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Jetzt S+ abonnieren„Gekennzeichnet waren die Bachmann-Tage 2026 vor allem von Geselligkeit und, nennen wir es, Kollegialität oder, wenn man große Worte nicht scheut, Solidarität“, meint Kulturjournalist Joachim Leitner auf Nachfrage zur diesjährigen Ausgabe der 50. Ausgabe des „Bachmann“-Preises. Der im Wipptal aufgewachsene Literaturkenner beobachtet seit Jahren den bedeutenden literarischen Wettbewerb in Klagenfurt, bei dem auch immer wieder einmal Autorinnen und Autoren aus Südtirol (Joseph Zoderer, Anita Pichler, Maxi Obexer, Sabine Gruber, Armin Gatterer oder Sepp Mall) geladen waren. „Das Wettlesen begann mit punktgenauen, auch politisch klarsichtigen Eröffnungsworten des scheidenden Jury-Chefs Klaus Kastberger – und ging auch mit ähnlich präzise ins Schwarze treffenden Schlussworten Kastbergers zu Ende“, kommentiert Leitner und spart anschließend nicht mit kritischen Anmerkungen.
Scharfgericht ist das Wettlesen schon lange keines mehr.
„2026 war vielleicht kein ganz herausragender Bachmann-Bewerb-Jahrgang“, findet er. Ob das aber nur an den „tropischen Temperaturen“ gelegen haben könnte? Tatsache ist, „dass mancher Versuch, die Bachmann-Bühne als das zu nützen, was sie vornehmlich ist, als Aufmerksamkeitsgenerator also, recht folgenlos verdampfte.“ Etwa jener der Autorin Slata Roschals über prekäre Arbeitsbedingungen im und am Rande des Betriebs.
„Sicht- und spürbar“ wurde erneut auch „der Widerspruch zwischen dem Bild, das vom Wettbewerb nach wie vor herumgeistert, und der Realität“, so Leitner: „Scharfgericht ist das Wettlesen schon lange keines mehr.“ Die Jurypositionen sind „reflektierter, diskursiv offener und weit weniger ‚vernichtend‘ als gern behauptet“, beobachtet er und bringt ein Beispiel. „Dass eine Jurorin, wenn auch mit lächelnder Ironie, von ‚Mobbing‘ sprach, war für mich der vielsagendste Tiefpunkt der Tage.“
„Der 100er schien mir präsenter als der 50er. Das ist gut so“, meint Leitner auf die Frage, welchen Einfluss der 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann auf die 50. Ausgabe des Wettlesens hatte. „Helga Schuberts schöne Rede zur Literatur, die darauf beharrte, über Bachmanns Texte und nicht über das Spektakel ihrer Lieb- und Leidenschaften zu sprechen, gab da einiges vor“, erwähnt der Kulturjournalist. „Vor Bachmanns Kindheitshaus gab es ein Straßenfest. Über den 50er des Bewerbs wurde vornehmlich bei laufenden Mikros geredet. Die immergleichen vier Einstellungen von Rainald Goetz' blutender Stirn rahmten einen entsprechenden TV-Bericht.“
Es wurde mehr über die Gegenwart geredet als über die letzten fünf Jahrzehnte. Was eigentlich ganz gut ist.
Leitners Favoritin war die Schriftstellerin Kinga Tóth. Ihr „vielsprachiges und vielstimmiges ‚OstblockMädl‘ wurde in Klagenfurt immerhin mit dem Kelag-Preis gewürdigt“. Siegerin Lena Schätte ist in seinen Augen „eine würdige und verdiente Hauptpreisträgerin eines nicht ewig in Erinnerung bleibenden Jahrgangs.“
Über etwas mehr Lob für Jovana Reisinger hätte sich Joachim Leitner gefreut. Gefreut hat er sich jedenfalls über ein Plakat mit Gert Jonke am Bahnhof. Über ihn „könnte und sollte mehr geredet werden“, stellt Leitner fest, „und über die Rolle, die Preise und Wettbewerbe für die kleineren Literaturen am Rand des Sprachraums spielen.“ Klaus Kastberger habe in seinem Schlussstatement darauf hingewiesen. Wenn aber Kastberger auch davon redete, „dass man in Klagenfurt der ‚kritischen Urteilskraft‘ beim Arbeiten zuschauen kann“, dann verdeutlichte dieser Moment, dass diese „kritische Urteilskraft“ dieser Tage bei der Suche nach dem größtmöglichen emotionalen und emotionalisierenden „Impact“ etwas rat- und richtungslos zuspitzt.
Zugabe
Zu Ingeborg Bachmanns 100. gab es neben dem Wettlesen, dem neuen Kinofilm Jemand, der einmal ich war mit Sandra Hüller oder dem Buch Die letzten Tage von Ingeborg von Fleur Jaeggy auch mit dem Blogeintrag „Über die Via Alemagna nach Padova zu Ingeborg Bachmann“ eine kleine Hommage der Schriftstellerin Waltraud Mittich.
Im Zentrum steht der biografische Weg Mittichs. Sie beschreibt, wie sie sich in ihrer Jugend bewusst gegen traditionelle Erwartungen entscheidet und stattdessen nach Padua geht, um dort (unter anderem bei Italiens renommiertestem Germanisten Giuliano Baioni) deutsche Literatur zu studieren und mit einer Arbeit über Bachmanns Lyrik („Utopie und Sprachverzweiflung“) abschließt. „Es war aber die beste Entscheidung meines Lebens, dies zu tun“, schreibt sie, „weil ich einen ganz anderen Zugang zu eben dieser Literatur gefunden habe.“