Der Garten und die Finsternis
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Jetzt S+ abonnieren„…und vergesst mir die Gärten nicht und als der Garten kann bis heute der Paradiesgarten gelten oder der Garten Eden, aber seitdem wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, ist der Cherub hinter uns und der Zutritt ist verriegelt.“ Treffendere Einstiegsworte – angelehnt an Friedrich Nietzsche und Heinrich von Kleist – hätte Elmar Locher, Präsident des Vereins der Bücherwürmer, für die diesjährigen Literaturtage in Lana nicht finden können. Man werde sehen, ob in diesen drei Tagen der Zutritt zum Garten gefunden werden könne, ansonsten müssten die Literaturtage eben weitergehen, meinte Locher schmunzelnd am Ende seiner kurzen Begrüßungsrede.
Die Schönheit der Sprache – als Gegenpol zur Dunkelheit.
Christine Vescoli, Kuratorin der Literaturtage, beschreibt diesen Garten als „einen Ort oder einen Punkt oder einen Zustand, in dem das Denken die Welt zusammenzuhalten vermag, wenn sie in lauter Lärm und Wut zu zerstieben droht“. Sogar die Location der Eröffnungsveranstaltung passt zum Motto: Im Garten der Villa Arnica im Dorfzentrum Lanas versammelten sich am schwülen Augustabend etwas mehr als 200 Personen.
Und wo man von Reisen spricht, denkt man auch an die Rückkehr: Nach 33 Jahren kam der inzwischen 2025 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Ungare László Krasznahorkai in die „Literaturhauptstadt Südtirols“ – Zitat: Kulturlandesrat Philipp Achammer – zurück, um über sein Werk, aber auch über Politik zu sprechen. Auch bei Krasznahorkai gebe es laut Vescoli das Bild eines Ortes, an dem „jedes Ding seinen Platz“ habe und alles stimmig sei. Diesen Ort sieht Vescoli auch in der Schönheit seiner Sprache – als Gegenpol zur Dunkelheit und Unordnung, von der seine Bücher oft erzählen.
Der Starautor im Garten
Das Gartenmotiv taucht in Krasznahorkais Romanen immer wieder auf: In „Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss“ etwa begibt sich ein junger Mann in Japan auf die Suche nach dem „schönsten Garten der Welt“. Für Krasznahorkai ist der Garten dabei mehr als ein idyllischer Ort: Er steht für die Suche nach etwas, das dem Menschen fehlt – nach Schönheit, Ordnung und vielleicht sogar nach sich selbst.
Als Krasznahorkai später aus „Die Welt voran“ vorlas – zuerst in Deutsch und dann in Ungarisch – musste man erneut unwillkürlich an eine grüne Idylle denken: „... ich ließe hier jedes Knospen, jede Geburt und jedes Sein, ich ließe hier die Magie, das Rätsel, den Rausch der Weiten, Unerschöpflichkeiten und Ewigkeiten: denn ich ließe hier diese Erde und diese Sterne, denn ich nähme nichts von hier mit, denn ich habe in das hineingeblickt, was kommt, und ich brauche von hier nichts.“
Doch der Garten ist bei Krasznahorkai nie die ganze Welt. Denn so sehr ihn die Suche nach dem metaphorischen Garten beschäftigt, so unerbittlich blickt er auch auf die Wirklichkeit, aus der er kommt.
Eine ungarische Geschichte
Krasznahorkais Heimatland Ungarn ist in seinem Werk immer wieder Schauplatz von Verfall, politischer Willkür und historischen Traumata. Auch am Donnerstagabend sprach der Literat deutlich über die schwierige Geschichte seines Landes und darüber, was davon bis heute fortwirkt. „Die ungarische Geschichte ist im Grunde von Verlusten geprägt“, sagte Krasznahorkai während der Podiumsdiskussion. Als Beispiele nannte er den Vertrag von Trianon nach dem Ersten Weltkrieg, durch den Ungarn rund zwei Drittel seines Staatsgebiets und etwa ein Drittel seiner Bevölkerung verlor, sowie den Holocaust in Ungarn. „Aber Generation um Generation hört nur, wie heroisch die ungarische Geschichte war.“ Passend kommt in Krasznahorkais Kultroman Sátántangó eine Rede vor, die als Warnung verstanden werden kann, „nicht alles zu glauben, was man hört“.
Besonders auf die Zeit unter Viktor Orbán blickte Krasznahorkai kritisch zurück: „In den vergangenen 15, fast 20 Jahren habe ich die Menschen in Ungarn als ausgelieferte Personen erlebt – unabhängig davon, welcher politischen Richtung sie folgten“, meint er.
„Hoffnung ist nur eine Falle.“
Mit Hoffnung allerdings tut sich der Autor schwer: „Wenn ich höre, dass wir Hoffnung brauchen, denke ich immer daran: Warum tun wir nicht etwas?“ Hoffnung verleite dazu, einfach abzuwarten, dass sich die Dinge von selbst zum Besseren wenden. In diesem Sinne sei „die Hoffnung nur eine Falle.“ Die politische Zukunft Ungarns sieht Krasznahorkai dennoch mit vorsichtiger Hoffnung.
Doch angesichts der Schrecken der Gegenwart reicht auch das Handeln für Krasznahorkai nicht aus. Auf die Frage nach der Rolle der Literatur angesichts der russischen Vollinvasion der Ukraine sprach er vom „globalen Fiasko“ dessen, was die Menschheit auf der Erde angerichtet habe. Als Heilmittel sieht er nur eines: die Schönheit: „Nur deswegen schreibe ich noch.“ Auch wenn die Literatur die Welt nicht zu retten vermag.
Gedankenspiele und der Rhythmus der Sprache
Krasznahorkais Art zu schreiben ist ungewöhnlich. Mit der klassischen „literarischen Sprache“ habe er von Anfang an seine Probleme gehabt, erzählte er. Sie sei ihm zu erhaben gewesen. Stattdessen habe er die Nähe zur Alltagssprache gesucht – und daraus eine eigene Kunstform entwickelt. Entscheidend sei dabei, „die richtige Geschwindigkeit für einen literarischen Text zu finden“. Ein besonders extremes Beispiel dafür ist „Herscht 07769“ aus dem Jahr 2021: Der Roman besteht grammatikalisch gesehen aus einem einzigen, über Hunderte Seiten laufenden Satz. Auch darin zeigt sich Krasznahorkais Hang zu gedanklichen Schleifen und sprachlichen Steigerungen.
Als er „Sátántangó“ zu schreiben begann, musste Krasznahorkai seine Sätze zunächst ausschließlich im Kopf komponieren. Er habe damals keinen festen Arbeitsplatz gehabt und deshalb unter den unterschiedlichsten Umständen gearbeitet. „50, 20 oder ein paar Seiten mehr“ habe er sich gemerkt und immer wieder durchgesprochen, um Rhythmus, Melodie und Geschwindigkeit zu kontrollieren. Heute, sagte er, könne er sich allerdings „nicht mehr als 20 Seiten“ merken. Seine Texte liest Krasznahorkai bis heute gern laut, manchmal sogar den Schmetterlingen in seinem Garten. Die allerdings seien an seiner Prosa „absolut uninteressiert“. Das kann man vom Publikum an diesem Abend nicht behaupten: Nach Ende der Podiumsdiskussion brandete lauter Applaus auf.