Gesellschaft | Buchclub

„Ein Raum für neue Perspektiven“

Die Genderforscherin Pearl Ewa Bianco leitet den feministischen antifaschistischen Buchclub in Bozen. Sie spricht darüber, wie Literatur zur feministischen Praxis wird und warum sie Empathie fördert.
Pearl Ewa Bianco: „Wir müssen uns die Themen, die rechtsextreme Politiker instrumentalisieren, wieder zurückholen“ Bild: Pearl Ewa Bianco

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SALTO: Frau Bianco, wie ist der feministische antifaschistische Buchclub entstanden?

Pearl Bianco: Ich bin im Winter zurück nach Südtirol gezogen und habe mit der Idee gespielt, einen Buchclub zu starten. Der Protest am 28. Februar (Anm. der Redaktion: gegen Faschismus und Remigration) war sehr inspirierend. Dort habe ich gemerkt, wie wichtig antifaschistische Praxis im Alltag ist und dass es viele junge Leute gibt, die sich damit beschäftigen wollen. Ich habe gesehen, dass es in Bozen noch keinen Buchclub gibt, der Themen wie Feminismus und antifaschistische Praxis behandelt. Daraufhin habe ich gedacht, okay, dann eröffne ich meinen eigenen Buchclub. 

Zur Person

Pearl Ewa Bianco ist Gender-Forscherin. Nach ihrer Schulzeit in Bozen studierte sie in Wien Kultur- und Sozialanthropologie und Nationalismusstudien. Seit März leitet sie den Feminist Antifa Bookclub in Bozen.

Wie sind die letzten Treffen abgelaufen? 

Wir treffen uns seit März einmal im Monat. Die Treffen sind offen für alle, auch wenn man das Buch nicht gelesen hat. Mir ist es sehr wichtig, dass ich die Diskussionen so leite und so moderiere, dass alle Menschen mitreden können und dass wir auch aktuelle Themen ansprechen. Jetzt im Sommer haben wir Picknicks gemacht, dabei haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Essen mitgebracht und wir haben zusammen über das Buch diskutiert. Am Ende der Treffen dürfen die Anwesenden dann über die nächste Lektüre abstimmen. Wir wechseln immer zwischen Sachbüchern und Belletristik. 

Mir ist wichtig, dass der Buchclub zugänglich bleibt. Die Bücher dürfen also maximal 400 Seiten haben und sollen eine zugängliche Sprache haben. Auch während der Diskussion versuchen wir immer auf eine zugängliche Art und Weise zu reden, damit auch die Leute mitreden können, die sich mit den Themen nicht besonders gut auskennen. Wenn schwierige oder wissenschaftliche Begriffe vorkommen, erklären wir sie kurz.

 

Wir sehen Literatur als Praxis für feministische und antifaschistische Arbeit.

 

Andere Buchclubs lesen Liebesgeschichten, dieser beschäftigt sich mit antifaschistischer und feministischer Lektüre. Warum? 

Ich würde Liebesgeschichten nicht ausschließen. Ich denke, über Liebe kann man schön diskutieren, auch aus einer feministischen Sichtweise.

Literatur kann zum Raum für andere Perspektiven werden. Wir versuchen immer marginalisierte Autorinnen und Autoren einzubauen, damit wir auch autoritäre oder rassistische und nationalistische Dynamiken im Alltag und in der Politik besser analysieren können. Das sorgt dann wiederum für ein Verständnis über gesellschaftliche Machtverhältnisse. Wenn man ein Buch von einer Autorin liest, die aus einer ganz anderen gelebten Realität kommt als wir, fördert das auch unsere Empathie. 

Man kommt ins Gespräch mit Menschen im echten Leben, dadurch entstehen neue Ideen.

Viele feministische Ideen, vor allem die der ersten Frauenbewegung, sind in Leseclubs entstanden.

Ja, das stimmt. Also ganz wichtig war damals auch, dass Frauen überhaupt einen Raum hatten, um über Feminismus zu reden - das war dann zum Beispiel über Literatur. Ich denke, dass das jetzt immer noch sehr relevant ist. Der Buchclub ist offen für alle Menschen, nicht nur für Frauen. 

Wir sind heutzutage viel auf sozialen Medien tätig. Da kann es erstens passieren, dass man weniger liest, weil man die ganze Zeit nur am doomscrollen ist. Und zweitens, dass man meint, man mache Aktivismus, indem man einfach irgendeinen Post liked und repostet. Dafür ist ein Leseclub eine Art Gegenmittel: Man kommt ins Gespräch mit Menschen im echten Leben, dadurch entstehen auch wieder neue Ideen. Und die Teilnehmenden meines Buchclubs kommen aus verschiedenen Realitäten. Es gibt jüngere Leute und etwas ältere Leute, so kommt es auch zu einem generationalen Treffen.

Verschiedene Generationen haben oft unterschiedliche Einstellungen zum Feminismus. Gibt es ein Buch, welches alle Generationen anspricht?

„Feminismus ist für alle“ von bell hooks. Ein Buch, das meiner Meinung nach wirklich den Feminismus für alle veranschaulicht. In dem Buch geht es auch um das Elternsein, ein Thema, das im klassischen feministischen Diskurs leider oft vergessen wird. 

Rechtsextremismus und die politischen Reaktionen darauf waren in den vergangenen Wochen häufig Thema. Wie blickt ein antifaschistischer Buchclub auf solche Entwicklungen? 

Auf jeden Fall mit Sorge. Aber es ist wichtig, dass wir uns die Themen, die rechtsextreme Politiker ansprechen und instrumentalisieren, wieder zurückholen. Wenn zum Beispiel ein Vannacci über das Abschaffen des Abtreibungsrechts oder über das sogenannte mediterrane Patriarchat redet, sollten wir zusammentreffen und gemeinsam darüber nachdenken: Wie könnte man hier vorgehen? Aber ich denke, dass man rechtsextremen Politikerinnen und Politikern nicht zu viel Platz geben darf und sich vor allem auch auf positive Vorschläge und Ideen konzentrieren sollte.

Es ist aber auch sehr wichtig, eine Gegenstimme zu sein. Ich war als Gästin bei der Sendung „Kontrovers“. Daraufhin hat Jürgen Wirth Anderlan eine Anfrage im Landtag präsentiert und meine Teilnahme da quasi in Frage gestellt hat, aufgrund der antifaschistischen Einstellung vom Buchclub.

Und ich denke, das zeigt ganz schön, wie wichtig unsere Arbeit ist. Dann wissen wir auch, dass wir alles richtig machen. 

Welche Lektüre würden Sie Jürgen Wirth Anderlan empfehlen? 

Die Internationale Menschenrechtscharta.

Buchclub feiert Feminismus

Am Samstag, 29. August wird der Buchclub auch bei der zweiten Ausgabe der fiesta feminista in Meran dabei sein. Dort wird Feminismus in allen Facetten gefeiert, unter anderem mit einem Puppentheater, einem kollektiven Picknick, einer Kleidertauschparty und drei Musikacts. Das Fest beginnt um 17 Uhr im Marconipark.