In der weißen Stadt
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Jetzt S+ abonnierenDrei Wochen lang war die Stadt Sucre mein Ausgangspunkt für eine Reise durch Bolivien. In der weißen Kolonialstadt im Hochland hatte ich ein ganz besonderes Zuhause: Ich wohnte mehrere Tage bei den Verwandten meiner Schwiegertochter. Mein Sohn Lorenz ist mit der Bolivianerin Daniela verheiratet; die beiden leben mit ihrer siebenjährigen Tochter Sophia in Paris und verbringen die Sommermonate regelmäßig bei Danielas Familie in Sucre. So war ich nicht nur Tourist, sondern konnte ein wenig in den bolivianischen Alltag eintauchen.
Sucre selbst hat mich vom ersten Tag an begeistert. Die Stadt ist bereits seit 1991 UNESCO-Kulturerbe und wirkt mit ihren weiß gekalkten Häusern, den roten Ziegeldächern und den vielen hübschen Innenhöfen fast wie eine Mischung aus spanischer Kolonialstadt und südamerikanischem Freiluftmuseum. Im historischen Zentrum lässt es sich wunderbar zu Fuß unterwegs sein. Rund um die Plaza 25 de Mayo, den Mittelpunkt der Stadt, reihen sich Kirchen, Kolonialgebäude, Cafés und Geschäfte aneinander. Hier sitzt man auf einer Bank, beobachtet das bunte Treiben und hat nie den Eindruck, dass es langweilig werden könnte.
Zu den wichtigsten Stationen zählte die Casa de la Libertad, eines der bedeutendsten historischen Gebäude Boliviens. Im ehemaligen Parlament wurde 1825 die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet – hier wird die Geschichte des Landes unmittelbar erlebbar. In der Kinderabteilung erhielt meine Enkelin Sophia einen Zylinder und eine Schreibfeder, mit denen sie die Unterzeichnung spielerisch nachstellen konnte.
Das ist Sucre
Sucre ist die konstitutionelle Hauptstadt Boliviens und wurde am 16. April 1538 von den spanischen Conquistadoren unter dem Namen Ciudad de la Plata de la Nueva Toledo gegründet. Der wichtigste Grund für die Gründung der Stadt war die Erschließung und Verwaltung der Region, darunter das wenige hundert Kilometer entfernte Potosí mit seinen gewaltigen Silbervorkommen. Die Silberminen liegen auf 4.000 m und höher, kein guter Ort, um standesgemäß zu wohnen, so wurde im tiefer gelegenen Gebiet die neue Wohn- und Residenzstadt gegründet. So wurde La Plata Verwaltungs-, Gerichts- und Kirchenzentrum für ein riesiges Gebiet. Nach einer Reihe von Auseinandersetzungen mit den Nachbarstaaten verlor Bolivien auch den Zugang zum Meer. Am 6. August 1825 wurde in La Plata (jetzt Sucre) die Unabhängigkeitserklärung Boliviens von Spanien unterzeichnet. Es blieb der offizielle Regierungssitz, bis dieser 1899 nach einem Bürgerkrieg nach La Paz verlegt wurde. Sucre blieb jedoch die verfassungsmäßige Hauptstadt. La Paz ist größer und ist die administrative Hauptstadt Boliviens, es hat mit der Oberstadt El Alto geschätzt 2 Mio. Einwohner. Der Zusatz La Plata im alten Namen der Stadt bezog sich auf den enormen Silberreichtum der nahegelegenen Minen von Potosí während der Kolonialzeit. Nach der Unabhängigkeit von Spanien wurde die Stadt umbenannt in Sucre, nach Antonio José de Sucre, einem Revolutionshelden und engen Vertrauten von Simón Bolívar, dem Staatsgründer. Im 16. und 17. Jahrhundert war die Stadt das kulturelle und administrative Zentrum der spanischen Krone in Südamerika. Bereits 1624 wurde die Universität San Francisco Xavier - benannt nach dem Mitbegründer des Jesuitenordens gegründet, eine der ältesten Universitäten Südamerikas.
Die Stadt hat 276.000 Einwohner, sie liegt östlich des bolivianischen Altiplano am Westrand der Cordillera Central auf rund 2.800 m.
Das Klima ist ein gemäßigtes Höhenklima mit beträchtlichen Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht. Der Jahresniederschlag beträgt ca. 700 mm mit einer Trockenzeit von Mai bis September und einer Regenzeit von Dezember bis Februar. Zum Vergleich: In Bozen und Umgebung 700 - 800 mm. Üblicherweise haben die Häuser in Sucre keine Heizung, nach Sonnenuntergang kann es recht kühl werden. Die Vegetation entspricht jener eines mediterranen Gebietes, in Sucre blühen Bougainvilleen, in den Gärten wachsen Orangen. 25 km entfernt liegt der Regionalflughafen.
Auch die Klöster San Felipe de Neri (Filippo Neri war ein italienischer Priester und Ordensgründer aus Florenz) und La Recoleta gehören zu den besonderen Sehenswürdigkeiten. Vom Dach von San Felipe de Neri bietet sich ein herrlicher Blick über die Dächer der Stadt, der Aufstieg lohnt sich, denn von oben liegt Sucre mit seinen weißen Häusern und den umliegenden Bergen wunderbar vor einem.
Vom Franziskanerkloster La Recoleta aus dem Jahr 1600 ist der Vorplatz das Schönste, von dort hat man einen beeindruckenden Blick über die Stadt. Das Kloster selbst ist eine Enttäuschung, viele Ausstellungsstücke und die Einrichtung bräuchten dringend eine Restaurierung, überall bröselt und bröckelt es, Beleuchtung und Beschriftung sind mangelhaft, schade, ganz offensichtlich fehlt das Geld. So wie in den meisten Museen darf nicht fotografiert werden.
Ein Kontrast zur kolonialen Pracht sind die Märkte. Dort zeigt sich Sucre von seiner lebhaften, manchmal chaotischen und sehr authentischen Seite. Zwischen Obst, Gemüse, Fleisch, Gewürzen und allerlei Dingen des täglichen Bedarfs herrscht ein buntes Treiben. Für mich als Besucher waren die Märkte nicht nur Einkaufsmöglichkeiten, sondern vor allem ein Fenster in den Alltag der Menschen.
Licht und Schatten liegen eng beisammen, vieles spielt sich im Freien ab, am Straßenrand wird gehandelt und verkauft, gebraten und gekocht, am Gehsteig wird alles mögliche wie Süßigkeiten, Erdnüsse, Getränkeflaschen, Souvenirs auf Tüchern oder winzigen Tischchen ausgebreitet. Ein kleiner Laden, oft nur ein bis zwei Meter breit, reiht sich in den Gassen neben dem anderen ein. Wer sich vom Zentrum in die Peripherie entfernt, sieht es: die Häuser werden niedriger, einfacher, sind nur mehr aus roten unverputzten Ziegeln, die Straßen staubig. Überall laufen streunende Hunde aller Rassen herum, sie sind freundlich und gut genährt.
Die Reise nach Bolivien
Für Reisende aus Südtirol bzw. Norditalien gibt es keine Direktverbindung. Eine Verbindung wäre beispielsweise:
München/Frankfurt/Mailand → Madrid → Santa Cruz → Sucre
Air Europa – fliegt Madrid → Santa Cruz de la Sierra (VVI) direkt, etwa 11 Stunden.
Für Santa Cruz - Sucre muss man anschließend nochmals einen Inlandsflug mit der Boliviana de Aviación (BoA) – die staatliche bolivianische Fluggesellschaft, nehmen. Der internationale Flughafen von Sucre ist Alcantarí (SRE).
Und dann war da noch der Park Bolívar, eine grüne Oase mitten in der Stadt. Zwischen Palmen, Blumen und Spazierwegen kann man sich gut eine Pause gönnen und dem städtischen Treiben ein wenig entkommen. Dort steht auch der Eiffelturm von Sucre, eine kleine Eisenstruktur, die tatsächlich von Gustave Eiffel, dem Erbauer des berühmten Pariser Eiffelturms, entworfen wurde. Die Teile kamen 1908 aus Paris nach Bolivien, das Medizinische Institut in Sucre bestellte den Turm als Wetterstation. Der Turm ist klein und hat nur zwei Stockwerke, eine Wendeltreppe führt zur Aussichtsplattform. Enkelin Sophia liebt den Park, die Spielmöglichkeiten, das Tretbootfahren auf dem kleinen Teich.
Vor dem Kauf der Souvenirs und Handarbeiten, die an jeder Ecke angeboten werden, lohnt sich der Besuch des Museo de Arte Indígena (ASUR). Es zeigt in einem alten Palazzo auf mehreren Stockwerken, modern aufgemacht, die Kultur und Geschichte der indigenen Bevölkerung, insbesondere die verschiedenen Textilien und deren Entstehung/Bedeutung. Jetzt ergeben die Farben, Muster und Symbole der Handarbeiten, der Bekleidung und Hutbänder bei den Einheimischen plötzlich mehr Sinn! Das Museum liegt ganz in der Nähe des Aussichtspunkts und Klosters La Recoleta.
Natürlich gehörte auch das kulinarische Sucre zu meinem Aufenthalt. Ich war einkaufen, saß in Cafés, probierte mich durch Restaurants und genoss es, ohne festen Zeitplan durch die Stadt zu streifen. Etwas enttäuscht war ich von der Küche, da gab es keine große Vielfalt, viel Huhn, Süßkartoffel, Mais. Neu war Quinoa, die Samen dieser Pflanze – wie winzige Linsen – werden ähnlich wie Hartweizen-Cous Cous zubereitet. An jeder Straßenecke werden die Empanadas angeboten, große, gebackene Teigtaschen, halbmondförmig, etwa 10 cm lang, mit den verschiedenartigsten Füllungen: Gemüse, Kartoffel, Zwiebel, Huhn, Rind oder Käse.
Sucre war für mich deshalb weit mehr als ein hübscher Ausgangspunkt für die weiteren Reisen. Die Stadt bot Geschichte und koloniale Architektur, lebhafte Märkte und gemütliche Cafés und vor allem Begegnungen mit Menschen. Dass ich dabei bei der Familie meiner Schwiegertochter wohnen konnte, machte den Aufenthalt noch persönlicher. Ich konnte die Stadt nicht nur mit den Augen eines Reisenden erleben, sondern bekam zugleich einen kleinen Einblick in den bolivianischen Alltag.
Von Sucre aus unternahmen wir anschließend mehrere Ausflüge, teilweise über mehrere Tage. Doch das ist eine andere Geschichte, die in den weiteren Reiseberichten erzählt wird – Sucre selbst war bereits ein Erlebnis für sich.
Mehr Reisetipps gibt es in den nächsten Reisberichten.
Bolivien, kurz in Zahlen
Fläche: 1.098.581 km²
Einwohner ca. 12,6 Mio.
Bolivien ist dreieinhalbmal so groß wie Italien, hat aber nur gut ein Fünftel der italienischen Bevölkerung – und das BIP pro Kopf liegt nur bei etwa einem Achtel des italienischen. Beim BIP pro Kopf liegt Bolivien auf Platz 11 von 12 Südamerikanischen Staaten; nur Venezuela liegt niedriger.
Zur Wirtschaft: Bolivien ist ein Rohstoffland. Traditionell wichtig sind Erdgas, Zink, Silber, Zinn und Gold; zunehmend große Bedeutung haben die Lithiumvorkommen. Daneben spielen Landwirtschaft und Viehzucht sowie der Dienstleistungssektor eine wichtige Rolle. Nach UN-Daten entfallen etwa 15 % der Wertschöpfung auf die Landwirtschaft, 27 % auf die Industrie und 58 % auf Dienstleistungen. Die Wirtschaft steckt derzeit allerdings in Schwierigkeiten: sinkende Rohstoffpreise, Devisen- und Treibstoffmangel sowie hohe Inflation belasten das Land. 2025 lag die Inflation nach Weltbankangaben bei 19,5 %
Politisch hat sich gerade ein deutlicher Wandel vollzogen: Rodrigo Paz beendete 2025 die fast 20 Jahre währende Vorherrschaft der linken MAS-Regierungen (Evo Morales) und verfolgt einen wirtschaftsfreundlicheren Kurs.
Bolivien hat insgesamt 37 Amtssprachen: Wichtigste Amtssprache ist Spanisch. Für den Alltag und als Verkehrssprachen spielen noch Quechua und Aymara eine Rolle.
Währung ist der Boliviano: 100 Bolivianos sind 7,43 €, der aktuelle Kurs liegt bei rund 13,5 BOB je Euro.