Politik | Integrationsstunden

„Es drohen Kürzungen oder Streichung“

Schulverbände schlagen Alarm: Aufgrund des akuten Lehrermangels sollen auch Integrationsstunden für Schülerinnen und Schüler mit ADHS oder Autismus gekürzt werden.
Schülerin und Schüler
Foto: Canva
  • Schülerinnen und Schüler mit als „minder schwer“ eingestuften Beeinträchtigungen sollen ab dem nächsten Schuljahr von reduzierten Integrationsstunden betroffen sein. Das würde beispielsweise auch Schülerinnen und Schüler mit Autismus des „Schweregrads 1“ betreffen. Die Verbände CONFAD Aps Alto Adige, GretA – Genitori e rete Autismo ODV und Neurotribe – Associazione Persone ADHD Trentino Alto Adige brachten ihre große Besorgnis darüber in der vergangenen Woche in einer Pressemitteilung zum Ausdruck: „Ohne eine schrittweise Anpassung des Stellenplans und der Ressourcen werden die Defizite des inklusiven Systems zunehmend nicht nur die vulnerabelsten Schülerinnen und Schüler und ihre Familien betreffen, sondern auch die gesamte Klasse und die Qualität der Schule insgesamt“, heißt es dort.

  • Ein altbekanntes Dilemma

    Das Problem ist kein neues, SALTO berichtete in den vergangenen Jahren immer wieder über den Personalmangel im Integrationsbereich an Südtirols Schulen. Vor etwas weniger als einem Jahr kündigte Bildungslandesrat Philipp Achammer (SVP) schließlich eine neue Stellenzuweisung ab dem Schuljahr 2026/2027 an. 

    Laut Simone Abate, dem Sprecher von CONFAD Aps, wurde immerhin im September der Personalstand an den italienischsprachigen Schulen um etwa zwanzig zusätzliche Integrationslehrpersonen erweitert. Allerdings konnte das Problem dadurch scheinbar nicht behoben werden: „Betroffene Familien haben uns kontaktiert und berichtet, dass sie bei Gesprächen in den Schulen Hinweise erhalten hätten, wonach Schülerinnen und Schüler mit als ,geringer' eingestuften Bedürfnissen im kommenden Schuljahr sicher Kürzungen bei den Stunden für Integrationsunterricht und für Mitarbeitende für Integration erhalten würden – wenn nicht sogar eine vollständige Streichung“, berichtet Abate, der auch Mitglied des Beirats für Menschen mit Behinderung in der Stadtgemeinde Bozen ist. Das habe die Familien enorm beunruhigt.

  • Simone Abate zu Integrationsunterricht und Mitarbeitenden für Integration: „Aufgrund des Personalmangels erfolgt die Zuweisung nicht mehr nach Bedarf, sondern nach dem vorhandenen Personalbestand.“ Foto: Privat
  • Obwohl der Bedarf an Integrationsförderung aufgrund steigender Diagnosen konstant wachse, bleibe der Stellenplan für Lehrpersonen für den Integrationsunterricht im Wesentlichen unverändert. „Viele Familien sind am Limit und fühlen sich im Stich gelassen. Es gibt Schülerinnen und Schüler, deren Stunden für die Unterstützung durch Mitarbeitende für Integration von einem Jahr auf das andere vollständig gestrichen werden“, berichtet Marco Bassetti, Sprecher von CONFAD Aps. Neben einem starken Druck auf das Klassenmanagement könne, laut Bassetti, das Fehlen angemessener Integrationsförderung auch zum Schulabbruch von Schülerinnen und Schülern mit Beeinträchtigung führen.

  • Systemfehler

    Während Integrationslehrpersonen den Klassen zugewiesen werden, werden die Mitarbeitende für Integration direkt dem Schüler oder der Schülerin mit Beeinträchtigung zugeordnet. Bei beiden sollte die Gesamtstundenzahl eigentlich auf Grundlage des individuellen Bedarfs festgelegt werden, also danach, wie viel Integrationsförderung notwendig ist. „Was wir jedoch festgestellt haben, ist, dass aufgrund des Personalmangels – sowohl bei den Integrationslehrpersonen als auch bei den Mitarbeitenden für Integration – die Zuweisung nicht mehr nach Bedarf erfolgt, sondern nach dem vorhandenen Personalbestand. Und das ist absolut nicht akzeptabel“, führt Simone Abate von CONFAD Aps aus.

    Das bedeutet zum Beispiel, dass Kinder und Jugendliche, die mit vielleicht 20 Stunden Integrationsunterricht pro Woche gefördert werden könnten, am Ende nur vier oder sechs Stunden Integrationsunterricht für die ganze Woche erhielten. „In schwereren Fällen werde nicht einmal mehr die gesamte Schulzeit abgedeckt. Das bedeutet, dass die Schülerinnen und Schüler nicht den ganzen Unterrichtstag in der Klasse bleiben können und verkürzte Stundenpläne erhalten müssen“, so Abate.

  • Ein veralteter Rechtsrahmen

    Das Schulsystem der Provinz Bozen basiert im Hinblick auf die Personalzuteilung auf dem Landesgesetz Nr. 12 aus dem Jahr 2000 – inzwischen ist es somit 26 Jahre alt. Dieses Gesetz sieht eine Integrationslehrperson pro hundert eingeschriebene Schülerinnen und Schüler vor, unabhängig davon, ob diese eine Beeinträchtigung haben oder nicht. „Das war vielleicht im Jahr 2000 ein innovativer und fortschrittlicher Ansatz, auch im Vergleich zum restlichen Italien“, meint Abate. „Inzwischen hat sich das übrige Italien jedoch mit verschiedenen Reformen weiterentwickelt, während die Provinz auf dem alten Stand geblieben ist“. Laut Abate liege das Verhältnis in Südtirol nämlich bei einer Integrationslehrperson für sechs bis sieben Schülerinnen und Schüler mit Beeinträchtigung, während das nationale Gesetz eigentlich ein Verhältnis von eins zu zwei vorsieht. 

    Italienweit liegt der Durchschnitt bei etwa eins zu 1,5. „Das größte Problem ist jedoch, dass wir in diesem Jahr den Eindruck haben, dass sich die Situation sogar weiter verschlechtert – insbesondere wegen der angekündigten Stundenkürzungen. Und das bereitet uns große Sorgen“, sagt Abate.

    Es bräuchte, so Abate weiter, konkrete und wirksame Entscheidungen, um tatsächlich in das bestehende System einzugreifen. „Diese Entscheidungen müssten jedoch von der Politik getroffen werden, verbunden mit entsprechenden finanziellen Mitteln“, fordert Abate.