„Nicht nur die Krisen sehen"
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Jetzt S+ abonnierenSALTO: Kris, wenn du die diesjährige Ausgabe in drei Sätzen zusammenfassen müsstest, was waren für dich die wichtigsten Erkenntnisse?
Kris Krois: Das Erste war die gemeinsam empfundene Dringlichkeit. Alle spürten: das, woran wir arbeiten, ist wichtig und dringend. Zweitens erlebten wir eine immense Schönheit des Zusammenkommens, das spielt eine enorme Rolle für Intensität und Ergiebigkeit der Begegnungen. Das Dringende ließ sich mit dem Schönen, Spielerischen und Leichten verbinden. Genau daraus entsteht Kraft. Und drittens war da die inhaltliche Auseinandersetzung. Exzellente Vorträge, kluge Analysen und konkrete Ideen, die helfen, die eigene Praxis zu verbessern.
Der Hintergrund
Der Master in Eco-Social Design der Freien Universität Bozen hat vom 21. bis 23. Mai die 15. Auflage der Konferenz „By Design and by Disaster“ durchgeführt, diesmal zur Gänze in der BASIS Vinschgau-Venosta in Schlanders. Dabei haben sich Studierende und Forschende aus sozialökologischem Design, politscher Kunst, kritischen Sozialwissenschaften und anderen Bereichen aus ganz Europa und darüber hinaus getroffen, um sich über die Herausforderungen für einen tiefgreifenden sozial-ökologischen Wandel auszutauschen.
SALTO change hat den Gründer des Studiengangs Eco-Social Design, Prof. Kris Krois, gebeten, über seine Schlußfolgerungen aus der heurigen Ausgabe der Konferenz zu berichten, die mittlerweile weltweit Beachtung findet. Ausgangspunkt der Konferenz war die Frage, was in Anbetracht von Rechtsruck, Militarisierung und eskalierenden sozialökologischen Krisen jetzt zu tun ist.
Was hat sich in diesem Jahr als Übergedanke durchgezogen?
Wir haben versucht, Möglichkeiten sichtbar zu machen und zu verbinden. Nicht nur die Krisen zu sehen, sondern auch die positiven Kräfte, die bereits da sind. Der rote Faden war: Allianzen schmieden, Kräfte bündeln, gemeinsam stärker werden.
Hat es auch Kontroversen gegeben?
Interessanterweise standen diesmal nicht die Kontroversen im Vordergrund. Mein Eindruck ist: Angesichts der großen Herausforderungen rücken die Menschen näher zusammen. Die Gemeinsamkeiten wurden wichtiger als die Unterschiede.
Im vergangenen Jahr eskalierte die Palästina-Israel-Debatte – verständlicherweise. Diesmal stand das praktische und gemeinsame Vorgehen im Vordergrund.
Was hat die BASIS Vinschgau zum Gelingen beigetragen?
Ganz viel. Die Atmosphäre, die Schönheit des Ortes und die Menschen, die ihn mit viel Sorgfalt betreiben. Die Basis schafft ideale Bedingungen für Begegnung. Alles ist da: gute Infrastruktur, gutes Essen, offene Räume, Werkstätten, Kultur, Natur. Vor allem aber entsteht ein Gefühl von Leichtigkeit. Das macht Zusammenarbeit einfacher und produktiver. Danke, BASIS!
Wie viele Teilnehmende waren dabei?
Wir sind bewusst kleiner geworden. Nach fast 250 Teilnehmenden im Vorjahr waren es diesmal 150 Gäste aus ganz Europa. Dadurch entstand die Qualität eines Camps: Fast alle blieben die gesamten drei Tage lang. Das vertieft den Austausch und es entstehen echte Verbindungen. Von Estland bis Spanien, von der Türkei bis Deutschland – die Konferenz war ausgesprochen international. Mit dabei sind auch immer Gäste von allen Kontinenten, die in Europa studieren oder arbeiten.
„Alles, was Natur und Menschenleben ruiniert und nur das vorherrschende System fortschreibt, gehört weg.“
Welche drei Botschaften an Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ergeben sich aus den heurigen Arbeiten?
Erstens: Alternativen stärken! Schafft und stärkt inklusive und attraktive Räume und Projekte, in denen sich Menschen miteinander engagieren und bilden; wo sie bedürfnisorientiert produzieren und reparieren; zusammen mit der Natur, deren Teil sie sind. Zweitens: Zerstörung sofort stoppen! Alles, was Natur und Menschenleben ruiniert und nur das vorherrschende System fortschreibt, gehört weg. Drittens: In politische und gesellschaftliche Bildung und Handlungsfähigkeit investieren! Menschen können lernen, Verantwortung zu übernehmen, Konflikte auszuhalten, solidarisch zu handeln und gemeinsam wirksam zu werden. Wissen allein genügt nicht. Demokratie, Solidarität und Selbstwirksamkeit müssen erlebt und eingeübt werden.
Das war ein wunderbares Schlusswort.
Wenn ich noch einen vierten Punkt ergänzen darf: Nutzt und stärkt demokratische Technologien! Von den omnipräsenten Plattformen profitieren lediglich Milliardäre und Mächtige, die Demokratie und eigenständige Handlungsfähigkeit zerstören. Lasst uns die Alternativen nutzen und ausbauen; einfach anfangen: mehr Signal zu nutzen und weniger WhatsApp; mehr DuckDuckGo und weniger Google; mehr Dienste wie freiheitswolke.org statt diejenigen von Google, Microsoft & Co. Wer nicht genau versteht, wieso und wie, kann dies im witzigen Vortrag von Mark Uwe Kling nachholen. Viel Vergnügen!
Design and Disaster - Follow up
Die Ergebnisse der heurigen Konferenz werden gerade aufgearbeitet und fließen in eine ausführliche Publikation ein, die gegen Ende des Jahres erscheinen wird. Mehr Aktivitäten des Master in Eco-Social Design finden sich auf dem Blog des Studiengangs: designdisaster.unibz.it.
Wer Eco-Social Design studieren will, kann sich noch bis zum 2. Juli bewerben. Mehr dazu hier.