Wie man mit Walen tanzt
Dieser Artikel ist für dich kostenlos. Unabhängiger Journalismus in Südtirol braucht aber deine Unterstützung. Wir würden uns daher freuen, wenn du ein SALTO Abo abschließen würdest. Vielen Dank!
Jetzt S+ abonnieren
Eliot, ein Pottwal
Ex libris
Dieser Auszug aus dem Buch von François Sarano ist Teil des Formats „Ex libris“ auf SALTO.
Questo estratto dal libro di François Sarano fa parte del formato „Ex libris“ su SALTO.
Mai 2015, im offenen Meer vor Mauritius. Mittag. Unser Boot ist eins mit dem unendlichen, stillen Meer. Die Wellen heben es so regelmäßig an, als würde der Indische Ozean tief durchatmen. René Heuzey, die Tauchflasche auf dem Rücken, überprüft auf der hinteren Plattform ein letztes Mal die Abdichtung seiner Unterwasserkamera. Ich sitze neben ihm, meine Beine, mit Schwimmflossen an den Füßen, im Wasser, und halte Ausblick nach verräterischen Zeichen: einem Blas, bei dem der Wal die Atemluft wie eine Fontäne ausstößt, einem Kräuseln des Wassers, einer Störung der Wellen. Doch die Sonnenstrahlen, die sich an der Meeresoberfläche brechen, blenden uns. Wenn aber Strahlen den Spiegel durchdringen, kreuzen sie sich und streben gemeinsam abwärts. Wir tauchen ein und folgen dem leuchtenden, herabstürzenden Band. Weiter unten in der Tiefe verschlingt das intensive Blau alles Licht. Unter unseren Flossen kilometerweit schwindelerregende Abgründe, absolute Dunkelheit, fremde Welten.
Jonas, Moby Dick, Kapitän Ahab, der Kampf der Giganten: der mächtigste Fleischfresser gegen das andere Tiefseeungeheuer, die Riesenkrake.
Aus der kalten, bodenlosen Stille steigt ein trockenes, rhythmisches Knacken auf: „Klick … klick … klick“. Pottwale. Sie jagen in der ewigen Nacht der Tiefsee. Wo kein Mensch jemals schwimmen wird, sind sie zu Hause. Wir kennen von ihrem Leben in der Tiefe nur die getakteten Töne, die unsere legendenverliebte Fantasie wecken: Jonas, Moby Dick, Kapitän Ahab, der Kampf der Giganten: der mächtigste Fleischfresser gegen das andere Tiefseeungeheuer, die Riesenkrake. Doch wie können die Giganten in Tiefen herumtollen, deren Druck uns auslöschen würde, weil er zig-hundertfach höher ist als an Land? Wie können ihre Sinnesorgane wahrnehmen, was unseren schwach ausgeprägten Sinnen entgeht? Wie ist ihre Welt beschaffen, die wir uns kaum vorstellen können? Uns fehlen die passenden Wörter dafür.
Eliots Einladung
Mit unseren Taucheranzügen, in denen wir wie Astronauten aussehen, erreichen wir in wenigen Minuten die Grenze des Gebiets, in dem die Nachfahren von Moby Dick leben. In zehn Meter Tiefe treiben wir reglos in der flüssigen Dicke, und warten geduldig, dass der Pottwal an die Grenze unserer Welt aufsteigt. Denn obwohl er sich das Reich der Fische erobert hat, atmet er nicht wie ein Fisch. Wie alle Säugetiere, die eine Lunge besitzen, braucht er zum Atmen Sauerstoff aus der Luft. Eigentlich unglaublich. Aber es ist ein Erbe seiner entfernten Ahnen an Land, die nach dem Aussterben der Dinosaurier ins Meer zurückkehrten. Unsere Augen können in dem einförmigen, unergründlichen Blau, das uns umspült, nichts erkennen. Nur ein einziger Sinn verbindet uns mit dem Außen: das Gehör. Wir konzentrieren uns darauf und lauschen sehr aufmerksam. Die klickende Kakophonie berauscht und schärft unsere Wahrnehmung zugleich. Da hebt sich von dem fernen Konzert ein gleichbleibendes Knattern ab. Vermutlich ein junger Pottwal, der an der Oberfläche geblieben ist. Ich kann ihn nicht sehen.
Sein „Klick-klick-klick“ wird lauter.
Wenn wir die Pottwale verstehen wollen, müssen wir uns auf ihre Welt einlassen. Weil das Wasser nicht klar genug ist, aber er hat mich wahrgenommen. Mein Körper hat das Echo seiner Klickgeräusche zu ihm zurückgeworfen, so wie eine Bergschlucht auf ein Rufen mit „Hallo, Hallo, llo, ooo“ antwortet. Das Echo dient ihm auch zur Orientierung, als er, ohne mich zu sehen, in meine Richtung schwimmt. Sein „Klick-klick-klick“ wird lauter. Dann sehe ich seinen riesigen, massigen, schwerfälligen und pottförmigen Kopf, dem er seinen Namen verdankt.
Zur Person
Franҫois Sarano: Der Ozeanograf und professionelle Taucher war 13 Jahre lang wissenschaftlicher Berater von Jacques-Yves Cousteau und Expeditionsleiter auf dem legendären Forschungsschiff Calypso. Gemeinsam mit seiner Frau Véronique gründete er den Verein Longitude 181 zum Schutz der marinen Ökosysteme. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Dokumentarfilme. Bei Folio ist erschienen: Wie man mit Haien schwimmt (2023)
Er kommt näher. Wird schnell größer, sehr schnell. Das rhythmische Klicken beschleunigt sich, eine Maschinengewehrsalve, die ich deutlich im Brustkorb spüre. Ein junger Pottwal, acht Meter lang, fünf Tonnen schwer … und keine zehn Meter mehr entfernt. Unbeirrt setzt er seinen Weg fort, direkt auf mich zu. Ich kann nicht mehr abhauen. Gleich prallen wir zusammen. Der enorme Kopf … Der enorme Kopf … Doch Überraschung! Kein gewaltiger Aufprall. Nur ein zärtlicher, kräftiger Stups … fast als gäbe mir eine Riesenkatze einen Kopfstoß, damit ich sie streichle … Ich weiß nicht, was ich tun soll. Und verweigere schließlich aus Respekt gegenüber dem unabhängigen, wild lebenden Tier den Kontakt, verweigere mich der Zärtlichkeit, die auch Vereinnahmung, Unterwerfung bedeutet.
Doch sein Blick ist intensiv. Prüft er mein Schwimmvermögen?
Unbeholfen winde ich mich weg. Doch der junge Pottwal kommt und stupst mich noch einmal an … vorsichtig. Er fordert den Kontakt ein. Ich entscheide nicht mehr, sondern er, das ungezähmte Tier, ergreift die Initiative. Ich gebe nach und spiele mit. Er dreht sich um sich selbst und schwimmt rücklings, mit dem Bauch in Richtung Wasseroberfläche. Ich mache es ihm nach. Er nähert sich mir auf Armlänge. Sein Auge ist winzig, eine schwarze Perle, die in einem schmalen Knopfloch sitzt, zwischen zwei kaum wahrnehmbaren Falten. Doch sein Blick ist intensiv. Prüft er mein Schwimmvermögen? Ich nehme die Herausforderung an. Jetzt kreise ich um mich selbst. Ohne zu zögern ahmt er meine Pirouette nach. Ich tue so, als würde ich nach unten sinken, er sinkt. Ich richte mich auf, er richtet sich auf … Es folgt ein unglaublicher Tanz, den jeder für sich tanzt.
Ein gewaltiges, unglaubliches, tiefes Glücksgefühl. Reines, intensives, ursprüngliches Glück. Ein Frieden, der einen mit der ganzen Welt zu verbinden scheint. Ein so überwältigendes Glückgefühl, dass man es nicht für sich behalten kann. Man muss seinen Liebsten davon erzählen … und in diesem Moment liebt man die ganze Welt. Dieses unermessliche Glück hat mir Eliot geschenkt. Ich kenne den Jungbullen seit September 2013, als er noch ein Baby war. Schon damals stupste er mich an, um mit mir zu spielen. Ich habe ihn sofort an den Narben erkannt, die seine Schwanzflosse, die man bei Walen auch Fluke nennt, zerfurchen. Genauso leicht erkenne ich seine Spielgenossinnen und -genossen wieder, Arthur, Romeo, Agatha und noch fünf zig weitere, die ich und andere, darunter mein langjähriger Freund René Heuzey, seit mehreren Jahren erforschen.
Zum Buch
20 Meter lang, 50 Tonnen schwer, atemberaubend und doch wissen wir nur wenig über Pottwale: Dass die riesigen Meeressäuger eineinhalb Stunden die Luft anhalten können, um in 2000 Meter Tiefe Riesenkalmare zu jagen. Dass sie – je nach Clan und Region – in einer eigenen Lautsprache kommunizieren. Und neben hoher Intelligenz eine spielerische Friedfertigkeit zeigen. Sarano ist jahrelang in den Weltmeeren mit ihnen geschwommen. Mit Leidenschaft und Hingabe erzählt er, wie Junge von mehreren Müttern aufgezogen und Schwächere bis zur Selbstaufgabe vor Feinden verteidigt werden. Wie individuell die einzelnen Tiere reagieren und dass sie, ja, den Kontakt mit dem Menschen suchen.
Das Wilde bewahren, unsere Vielfalt!
Wie man mit Walen tanzt von François Sarano ist im Folio Verlag erschienen.