Schul!
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Jetzt S+ abonnierenDas Kind spricht nicht viel, das meiste ist für Außenstehende unverständlich. Ein Wort aber gibt es, das klar und deutlich kommt, und unermüdlich gebraucht wird, seit Sommerferien sind: „Schul“. Mal begehrend, mit drei Ausrufezeichen hintendran, meistens fragend, mehrmals am Tag, die erste Äußerung am Morgen: „Schul?“ Meine Antwort darauf ist nie zufriedenstellend. Nein, heute noch keine Schule, aber bald, bald darfst du wieder hin, es dauert nicht mehr lang. Wie erklärt man einem Kind, das keinen Begriff von Zeit hat, „nicht mehr lang“? Und so gibt es täglich Enttäuschung, weil schon wieder keine „Schul“, so wie es am letzten Schultag bittere Tränen gab, als klar wurde, dass diese Türen vorerst zu bleiben. Ein Schulfreund, den Ranzen fröhlich in die Ecke kickend, beobachtete die Szene verständnislos: „Jo sei holt froah?!“
Das Kind ist nicht froh, das Kind liebt die Schule. In der Schule trifft es die anderen Kinder, in der Schule ist immer was los, in der Schule sind die netten Lehrerinnen, der Hausmeister und die Putzfrau, die schon von weitem lautstark begrüßt werden. In der Schule ist es bunt, da gibt es viel zu entdecken, manchmal ist es auch anstrengend, für alle Beteiligten, aber immer immer immer ist da schon wieder diese Vorfreude auf den nächsten Tag. Das Kind braucht die Schule.
Ob die Schule auch das Kind braucht, darauf haben General Vannacci mit seinem Futuro Nazionale und auch die AfD eine eindeutige Antwort: Nein. Kinder mit Beeinträchtigungen haben im Regelunterricht nichts verloren. Sie sind ein Klotz am Bein, behindern – die ja selbst behindert werden – den Lernfortschritt der „Normalos“, sie sind dem Höher, Schneller, Weiter im Weg. Also weg mit denen, ab in Sonderschulen (seht ihr dann doch auch so, oder, Süd-Tiroler Freiheit? Bekennt ruhig Farbe).
Es gibt Dinge, die kann man im Umgang mit diesen Kindern lernen: Geduld. Empathie. Humor. Authentizität.
Kein Elternteil sollte je in Rechtfertigungszwang geraten, erklären zu müssen, weshalb sein Kind eine Bereicherung für die Klassengemeinschaft ist, denn: Ein jedes Kind hat ein Recht auf den Schulbesuch, ganz unabhängig von seinen Fähigkeiten und seinem Wesen. Deshalb widerstrebt es mir, das betonen zu müssen, aber: Es gibt Dinge, die kann man im Umgang mit diesen Kindern lernen: Geduld. Empathie. Humor. Authentizität. Man lernt, einen anderen Blickwinkel auf die Welt einzunehmen. Das ist mindestens genau so viel wert wie die Fähigkeit zur Division oder zur Satzgliederbestimmung.
Das Kind freut sich auf die Schule. Wenn ein wenig Glück dabei ist, kann sich auch Mama auf die Schule freuen. Wenn die Betreuer*innen dieselben sind wie im vergangenen Jahr und nicht jeden Herbst wieder da capo gestartet werden muss (wie bisher immer der Fall): So viel wertvolle Zeit und so viel Wissen, so viel gemeinsam Erarbeitetes geht dabei verloren. Wenn die Chemie zwischen Kind und Erwachsenen stimmt, was ein Geschenk ist und so viel Undenkbares möglich macht, und was keine Ausbildung der Welt garantieren kann (ein Plädoyer für die Quereinsteiger). Wenn die Schulstunden halbwegs abgedeckt sind (der Nachmittagsunterricht wird freilich wieder nicht drin sein, so viel zum Recht auf Schule) und der Stundenplan nicht einem Fleckerlteppich ähnelt, weil sich die Betreuungspersonen die Klinke in die Hand geben müssen, manchmal mitten in der Unterrichtsstunde.
Wenn alle mithelfen, dass Schule für alle gelingen kann. Die Bereitschaft ist meist da, Schulen kratzen bemüht die letzten Reserven zusammen, die Voraussetzungen sind es nicht: zu wenig Personal, zu aufwändige Ausbildung, zu wenig Flexibilität. Dabei brauchen diese Kinder mehr als alles andere Kontinuität, Pragmatismus, Zugewandtheit, und nicht irgendwelche Paragraphen und Vorschriften. Man sollte nicht alljährlich auf Glück hoffen müssen, wenn die Schule wieder anfängt, sondern sich genauso unbeschwert drauf freuen dürfen: „Schul!“, von ganzem Herzen.
Sie sind der Meinung, dass…
Sie sind der Meinung, dass alle Kinder mit Beeinträchtigung eine „normale“ Schule besuchen sollten. Es gibt Menschen, die finden, dass nicht für alle Kinder diese Lösung die beste ist. Und zwar aus den verschiedensten Gründen. Ein Grund zum Beispiel: Als einziges Kind mit Beeinträchtigung in einer Klasse voll „Normalos“ kann es sich auch schon mal einsam anfühlen. Sie unterstellen denjenigen, die nicht Ihrer Meinung sind, ganz selbstbewusst, Kinder mit Beeinträchtigung als „Klotz am Bein“ zu klassifizieren. Ich bin selbst mit zwei gehörlosen Eltern aufgewachsen. Meine Mutter besuchte die normale Schule, mein Vater eine Sonderschule. Ich bin der Meinung, dass jeder in der für ihn/sie passenden Institution untergekommen ist. Es gibt meist nicht nur schwarz und weiss, weshalb solche vernichtenden moralischen Urteile besser zu vermeiden sind.
Antwort auf Sie sind der Meinung, dass… von Birgit Birgit
Wenn es eine Wahl ist, ist…
Wenn es eine Wahl ist, ist das eine Sache. Wenn es ein Muss ist und es keine Alternative dazu gibt, Kinder aussortiert werden, eine andere. Das sollte eigentlich einleuchten.
Sie sind der Meinung, dass…
Sie sind der Meinung, dass alle Kinder mit Beeinträchtigung eine „normale“ Schule besuchen sollten. Es gibt Menschen, die finden, dass nicht für alle Kinder diese Lösung die beste ist. Und zwar aus den verschiedensten Gründen. Ein Grund zum Beispiel: Als einziges Kind mit Beeinträchtigung in einer Klasse voll „Normalos“ kann es sich auch schon mal einsam anfühlen. Sie unterstellen denjenigen, die nicht Ihrer Meinung sind, ganz selbstbewusst, Kinder mit Beeinträchtigung als „Klotz am Bein“ zu klassifizieren. Ich bin selbst mit zwei gehörlosen Eltern aufgewachsen. Meine Mutter besuchte die normale Schule, mein Vater eine Sonderschule. Ich bin der Meinung, dass jeder in der für ihn/sie passenden Institution untergekommen ist. Es gibt meist nicht nur schwarz und weiss, weshalb solche vernichtenden moralischen Urteile besser zu vermeiden sind.
Meine Tochter (K1) geht in…
Meine Tochter (K1) geht in eine Schule mit hörgeschädigten Kindern. Dadurch lernt sie auch die österreichische Gebärdensprache und sie haben in der Schule einen besseren Betreuungsschlüssel.
Derart inklusive Modelle sind durchaus zu befürworten, allerdings muss es dann auch gscheid umgesetzt werden. In der Schule die meine Tochter besucht hat z.B. jede (!) Inklusionsklasse einen eigenen Ausweichraum direkt neben der Klasse und einen entsprechenden Betreuungsschlüssel.
Wir dürfen nämlich nicht vergessen, dass die meisten Behinderungen kein Lehrbuchausprägungsbild haben. Es gibt beispielsweise Leute mit Trisomie 21, die einen eigenen Haushalt führen und es gibt Leute mit Trisomie 21 die schwerst eingeschränkt sind, sehr eingeschränkt kommunizieren können und vielleicht auch immobil sind. Wenn man Letzteten in eine Schulklasse setzt und es keine entsprechende Betreuung/Ausweichmöglichkeiten gibt, dann kann es wirklich sein, dass die anderen Kinder darunter leiden.
Daher würde ich nicht sagen, dass Leute generell gegen inklusive Modelle sind, sondern vielleicht eher, dass manche Leute schlechte Erfahrung mit solchen Modellen gemacht haben, was aber nicht am Modell an sich, sondern an der schlechten Umsetzung liegt.
Leider erleben wir eine zusätzliche Stigmatisierung von Behinderungen in unserer Gesellschaft. Immer wieder kommt die Frage auf, warum die behinderten Kinder nicht abgetrieben wurden, meist verpackt in die pseudoneugierige Frage „Habt ihr denn vor der Geburt nicht gewusst, dass das Kind diese oder jene Einschränkung haben würde.“
Die zunehmende Pränataldiagnostik und die damit verbundene Abtreibung von Kindern mit erhöhtem Risiko für Behinderung verstärkt aus meiner Sicht Ableismus, einfach weil Menschen mit Behinderung dadurch immer mehr aus der allgemeinen Wahrnehmung verschwinden.
Das Argument selbst – dass…
Das Argument selbst – dass PND und selektive Abbrüche den Druck auf Menschen mit Behinderung erhöhen – ist ein legitimer und wichtiger Teil des bioethischen Diskurses, der parteiübergreifend und in der Mitte der Gesellschaft geführt wird.
Wobei Rechtspopulisten
das Thema oft nutzen, um sich als „Beschützer der Schwachen“ zu inszenieren, während gleichzeitig an anderer Stelle (z. B. bei Inklusion in Schulen) oft Trennungen gefordert werden.
Echter Schutz von Menschen mit Behinderung bedeutet gute Inklusion und Schulen, barrierefreie Wohnungen und Entlastung für Pflegebedürftige. Wer hier spart, erhöht den Alltagsdruck massiv.
- Da zeigt sich der Widerspruch von rechter-rhetorischer Schutzbehauptung auf die tatsächliche rechtsparteipolitische Praxis....
Danke für diesen Beitrag! Ob…
Danke für diesen Beitrag! Ob Inklusion in jedem Einzelfall gelingt, lassen wir mal dahingestellt. Es geht meiner Meinung darum, die Verschiedenheit von Menschen als Bereicherung zu sehen. Italien kann auf eine lange Geschichte der Inklusion in der Schule zurückblicken, auch wenn es hier noch einiges zu verbessern gäbe. Deutschland hingegen steckt in Fragen Inklusion in der Schule in manchen Bundesländern noch in den Kinderschuhen...und nun kommt eine Partei, die sagt, diese Kinder seien „ein Klotz am Bein“ und „behindern“ das Lernen der sogenannten normalen Kinder. Mir wird schlecht!
Wer will, kann sich das in folgender Sendung ansehen.
https://www.ardmediathek.de/video/monitor/monitor-vom-20-08-2026/wdr/Y3…
Antwort auf Danke für diesen Beitrag! Ob… von Maria Mössler
In D ist die Inklusion…
In D ist die Inklusion deswegen kaum möglich weil nach der vierten Klasse, im Alter von 10 Jahren, die Selektion in die verschiedenen Leistungsschulen statt findet. Bedeutet, alle welche nicht in einem Gymnasium Platz finden, erfahren schon das erste Stigma.
Italien hat eine lange…
Italien hat eine lange Geschichte der schulischen Inklusion. Trotzdem wurde mein Sohn in der Grundschule immer wieder schlecht behandelt, weil er sich anscheinend nicht „normal“ genug verhalten hat. Er war zwei Jahre lang bei einer Psychiaterin, die feststellen sollte, welche „Anormalität“ bei ihm vorliegt. Am Ende sagte sie nur: „Er könnte eine leichtere Form des Autismus haben“ – kein Befund, nichts.
So wurde er weiterhin von verschiedenen Lehrkräften demütigend behandelt. Diese sagten ihm immer wieder, er gehöre in eine psychiatrische Klinik oder müsse unbedingt in den „Padiglione W“, bevor er in die Schule kommt. Mir gegenüber äußerten manche Lehrer ganz klar: Dieses Kind gehört nicht auf eine normale Schule, ich solle für ihn eine Spezialschule suchen – ohne jedoch zu erklären, was für eine Schule das sein könnte.
Ich musste mit meinem Kind also mehrmals die Schule wechseln, nur um immer wieder zu hören: „Ihr Kind ist viel zu komisch, er ist nicht normal.“ Hätte mir jemand gesagt: „Schauen Sie, für autistische Kinder ist diese Schule dort gut geeignet“, hätte ich zumindest die Möglichkeit gehabt, eine Alternative in Anspruch zu nehmen.
Hoffe dass es sich in der Zwischenzeit die Situation ein bisschen geändert hat.
Antwort auf Italien hat eine lange… von Pluralismus un…
Das tut mir sehr leid für…
Das tut mir sehr leid für Sie und Ihren Sohn. In der Zwischenzeit gibt es doch mehr Verständnis und mehr Kompetenz im Umgang mit Kindern, die „anders“ sind. Gerade wegen der Inklusion. Das wäre auch das gesamtgesellschaftliche Ziel: Miteinander umgehen lernen anstatt an den Rand zu drängen.