Auf Augenhöhe mit Wirtschaft und Politik
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Der Dachverband für Natur- und Umweltschutz versteht sich längst nicht mehr nur als klassische Protestorganisation. Hanspeter Staffler spricht ruhig, analytisch und strategisch, während Elisabeth Ladinser zwischen liebenswürdiger Verbindlichkeit und der Resolutheit der engagierten Aktivistin wechselt. Beide sprechen immer wieder von der „Zivilgesellschaft“ als Bezugsgröße für die Arbeit ihres Verbandes. Der Dachverband wolle bündeln, koordinieren, vernetzen – und dabei gleichzeitig politisch schlagkräftiger werden.
Unser Gespräch kreist um Nutzungskonflikte, politische Defizite, Biodiversität, Transitverkehr und die Frage, wie Naturschutz in einem wirtschaftlich hoch verdichteten Land wie Südtirol überhaupt noch funktionieren kann.
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„Die Zivilgesellschaft ist wach geworden.“
„Wenn man ehrlich ist“, meint die pensionierte Rechtsanwältin Elisabeth Ladinser gleich zu Beginn, „dann ist der Dachverband heute wahrscheinlich die wichtigste Organisation der Zivilgesellschaft, wenn es um die Stimme von Natur und Umwelt in Südtirol geht.“ Der Anspruch wird klar formuliert: Gemeinsam mit den Mitgliedsvereinen wolle man so schlagkräftig wie möglich auftreten. „Die Baustellen sind mittlerweile so zahlreich geworden, dass sie alleine gar nicht mehr zu bewältigen wären. Das funktioniert nur mehr durch Zusammenarbeit, durch intelligente Arbeitsteilung und durch Koordination.“Dabei spüre man derzeit einen deutlichen Rückenwind. „Wir haben in den letzten Jahren enormen Zuspruch bekommen“, erklärt die Obfrau, die Anfang 2025 in das Amt gewählt wurde und schon lange im Vorstand des Verbandes tätig ist. „Innerhalb kurzer Zeit sind wir von rund 20 auf 29 Mitgliedsvereine gewachsen.“ Für sie sei das ein Zeichen dafür, dass die Zivilgesellschaft wach geworden sei. Viele Menschen hätten erkannt, dass sie sich organisieren müssten, um überhaupt noch Gehör zu finden. „Der Wunsch, gemeinsam stärker zu sein, ist sehr deutlich spürbar.“
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Ich frage Geschäftsführer Hanspeter Staffler, wie der Dachverband organisatorisch aufgestellt ist. Staffler, der früher Spitzenbeamter der Landesverwaltung war und eine Amtsperiode lang für die Grünen im Südtiroler Landtag saß, beschreibt eine Struktur, die auf zwei Säulen ruht: Ehrenamt und Hauptamt. „Wir arbeiten derzeit mit fünf fixen Mitarbeiteden und zwei Freelancern“, erklärt er. Dazu komme ein ehrenamtlicher Vorstand mit zehn Personen, angeführt von Präsidentin Ladinser und einem Vizepräsidenten, dem bekannten Malser Tierarzt Peter Gasser. Außerdem verfüge man über rund 1.500 Fördermitglieder. „Das ist für Südtirol durchaus eine relevante Größe.“
Wir kommen auf die großen Konfliktfelder zu sprechen. Südtirol steht wirtschaftlich massiv unter Druck. Tourismus, Landwirtschaft, Energieproduktion, Wohnbau und Verkehr konkurrieren auf engstem Raum miteinander. Es geht um ein Land, in dem nur rund elf bis zwölf Prozent der Fläche überhaupt dauerhaft besiedelbar sind. „Und genau auf diesen wenigen Flächen überlagern sich alle Interessen,“ steigt Elisabeth Ladinser in die Analyse ein.
„Immer neue Ruhezonen werden wirtschaftlich nutzbar gemacht.“
Die größten Konflikte sieht sie in drei Bereichen. Der erste betreffe die intensive Landwirtschaft. „Da gibt es klare Zielkonflikte“, führt sie aus. „Obstbau, teilweise Weinbau, aber auch intensive Viehwirtschaft – das sind Bereiche, in denen Naturschutzinteressen oft massiv unter Druck geraten.“
Der zweite große Konfliktbereich sei der Tourismus. Besonders kritisch beobachte man die Ausweitung touristischer Infrastruktur in sensible alpine und subalpine Räume. „Wir reden über Almerschließungen, Seilbahnen, neue Pisten, Straßenbau oder Mountainbike-Trails“, erklärt Ladinser. „Immer neue Ruhezonen werden wirtschaftlich nutzbar gemacht.“ Das Problem sei nicht ein einzelnes Projekt, sondern die Summe vieler Eingriffe. „Wir haben ohnehin nicht mehr viele störungsfreie Räume. Und genau diese letzten Rückzugsräume geraten zunehmend unter Druck.“
Der dritte große Bereich betreffe Infrastrukturprojekte allgemein. Speicherbecken, Straßenbau oder großdimensionierte technische Anlagen würden die Landschaft immer stärker verändern. „Da entstehen massive Nutzungskonflikte“, führt die Obfrau des Dachverbandes aus.
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SALTO change im Mai
SALTO change nutzt die Gelegenheit, um sich im Mai mit unseren gefiederten Freunden zu beschäftigen und mit jenen Menschen, die sich deren Schutz verschrieben haben. Wir werden ergründen, welche wichtige Rolle den Vögeln bei der Erhaltung und Förderung der Biodiversität zukommt, wie es um die Vogelwelt in Südtirol und in den Alpen bestellt ist und was wir alle unternehmen können, um die Horrorvorstellung vom „Stummen Frühling“ zu verhindern, wie Rachel Carson 1962 ihr Buch betitelte, das zu den wichtigsten Fanalen der damals entstehenden Umweltbewegung zu zählen ist.
Unsere Partner in diesem Monat sind der Dachverband für Natur und Umwelt in Südtirol, der 28 Umweltschutzorganisationen aus Südtirol und die Alpenschutzkonvention CIPRA unter seinem organisatorischen Dach versammelt und zur wirkmächtigsten Stimme der vielen ökologisch eingestellten Südtirolerinnen und Südtiroler geworden ist.
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Mich interessiert, wie Umweltverbände heute gesellschaftlich wahrgenommen werden. Hat sich das Bild verändert? Werden sie eher als Partner oder als Verhinderer gesehen?
„Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch auf den Putz hauen können, wenn es uns notwendig erscheint.“
Staffler überlegt kurz. Er verweist darauf, dass er selbst erst seit drei Jahren Geschäftsführer sei und daher keine historische Gesamteinschätzung liefern könne. Dennoch beobachte er eine Veränderung. „Wir versuchen heute viel strategischer zu arbeiten und weniger aktionistisch.“ Aktivismus habe weiterhin seinen Platz – vor allem bei den Mitgliedsvereinen. „Das braucht es auch, unbedingt,“ sagt er ausdrücklich, „aber als Dachverband wollen wir vor allem eine politische Stimme sein. Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch auf den Putz hauen können, wenn es uns notwendig erscheint“.
Der Anspruch sei, mit Wirtschaft, Politik und Verwaltung auf Augenhöhe verhandeln zu können. „Wir wollen mit Landesräten, mit dem Landeshauptmann und mit den großen Verbänden sprechen können, ohne sofort in die klassische Verhindererrolle gedrängt zu werden.“
Einfach sei das nicht. „Finanziell können wir uns mit anderen großen Verbänden natürlich nicht messen“, räumt Staffler ein. Trotzdem versuche man, die eigene Expertise stärker sichtbar zu machen. „Wir haben unglaublich viel Fachwissen im Verband. Dieses Wissen müssen wir besser positionieren.“
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Besonders aktiv sei der Dachverband derzeit in vier Themenfeldern. An erster Stelle nennt Staffler die Biodiversität. „Das ist ein riesiges Feld.“ Dazu kämen Mobilität und Raumplanung. Gerade in der Raumordnung würden die entscheidenden Weichen für die Zukunft gestellt. „Wenn wir dort nicht frühzeitig präsent sind, dann kommen wir immer zu spät.“
Das vierte große Thema sei das Klimagesetz. Gemeinsam mit rund 50 Organisationen arbeite man daran, endlich ein Südtiroler Klimagesetz auf den Weg zu bringen. „Wir üben Druck auf die Politik aus, aber gleichzeitig bieten wir auch unsere Mitarbeit an.“ Zusammen mit dem Heimatpflegeverband und Climate Action Südtirol und zahlreichen weiteren Partnern habe man sich intensiv durch die europäische Gesetzgebung gearbeitet und einen konkreten Gesetzesvorschlag mit 39 Punkten ausgearbeitet. „Den haben wir dem zuständigen Landesrat bereits übergeben.“
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„Vielfalt ist ja unser Grundprinzip.“
Besonders spannend wird das Gespräch, als wir über die interne Vielfalt des Dachverbandes sprechen. Die Mitgliedsorganisationen reichen von kleinen lokalen Gruppen bis zu großen Fachvereinen. „Genau das ist unsere Stärke“, wirft Elisabeth Ladinser ein. „Vielfalt ist ja unser Grundprinzip. Biodiversität endet nicht bei Pflanzen und Tieren.“Der Dachverband verstehe sich zunehmend als Dienstleister für seine Mitgliedsvereine. Ziel sei es, diesen möglichst viel bürokratische Arbeit abzunehmen. „Viele Vereine wollen sich auf die Sache konzentrieren und nicht auf Verwaltungsaufwand,“ weiß Geschäftsführer Staffler. Deshalb unterstütze der Dachverband etwa bei Verwaltung, Organisation oder Finanzierung. Man habe sogar ein eigenes Verwaltungsprogramm angekauft, um Vereinen die Arbeit zu erleichtern.
Ein zweiter zentraler Ansatz sei der Dialog. „Wir entwickeln Projekte gemeinsam mit den Mitgliedsorganisationen.“ Staffler nennt als Beispiel ein aktuelles Projekt zur Rettung der Wechselkröte im Südtiroler Unterland. Gemeinsam mit dem Verein Herpeton arbeite man daran, eine europaweit geschützte Art vor dem Aussterben zu bewahren. „Herpeton bringt das Fachwissen ein, wir kümmern uns um Organisation, Finanzierung und Netzwerk.“
Ähnlich funktioniere auch die Vogelschutzinitiative gemeinsam mit AVK und Treffpunkt Eisvogel. „Dieses Zusammenspiel funktioniert hervorragend.“
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Dann wird das Gespräch grundsätzlicher. Wo liegen die strukturellen Schwächen des Natur- und Umweltschutzes in Südtirol?
Stafflers Antwort ist klar und unmissverständlich. Das größte Problem liege weniger in der Gesetzgebung als in der Organisation der Behörden. „Die Umwelt- und Naturschutzgesetzgebung ist heute weitgehend europäisch vorgegeben“, erklärt er. „Der rechtliche Rahmen ist grundsätzlich vorhanden.“
„Die Abschaffung der früheren Landesabteilung für Natur und Landschaft war aus meiner Sicht ein Sündenfall der Südtiroler Naturpolitik.“
Das eigentliche Problem sei struktureller Natur. Besonders kritisch sieht er die Abschaffung der früheren Landesabteilung für Natur und Landschaft. Diese sei vor Jahren in die Raumordnung integriert worden. „Das war aus meiner Sicht ein Sündenfall der Südtiroler Naturpolitik“, bringt es Hanspeter Staffler auf den Punkt.
Dadurch sei die Naturpolitik innerhalb der Verwaltung praktisch von der Raumordnung „verschluckt“ worden. „Heute gibt es keinen wirklich eigenständigen Ansprechpartner mehr, der sich hauptberuflich um Natur und Landschaft kümmert“, pflichtet ihm Elisabeth Ladinser bei.
Der Dachverband fordere deshalb seit Jahren die Wiedereinführung einer eigenständigen Abteilung für Natur und Landschaft. „Sonst bleiben diese Themen politisch immer zu schwach gewichtet“, unterstreicht Staffler eine der zentralen politischen Forderungen ihres Verbandes.
Auch die Rolle der Landes-Forstbehörde sieht Staffler kritisch. Diese müsse organisatorisch enger mit Natur- und Landschaftsschutz verbunden werden und dürfe nicht gemeinsam mit Landwirtschaft und Tourismus in einem Ressort angesiedelt sein. Seine Vision wäre ein eigenes Ressort aus Umweltagentur, Natur- und Landschaftsabteilung sowie Forstwirtschaft. „Das wäre endlich eine Struktur, die schlagkräftig arbeiten könnte.“
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Zum Schluss sprechen wir über die angekündigte Brennerblockade – ein Thema, das derzeit stark polarisiert. Der Dachverband unterstützt die Aktion ausdrücklich. „Der Transitverkehr ist unser Jahresthema“, erklärt Obfrau Ladinser. Unter dem Motto „Mobene.bz“ arbeite man intensiv an Fragen der Verkehrsverlagerung.
Dabei gehe es nicht nur um Protest, sondern um langfristige Strategien. „Der Brennerbasistunnel alleine wird das Problem nicht lösen.“ Bereits jetzt müsse man Maßnahmen entwickeln, um den Güterverkehr tatsächlich auf die Schiene zu verlagern.
„Gesundheit und Lebensqualität sind ebenfalls Grundrechte.“
Die Blockade verstehe man als symbolisches Zeichen. „Wir wollen zeigen, dass hier Menschen leben“, sagt die langjährige Umweltaktivistin. Gerade im Zusammenhang mit der Klage Italiens gegen Österreich vor dem Europäischen Gerichtshof wolle man ein Signal Richtung Luxemburg senden. „Gesundheit und Lebensqualität sind ebenfalls Grundrechte.“
Besonders kritisch sieht Ladinser die niedrigen Kosten des Brennerkorridors. „Die Strecke ist schlicht zu billig.“ Dadurch entstehe zusätzlicher Verkehr, und gleichzeitig werde der Umstieg auf die Schiene gebremst. „Die Schweiz hätte auf der Bahn teilweise noch Kapazitäten, die gar nicht genutzt werden.“
Ganz vermeiden werde man den Transitverkehr nie, schließt Elisabeth Ladinser unser Gespräch ab. „Diese Entscheidung ist mit dem Bau der Brennerautobahn vor Jahrzehnten gefallen.“ Aber es brauche endlich eine andere, neue Verkehrspolitik. „Und genau dafür gehen wir auch auf den Brenner.“
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Umwelt | Gastbeitrag„Schutzstrategien völlig neu denken“
Gesellschaft | SALTO changeDie Lobby für Heimat und Umwelt
Umwelt | VogelweltSchön und Schutzwürdig
Respekt vor dem Engagement…
Respekt vor dem Engagement der beiden. Südtirol braucht den Dachverband. Man wünschte sich, dass er bei der Politik mehr Gehör fände. Was die geforderte Trennung von Raumordnung und Natur- und Landschaftsschutz betrifft, so dürft das nicht die Lösung sein. Denn von der Sache her hängen die Dinge zu sehr zusammen. Was entscheidend ist, sind Einstellung und Haltung des zuständigen Landesrates und der Landesregierung insgesamt. Und daran kann nur der Wähler etwas ändern.
Antwort auf Respekt vor dem Engagement… von Hans Punter
Solange ein Betonierer…
Solange ein Betonierer Umwelt-Landesrat ist, die „fratelli“ in der Landesregierung sitzen und die Südtiroler weiterhin brav die SVP wählen, sehe ich sehr sehr schwarz für den Naturschutz in Südtirol!!
Jüngstes Beispiel: die Nacht- und Nebelrodung am 6. März ab 5 Uhr früh eines Drittels des Brixner Auwaldes für ein neues Betriebsgebäude der Firma Progress. Und dies trotz drei riesiger Leerstände in unmittelbarer Umgebung!
Nächste Projekte:
- neue Piste am Kronplatz wo zwei negative Gutachten des Umweltbeirates ignoriert wurden und dann ein Ressortdirektor ein „eigenes“ ausgestellt hat.
- neues Hotel auf 1600 Metern im Martelltal wofür es dann 8 km Erschließungs-Infrastruktur braucht usw. usw…..
PS. Umweltschutz Südtirol „quo vadis“?
Antwort auf Solange ein Betonierer… von Franz Pattis
Das Schlimme ist, …
Das Schlimme ist, fratelliideologie und die einflussreichsten Gruppen innerhalb der svp ticken was nicht handeln oder Relativierung des menschengemachten Klimawandels betrifft ziemlich ähnlich. - die svens, jwas südtirols leugnen sogar den menschengemachten Klimawandel, glaub ich...
...Kritische Analysen zeigen, dass rechte und rechtspopulistische Parteien eine Lebensweise verteidigen wollen, die auf der ressourcenintensiven Ausbeutung der Natur basiert. Dies verbindet die Ablehnung von Klimaschutz direkt mit der Verteidigung von traditionellen, hierarchischen Strukturen.(Quelle: Taylor & Francis Online https://share.google/tiGa9qYtz8eS81KGY)
- das tun die svpmachtleute ja auch.
....und dabei müsste Klimaschutz parteiübergreifend gemanagt werden...sieht schlecht aus...
Antwort auf Das Schlimme ist, … von Herta Abram
Zusatz zum letzten Absatz: …
Zusatz zum letzten Absatz: ...Klima- Arten- Naturschutz muss parteiübergreifend gemanagt werden!
- Intakte Ökosysteme sind effektive Klimaschützer!