Kultur | Tanz Bozen

Ein Eisbär auf der Suche nach Identität

Ein Eisbärenkostüm, Stille und ein Familienalbum: Die Tessinerin Camilla Parini spricht im Interview über ihr intimes Format „Je suisse (or not)“ bei Tanz Bozen.
Künstlerin im Eisbärenkostüm: Camilla Parini über Identität, Herkunft und die Geschichten, die wir über uns erzählen. Camilla Parini

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SALTO: Frau Parini, sie stecken selbst im Bärenkostüm. Warum haben Sie diese Hülle gewählt und was verändert sie in der Begegnung? 

Camilla Parini: Warum ich mich für das Bärenkostüm entschieden habe, erzähle ich in der Performance selbst und überlasse es daher denjenigen, die kommen, um sie kennenzulernen, dies selbst zu entdecken. Die Begegnung mit einem großen, weichen und liebenswerten Bären schafft eine Verbindung zur Welt der Kindheit und der Fantasie – das ist meine Art, den Zuschauer in die Geschichte hineinzuführen. Das Kostüm ist zugleich eine Distanzierung, die es ermöglicht, eine persönliche Geschichte zu erzählen und dabei mehr Raum für Projektionen zu lassen, um sie universeller zu gestalten. 

Das Stück ist für maximal zwei Personen konzipiert. Warum war Ihnen diese extreme Nähe so wichtig? 

Die Arbeit handelt auch von meiner introvertierten Natur, und ich brauchte eine intimere Form, in der sich die Geschichte entfalten konnte – nicht nach außen hin verkündet, sondern eher verinnerlicht. Das Konzept sieht das Lesen eines Bilderbuchs vor, das der Zuschauer in seinem eigenen Tempo durchblättert und mit seiner inneren Stimme liest. Die Nähe ermöglicht einen besseren Austausch: Was mein ist, wird zu deinem. 

Camilla Parini ist eine Schweizer Performerin, Regisseurin und Theatermacherin.: Monica Müller

Inwiefern ist diese stille, private Begegnung bei Tanz Bozen für Sie eigentlich eine Form von Tanz? 

Ich denke nicht in Formen – sei es Tanz, Theater oder Performance –, sondern daran, etwas zu schaffen, das kommunikativ ist, und versuche, Berührungspunkte mit dem Zuschauer herzustellen. Mir wurde jedoch gesagt, dass diese Arbeit eine besonders choreografische Art des Erzählens hat. 

 Wo endet im Fotoalbum die echte Familienerinnerung und wo beginnt die Fantasie? 

Ist es wirklich wichtig, das zu wissen? Ich glaube, ich weiß es selbst nicht mehr! 

Das Projekt: „Je suisse (or not)“

Das Projekt Je suisse (or not) von Camilla Parini ist eine intime, 30-minütige Performance für maximal zwei Personen. Im Zentrum steht ein altes Familien-Fotoalbum, das die Teilnehmenden im eigenen Tempo durchblättern, während sie von der Künstlerin im Eisbärenkostüm begleitet werden. Auf feine Weise setzt sich Camilla Parini mit Identität, Herkunft und dem Wortwitz zwischen der Herkunft als Schweizerin und dem Sein an sich auseinander. Die Koproduktion von far° Nyon und Südpol Luzern war bereits beim POLIS Teatro Festival in Ravenna zu sehen. Bei Tanz Bozen läuft die Performance im Atelier des Museion am 29. Juli von 10 bis 19.15 Uhr sowie am 30. Juli von 11 bis 21.15 Uhr. 

Woher kommen wir und was prägt uns? Welche Antworten haben Sie beim Schaffen des Stücks für sich gefunden? 

Letztendlich sind die Fragen immer wichtiger als die Antworten; sie ermöglichen es dir, einen Prozess in Gang zu setzen und einen Weg zu beschreiten.

Man muss lernen, auf sich selbst zu hören und der eigenen Natur zu folgen.

 Wir sind Menschen, die aus allem bestehen, was wir erlebt haben, aus allem, woran wir uns erinnern, und aus allem, woran wir uns nicht erinnern – all das erfüllt uns, definiert uns aber nicht. Man muss lernen, auf sich selbst zu hören und der eigenen Natur zu folgen, welche Form diese auch immer haben mag (sogar die eines Eisbären!). 

 Der Titel spielt mit der Schweizer Identität. Wie prägt Sie das Spannungsfeld als italienischsprachige Tessinerin? 

Ich gehöre einer sprachlichen Minderheit an; meistens muss ich eine Sprache sprechen, die nicht meine eigene ist, um mich im Rest des Landes verständlich zu machen. Fühle ich mich als Schweizerin? Und was ist eigentlich die Schweizer Identität? Oder was ist nationale Identität überhaupt? Gibt es so etwas überhaupt wirklich? Aber sicher ist: Als Minderheit muss man sich mehr anstrengen, um gehört und gesehen zu werden. 

 

Im Zentrum steht ein altes Familien-Fotoalbum, das die Teilnehmenden im eigenen Tempo durchblättern.: Marika Brusorio

Sie sagen, Zuhören schafft Nähe. Was bedeutet Zuhören für Sie in unserer lauten Welt? 

Mit dieser Arbeit schaffe ich eine große Stille. Eine Zeit, um innezuhalten. Seite für Seite in eine Geschichte einzutauchen. Zuhören ist in erster Linie ein Wunsch, der Wille, in dieser Gegenwart, in dieser Beziehung, im Hier und Jetzt präsent zu sein. Das kann im Leben mit einer anderen Person, mit sich selbst oder mit der Umgebung geschehen, die uns umgibt. 

Zur Person

Camilla Parini ist eine Schweizer Performerin, Regisseurin und Theatermacherin aus dem Tessin (Co-Gründerin des Collettivo Treppenwitz). Als Angehörige der italienischsprachigen Minderheit der Schweiz beschäftigt sie sich in ihren Arbeiten oft mit Fragen der Zugehörigkeit, Sprache und Wahrnehmung. Mit Formaten wie „Je suisse (or not)“ sucht sie gezielt nach entschleunigten Räumen des Zuhörens und der visuellen wie emotionalen Intimität. 

 

Wie stark verändern die Reaktionen der Gäste den Ablauf der Performance? 

Der Zuschauer kann entscheiden, ob er in eine einsame Lektüre eintauchen oder mit mir interagieren möchte. Ich bin präsent, stehe zur Verfügung, reagiere, antworte - auf meine Weise. Ich glaube, es geht nicht so sehr darum, den Ablauf zu verändern, sondern darum, zu entscheiden, wie präsent man bei einer gemeinsamen Begegnung sein möchte. Es gibt keinen richtigen Weg, der besser ist als ein anderer. Ich bleibe ungehört. 

 

Blättern in Erinnerungen: „Seite für Seite in eine Geschichte eintauchen“ Antonella Catalano