Gesellschaft | Pride

Feige Feindbilder

Nach dem Anschlag am Christopher Street Day in Berlin ist die Welt nicht mehr die, die sie vorher war. Was macht Angst? Ein Blick von Berlin nach Bozen. Über Innsbruck.
Liebesparole gegen Hass. Ein Schild von der Pride am jüngsten Wochenende in Innsbruck. Magdalena Erb

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„Dies ist nicht nur als Einzelfall zu sehen“, unterstreicht Lea Frings. Die in Bozen aufgewachsene Südtirolerin hat vor Kurzem ihr Medizinstudium in Berlin abgeschlossen und war am Samstag mit Freundinnen und Freunden eine der vielen Besucherinnen der legendären Pride-Veranstaltung. Ihr Ziel war es gewesen, gemeinsam mit vielen anderen Menschen das Leben und die Vielfalt zu feiern. Sie schildert, dass die Stimmung von Freude, Offenheit und Zusammenhalt geprägt gewesen sei. „Für mich war der CSD eine der schönsten Veranstaltungen, die ich bisher erlebt habe.“ Doch dann, kurz nachdem sie den Ort des feigen Angriffs vorzeitig und gut gelaunt verlassen hatte, ereignete sich der Vorfall, der ihr, ihrem Freundeskreis und vielen anderen Menschen deutlich vor Augen führte, „dass eine solche Feier auch jederzeit in Gewalt umschlagen könne.“ Traurig, aber wahr.

... eine der schönsten Veranstaltungen, die ich bisher erlebt habe.

Schnappschuss aus Berlin: Auf die Straße gehen und sich nicht einschüchtern lassen. Privat

Auf die Frage, ob künftig Angst bei Pride-Veranstaltungen mitschwingen werde, antwortet sie, dass diese Sorge zwar „vorhanden ist“, sie und viele andere sich jedoch „nicht einschüchtern lassen wollen“.

Die queere Community wird sich ihre Sichtbarkeit und ihre Freiheit nicht nehmen lassen. Im Gegenteil: Das Attentat sollte vielmehr die Alarmglocken auf politischer Ebene läuten lassen, um endlich ein klares Signal gegen Queerfeindlichkeit und Menschenhass zu setzen.

Die junge Ärztin warnt davor, „unterschiedliche Formen von Menschenfeindlichkeit – etwa Queerfeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit oder Rechtsextremismus – gegeneinander auszuspielen oder politisch zu instrumentalisieren. Stattdessen müsse anerkannt werden, dass sie häufig auf denselben ausgrenzenden Feindbildern beruhten und demokratische Grundwerte bedrohten.“

Bozner Vorfreuden

Nachgefragt bei der Projektmanagerin und Koordinatorin der Organisation Alto Adige Pride Südtirol, Adele Zambaldi, entgegnet diese zum Vorfall in Berlin und zu den Vorbereitungen für die nächste Pride in Bozen: „Wir bereiten uns auf die nächste Pride mit dem Bewusstsein vor, dass Sichtbarkeit und der Einsatz für die Rechte der queeren Community weiterhin unverzichtbar sind. Angriffe und Anfeindungen zeigen, dass der Kampf gegen Diskriminierung und Ausgrenzung noch lange nicht beendet ist.“

Nicht locker lassen: Für die Rechte der LGBTQ+ Gemeinschaft auf die Straße gehen. Am 25. Juli 2026 wurde bei der Innsbruck-Pride abgefeiert. Im nächsten Jahr ist wieder große Pride in Bozen. Magdalena Erb

Zambaldi warnt davor, „die Vorfälle auf einzelne Personen, Religionen oder ethnische Gruppen zu reduzieren. Vielmehr handle es sich um eine breitere politische und gesellschaftliche Entwicklung, die sich international beobachten lasse. Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung seien Ausdruck einer globalen politischen Tendenz, die sich gegen unterschiedliche Minderheiten richte. Eine Instrumentalisierung der Ereignisse für pauschale Schuldzuweisungen lehnen wir ausdrücklich ab.“

Für die Pride 2027 wolle man deshalb verstärkt auf Intersektionalität setzen. Ziel sei es, Solidarität zwischen verschiedenen von Diskriminierung betroffenen Gruppen zu fördern und sich klar gegen Rassismus, Queerfeindlichkeit und andere Formen der Ausgrenzung zu positionieren. Die Aktivistin betont, „dass sie sich nicht mit jenen identifizieren, die die Angriffe nutzen, um ethnische oder religiöse Feindbilder zu schüren. Stattdessen müsse die politische Dimension von Hass und Gewalt sowie der Einfluss rechtsextremer und neofaschistischer Strömungen stärker in den Fokus rücken.“

Entscheidend sind konkrete Maßnahmen, um Gewalt und Diskriminierung wirksam vorzubeugen.

Warten auf 2027: Klar gegen Rassismus, Queerfeindlichkeit und andere Formen der Ausgrenzung. Seehauserfoto

Auf die Frage nach politischen Reaktionen erklärt Zambaldi, dass symbolische Gesten – etwa das Hissen von Regenbogenfahnen – zwar wichtig seien, allein jedoch nicht ausreichten. „Entscheidend sind konkrete Maßnahmen, um Gewalt und Diskriminierung wirksam vorzubeugen.“ Positiv bewertet sie erste politische Schritte und Initiativen, die Prävention und den Schutz queerer Menschen stärken. Nun gelte es jedoch, diese Ansätze auf kommunaler Ebene und in der gesamten Gesellschaft konsequent weiterzuentwickeln. Denn nur durch konkrete Maßnahmen, Sensibilisierung und Zusammenarbeit könne langfristig ein sicheres und diskriminierungsfreies Umfeld geschaffen werden.