Kultur | Ex Libris

„Blutrote Grazien“

Zerstückelte Leichen, Rilke-Verse und Live-Streams im Darknet. Auf der Jagd nach einem Literatur-Serienmörder verschwimmt für Aron Fischer die Grenze zur Realität.
Bild: Pexels

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Ex libris

Dieser Auszug aus dem Buch von Benno Pamer ist Teil des Formats „Ex libris“ auf SALTO. 

Questo estratto dal libro di Benno Pamer fa parte del formato „Ex libris“ su SALTO.

Der Beifahrersitz des Oldtimers war übersät mit Plastikbechern und alten Papierstücken, in denen sich, zumindest den Flecken nach, bis vor Kurzem Essensreste befunden haben mussten. Ein ranziger, leicht fauliger Geruch hing wie Spinnweben in der Luft und unter dem ganzen Müll lag eine alte, braune Aktenmappe, aus der die Ecke eines Polaroids hervorragte. Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält … Starr schaute der Fahrer durch die Windschutzscheibe und beobachtete die vorbeihuschenden Bäume, die von den Scheinwerfern kurz erhellt wurden, bevor sie wieder im Nichts der Dunkelheit verschwanden. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt. 

Die Hilferufe ertönten ebenfalls stärker und auch das Klopfen wurde intensiver.

Die Stimme des Mannes war unwirklich leise, hörte sich entfernt an wie das kehlige Bellen eines Hundes. Seine Miene blieb versteinert, während er den alten Wagen in gemächlichem Tempo über die Serpentinen lenkte, die den dichten Wald durchzogen. Plötzlich ertönte vom Kofferraum ein dumpfes Klopfen und erstickte Hilferufe drangen ins Wageninnere. Sie waren gedämpft und dennoch voll eindringlicher Verzweiflung. Der Mann riss sich von seinen wirren Gedanken los und blickte in den Rückspiegel. Jetzt war seine Stimme lauter, der gespenstisch metallische Klang wurde dadurch verstärkt: Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, … Die Hilferufe ertönten ebenfalls stärker und auch das Klopfen wurde intensiver. Der Mann fuhr in eine Haltebucht, die mit losem Kies bedeckt war, und er brachte den Wagen ruckartig zum Stehen. 

Ein fesselnder Thriller, der bis zur letzten Seite für Hochspannung sorgt.: Pexels

Einem dumpfen Aufprall aus dem Kofferraum folgten ein Schmerzensschrei und leises Wimmern, was dem Mann ein hämisches Grinsen auf die schmalen Lippen zauberte. Ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht … Langsam zog er die Mappe unter dem Müllberg hervor, öffnete die Autotür, stieg aus und legte sie auf die Motorhaube. Im Licht der Scheinwerfer zog er das Polaroid hervor und strich mit seinen schmalen, knochigen, leicht verdreckten Fingern über die vollen Lippen der jungen Frau, die darauf zu sehen war. Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf – … Noch lauter als vorher klang nun die geisterhafte Stimme und die Worte hallten durch den einsamen, nächtlichen Wald. Wie hypnotisiert betrachtete er das Porträt der überaus attraktiven, jungen Frau und seine Finger erkundeten die Kontur ihres Gesichts.

Vor ihm lag ein Mädchen im Teenageralter, nur mit einem Top und Hotpants bekleidet, die ihn mit von Tränen aufgequollenen Augen panisch anblickte.

 Plötzlich vernahm er wieder das Klopfen und die flehenden Hilferufe, worauf er das Polaroid in die Mappe steckte und diese auf den Beifahrersitz warf. Aus dem Handschuhfach zog er eine kleine Tasche, der er eine Spritze und eine Ampulle entnahm. Er zog eine weißliche Flüssigkeit auf, ging nach hinter den Wagen und öffnete den Kofferraum. Vor ihm lag ein Mädchen im Teenageralter, nur mit einem Top und Hotpants bekleidet, die ihn mit von Tränen aufgequollenen Augen panisch anblickte. Es handelte sich um das Mädchen, das auf dem Foto abgebildet war. Ihre Knöchel und Handgelenke waren mit grauem Klebeband gefesselt und auch über dem Mund klebte ein Streifen, der aber an einer Seite lose herunterhing. Offensichtlich war es ihr gelungen, ihn zu lockern, was die Hilferufe erst möglich machte. 

Der Autor des Buches Benno Pamer: Edition Raetia

Zur Person

Benno Pamer Jahrgang 1977, verheiratet, 2 Kinder Diplomierter Kommunikations-Designer und aktuell Geschäftsführer eines international tätigen Herstellers für bauchemische Produkte in Südtirol. Geboren und wohnhaft im Passeiertal in Südtirol, Hobbyautor seit Jugendzeit. Vielseitige Interessen (Musik, Sport, Kino, Marketing, Wirtschaft, Lesen, Wein, gutes Essen). 

Pexels

 „Nein! Was machst du mit mir! Lass mich gehen! Du Schwein! Bitte, lass mich gehen! Bitte! Tu mir nichts! Bitte!“ Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille – … Diese Worte deklamierte der Mann und rammte dem Mädchen die Spritze in den Arm. Sie wollte schreien, doch er hatte blitzartig das Klebeband wieder über ihre Lippen gedrückt, weshalb nur noch ein Wimmern zu hören war. Wenige Sekunden später wurde der Blick der jungen Gefangenen starr und sie schlief ein. Der Mann schloss den Kofferraum, stieg wieder in das Auto und startete den Motor. Und hört im Herzen auf zu sein. Kaum waren die letzten Worte verhallt, begann er erst leise, dann immer lauter wie ein Verrückter zu lachen und lenkte den Wagen zurück auf die Straße. 

Diese Momente der Anerkennung wurden allerdings zusehends seltener.

Aron saß gelangweilt an seinem Schreibtisch. Es war einer jener heißen Julitage, an denen die veraltete Klimaanlage es nicht schaffte, das Kommissariat auf eine halbwegs erträgliche Temperatur herunterzukühlen. Die Kleidervorschrift war zwar nicht offiziell gelockert worden, doch niemand wagte sich angesichts der Schwüle in den Büros, die Flut an Bermudahosen und kurzen Kleidern zu beanstanden. Im Morddezernat trugen sie keine Uniform wie ihre Kolleginnen und Kollegen bei der Drogenfahndung oder der Straßenpolizei, und doch waren sie eine Abteilung des Heeres und mussten bei offiziellen Anlässen in Schmuck und Ornat an den verschiedensten Veranstaltungen teilnehmen. Aron unterschied sich hier von vielen seiner Kollegen, denn er liebte das Tragen der Uniform. Sie verlieh ihm Würde und Stärke und die bewundernden Blicke, die ihnen bei solchen Paraden von den Passanten zugeworfen wurden, gaben ihm das Gefühl, etwas im Leben erreicht zu haben. Diese Momente der Anerkennung wurden allerdings zusehends seltener. Ansonsten konnte man ihn getrost einen Verlierer oder, wie seine fünfzehnjährige Tochter sagen würde, einen Loser nennen. Nach einem kurzen, schnellen Aufstieg in die Funktion eines leitenden Ermittlers im Fall eines lokalen Serienmörders am Beginn seiner Karriere war er nicht mehr weitergekommen. Seit nunmehr fast zwanzig Jahren saß er im selben Büro auf dem Kornplatz in Meran, einem zentralen Platz am Rennweg, gegenüber dem Ende der bekannten Lauben, einer touristisch bestens vermarkteten historischen Einkaufsstraße der Kurstadt, kämpfte im Sommer gegen die Hitze, im Winter gegen die Kälte, meist jedoch gegen die Langeweile und die aufkommende Trostlosigkeit.

Das Buch „Blutrote Grazien“ von Benno Pamer: Edition Raetia

Meran war nicht unbedingt ein Hotspot für Kriminalität und Mordfälle passierten sehr selten, wenn überhaupt, und nach seinen Ermittlungserfolgen hatte man seine Karriere von höherer Stelle schlicht und einfach vergessen. „He, ich habe dich was gefragt. Könntest du dich ein wenig konzentrieren?“ Die Stimme Maries, seiner Bürokollegin, riss ihn aus seinen öden Gedanken. Wie fast jeden Tag war sie der Lichtblick in seinem Berufsalltag. „Sorry, ich habe gerade an etwas gedacht. Was soll ich machen?“ 

Oh Mann, ich glaube, die Hitze tut dir echt nicht gut.

Sie sah ihn kurz fragend an, brach dann in ein lautes und ansteckendes Gelächter aus. „Oh Mann, ich glaube, die Hitze tut dir echt nicht gut. Wir sollten die Untersuchung besser unterbrechen und morgen weitermachen. Ich denke, das bringt heute nichts mehr und es ist schon fast Feierabend. Was hältst du davon, wenn wir Schluss machen und einen Aperitif nehmen, bevor ich dich in deinen trauten Familienalltag entlasse?“ Sie blickte ihn mit ihren unschuldig verführerischen, türkisblauen Augen an und fegte gleichzeitig die Unterlagen vom Tisch, die sie in den letzten Stunden gemeinsam durchgegangen waren. Da es keine Mordfälle zu bearbeiten gab, und die Personaldecke bei der Polizei immer knapper wurde, betraute man sie mit allen möglichen und unmöglichen Banalitäten von Wirtschaftskriminalität bis zu stupiden Verwaltungsaufgaben. Weder dem einen noch dem anderen Thema konnte er etwas abgewinnen, im Gegensatz zu Marie, die vor vier Jahren in sein Leben getreten war und ihm von da an einen Grund gegeben hatte, sich auf die tägliche Arbeit zu freuen. 

Zum Thriller

In Aron Fischers Leben herrscht Stagnation – sowohl privat als auch beruflich. Doch plötzlich ändert sich alles, als er auf die verstörende Spur einer zerstückelten Leiche stößt. Der Mord, live im Darknet gestreamt und mit einem makabren Gedicht hinterlegt, entpuppt sich als Werk eines wahnsinnigen Serienmörders. Dieser inszeniert grausame rituelle Morde an jungen Frauen, verknüpft mit Literatur, und verbreitet sie weltweit im Darknet. Gemeinsam mit seiner Arbeitskollegin Marie begibt sich Aron auf die Jagd nach dem Mörder. Doch je tiefer sie in die Abgründe des Darknets eintauchen, desto mehr verlieren sie die Kontrolle. Als ein Star-Ermittler aus Mailand in den Fall involviert wird, eskaliert die Situation. Plötzlich wird Aron vom Jäger zum Gejagten – und die Grenze zwischen Realität und der dunklen Welt des Darknets verschwimmt unaufhaltsam. In einem atemlosen Wettlauf gegen die Zeit kämpfen Aron, Marie und der Ermittler nun als Gegner um das Leben weiterer entführter Opfer – oder auch um ihr eigenes Schicksal. 

Das Buch ist bei Retina erschienen.