtirol braucht aber deine Unterstützung. Wir würden uns daher freuen, wenn du ein SALTO Abo abschließen würdest. Vielen Dank!

Jetzt S+ abonnieren

Das Kind spricht nicht viel, das meiste ist für Außenstehende unverständlich. Ein Wort aber gibt es, das klar und deutlich kommt, und unermüdlich gebraucht wird, seit Sommerferien sind: „Schul“. Mal begehrend, mit drei Ausrufezeichen hintendran, meistens fragend, mehrmals am Tag, die erste Äußerung am Morgen: „Schul?“ Meine Antwort darauf ist nie zufriedenstellend. Nein, heute noch keine Schule, aber bald, bald darfst du wieder hin, es dauert nicht mehr lang. Wie erklärt man einem Kind, das keinen Begriff von Zeit hat, „nicht mehr lang“? Und so gibt es täglich Enttäuschung, weil schon wieder keine „Schul“, so wie es am letzten Schultag bittere Tränen gab, als klar wurde, dass diese Türen vorerst zu bleiben. Ein Schulfreund, den Ranzen fröhlich in die Ecke kickend, beobachtete die Szene verständnislos: „Jo sei holt froah?!“

Das Kind ist nicht froh, das Kind liebt die Schule. In der Schule trifft es die anderen Kinder, in der Schule ist immer was los, in der Schule sind die netten Lehrerinnen, der Hausmeister und die Putzfrau, die schon von weitem lautstark begrüßt werden. In der Schule ist es bunt, da gibt es viel zu entdecken, manchmal ist es auch anstrengend, für alle Beteiligten, aber immer immer immer ist da schon wieder diese Vorfreude auf den nächsten Tag. Das Kind braucht die Schule. 

Ob die Schule auch das Kind braucht, darauf haben General Vannacci mit seinem Futuro Nazionale und auch die AfD eine eindeutige Antwort: Nein. Kinder mit Beeinträchtigungen haben im Regelunterricht nichts verloren. Sie sind ein Klotz am Bein, behindern – die ja selbst behindert werden – den Lernfortschritt der „Normalos“, sie sind dem Höher, Schneller, Weiter im Weg. Also weg mit denen, ab in Sonderschulen (seht ihr dann doch auch so, oder, Süd-Tiroler Freiheit? Bekennt ruhig Farbe). 

Es gibt Dinge, die kann man im Umgang mit diesen Kindern lernen: Geduld. Empathie. Humor. Authentizität.

Kein Elternteil sollte je in Rechtfertigungszwang geraten, erklären zu müssen, weshalb sein Kind eine Bereicherung für die Klassengemeinschaft ist, denn: Ein jedes Kind hat ein Recht auf den Schulbesuch, ganz unabhängig von seinen Fähigkeiten und seinem Wesen. Deshalb widerstrebt es mir, das betonen zu müssen, aber: Es gibt Dinge, die kann man im Umgang mit diesen Kindern lernen: Geduld. Empathie. Humor. Authentizität. Man lernt, einen anderen Blickwinkel auf die Welt einzunehmen. Das ist mindestens genau so viel wert wie die Fähigkeit zur Division oder zur Satzgliederbestimmung.

Das Kind freut sich auf die Schule. Wenn ein wenig Glück dabei ist, kann sich auch Mama auf die Schule freuen. Wenn die Betreuer*innen dieselben sind wie im vergangenen Jahr und nicht jeden Herbst wieder da capo gestartet werden muss (wie bisher immer der Fall): So viel wertvolle Zeit und so viel Wissen, so viel gemeinsam Erarbeitetes geht dabei verloren. Wenn die Chemie zwischen Kind und Erwachsenen stimmt, was ein Geschenk ist und so viel Undenkbares möglich macht, und was keine Ausbildung der Welt garantieren kann (ein Plädoyer für die Quereinsteiger). Wenn die Schulstunden halbwegs abgedeckt sind (der Nachmittagsunterricht wird freilich wieder nicht drin sein, so viel zum Recht auf Schule) und der Stundenplan nicht einem Fleckerlteppich ähnelt, weil sich die Betreuungspersonen die Klinke in die Hand geben müssen, manchmal mitten in der Unterrichtsstunde. 

Wenn alle mithelfen, dass Schule für alle gelingen kann. Die Bereitschaft ist meist da, Schulen kratzen bemüht die letzten Reserven zusammen, die Voraussetzungen sind es nicht: zu wenig Personal, zu aufwändige Ausbildung, zu wenig Flexibilität. Dabei brauchen diese Kinder mehr als alles andere Kontinuität, Pragmatismus, Zugewandtheit, und nicht irgendwelche Paragraphen und Vorschriften. Man sollte nicht alljährlich auf Glück hoffen müssen, wenn die Schule wieder anfängt, sondern sich genauso unbeschwert drauf freuen dürfen: „Schul!“, von ganzem Herzen.