Gesellschaft | Neue Kampagne

Nur eine Frage der Zeit?

Insgesamt werfen Haushalte am häufigsten Lebensmittel weg. Zeit umzudenken, findet Landesrätin Rosmarie Pamer – wären da nicht Sonderangebote im Einkaufsregal und Alltagsstress.
Fertig ist der „Scheiterhaufen“ : Zubereitet aus alten Semmeln, Äpfeln und einem Eier-Milch-Gemisch, Rosmarie Pamer darf ihn aus dem Ofen holen. Bild: LPA / Greta Stuefer

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Die Zahlen klingen beinahe unglaubwürdig. Dabei kennt wahrscheinlich jeder und jede von uns das schlechte Gewissen beim Blick in den Kühlschrank, der auf schimmliges Gemüse oder bereits verfallene Milchprodukte fällt. Die Europäische Union (EU) schätzt, dass mehr als die Hälfte der Lebensmittelabfälle (53 %) bei privaten Haushalten im Eimer landen. 

In der vorgelagerten Wertschöpfungskette fallen nur neun Prozent der Abfälle in der landwirtschaftlichen Erzeugung, weitere 18 Prozent bei Verarbeitung und Herstellung an. Gastronomische Betriebe wie Restaurants verursachen zwölf Prozent, der Einzelhandel und Lebensmittelverteilung weitere acht Prozent. 

Die Vorstellung der Kampagne gegen Lebensmittelverschwendung: v.l. Landesrätin Rosmarie Pamer, Amtsdirektorin Astrid Wiest, Hygieneärztin Simona Nascetti. Dahinter die Fachlehrerinnen Julia Dariz und Martina Gögele sowie der Direktor der Fachschulen für Hauswirtschaft und Ernährung Martin Unterer. LPA / Greta Stuefer

Soziallandesrätin Rosmarie Pamer (SVP) plädiert bei der Vorstellung der neuen Sensibilisierungskampagne in der Fachschule für Hauswirtschaft und Ernährung Haslach in Bozen deshalb für bewusstes Einkaufen. Das empfehlen auch Schuldirektor Martin Unterer und Silke Raffeiner von der Südtiroler Verbraucherzentrale – trotz voller Einkaufsregale, niedriger Preise bei Sonderaktionen und häufig wenig Zeit. 

Pamer war vor ihrer Amtszeit als Landesrätin acht Jahre lang die Präsidentin der „Psairer Lebensmitteltafel“ in St. Martin in Passeier. „Bei der Lebensmitteltafel habe ich gesehen, wie wertvoll es ist, wenn man Lebensmittel auch an Menschen, die sie brauchen, weitergeben kann“, sagt Pamer. „Der Einzelhandel hat den Einkauf in den letzten Jahren auch durch die Hilfe Künstlicher Intelligenz optimiert. Im Schnitt werden nun weniger übrige Lebensmittel pro Geschäft an die Tafeln abgegeben, erklärten sie beim Jahrestreffen.“ 

„Lebensmittel sind mehr als ein Produkt: Sie bedeuten Versorgung, Teilhabe und Lebensqualität. Gerade in Zeiten, in denen viele Menschen mit sozialen Notlagen konfrontiert sind, bekommt das Thema der Lebensmittelverschwendung eine besondere Bedeutung“, erklärt Direktorin des Amtes für Kinder- und Jugendschutz und Soziale Inklusion, Astrid Wiest.

Bewusst planen und kreativ werden

Bei den Haushalten gibt es noch großes Potential zur Lebensmitteleinsparung. Wer vor dem Einkauf die eigenen Vorräte zuhause prüft und eine Einkaufsliste erstellt, läuft weniger Gefahr Sonderangebote zu nehmen und planlos Lebensmittel in den Einkaufswagen zu geben. „Kleine Gesten sind nicht nur gut für die eigene Geldtasche, sondern vermindern auch den Verbrauch natürlicher Ressourcen“, sagt Simona Nascetti, Fachärztin für Hygiene und Präventivmedizin. 

Dabei lohnt ein genauerer Blick auf Verpackung und Beschaffenheit der vorrätigen Lebensmittel, erklärt die Fachärztin. „Das Ablaufdatum finden Sie auf Lebensmitteln, die ein Gesundheitsrisiko darstellen können, wenn sie verdorben sind. Die Produkte mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum sind meist viel länger haltbar und verändern nach diesem Datum möglicherweise etwas ihre Konsistenz, sind weniger knusprig oder verlieren an Geschmack“, sagt Nascetti. 

Simona Nascetti: „Die Produkte mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum sind meist viel länger haltbar.“ LPA / Greta Stuefer

Bestes Beispiel dafür ist altes Brot. Was damit noch alles gekocht oder gebacken werden kann, zeigten die Fachlehrerinnen Martina Gögele und Julia Dariz in der Showküche der Schule. Mit altbackenen Semmeln, mehligen Äpfeln, Zucker, Eier, Milch und etwas Zimt kann der „Scheiterhaufen“ zubereitet werden. „Das Rezept weckt bei manchen vielleicht Erinnerungen an die Kindheit an ein weniger wohlschmeckendes, matschiges Gericht. Wir haben das Rezept weiterentwickelt und unsere Brotscheiben werden im Ofen knusprig angebraten“, erklärt Gögele. Neben dem bewussten Einkauf geht es also auch um die kreative Zubereitung von alten Resten und die richtige Lagerung der Lebensmittel. 

Martina Gögele: „Wir haben das Rezept weiterentwickelt und unsere Brotscheiben werden im Ofen knusprig angebraten.“ LPA / Greta Stuefer

Wie fleißig die Südtirolerinnen und Südtiroler ihre Reste verkochen und wie viel tatsächlich in der Tonne landet, erhebt derzeit die Landesumweltagentur in Zusammenarbeit mit der Universität für Bodenkultur (BOKU) Wien. 

Die Erhebung ist Teil des Interreg-Europe-Projekts CORE zu organischen Abfällen. Zu den beteiligten Länder zählen Spanien, Deutschland, Belgien, Schweden, Ungarn, Polen, Griechenland und Italien. Für Südtirol stehen rund 200.000 Euro zur Verfügung. In die Datenerhebung sollen auch Haushalte miteinbezogen werden.

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