Messias im Maßanzug
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Jetzt S+ abonnieren20 Uhr letzten Sonntag am Königsplatz in München: Die Abendsonne schickt ihre letzten Strahlen über den Platz, durch die Säulen der klassizistischen Gebäude, die den Ort prachtvoll einrahmen. „Majestic!“, meint denn auch der hochgewachsene Herr im nachtblauen Dreiteiler, der auf die Minute genau die Bühne betritt, die den Platz nach Osten hin abschließt: Nick Cave is back in Munich, „fucking beautiful Munich“, und er hat Rockiges und Sanftes aus seiner nun über 40 Jahre währenden Karriere mit dabei. Es ist das vorvorletzte Konzert auf der Europa & UK-Tour des australischen Musikers und seinen „The Bad Seeds“ (mit Radioheads Colin Greenwood am Bass, Warren Ellis an der Violine), in 16 Ländern haben sie in den vergangenen Wochen gespielt, aber der Anzug sitzt, die pechschwarz gefärbten Haare auch, also lässt er es losgehen: Mit dem hämmernden „Get ready for love“ peitscht Cave dem nicht mehr ganz jungen Publikum, vereinzelt gothic angehaucht, ein, und sofort zeigt sich: Bloß oben stehen und runtersingen, das genügt ihm nicht, er muss ran ran ran an die Leute.
Von links nach rechts treibt es ihn den Bühnenrand entlang und wieder zurück, immer hin zu den Händen, die sich ihm sehnsüchtig entgegenstrecken und abgeklatscht, geschüttelt, gehalten werden. „Can you feel my heartbeat?“ wird später eine Songzeile lauten, er drückt die Hand einer Zuschauerin für eine gefühlte Ewigkeit an seinen Brustkorb. Dass sie Handschuhe getragen hat, wird sie wohl ihr Leben lang bereuen.
Im Galopp geht es weiter, ein pulsierendes „Train Long-Suffering“, ein meisterhaft gepredigtes „Tupelo“, und hoch mit den Händen, und mitsingen alle, und wieso soll man eigentlich am Flügel sitzen bleiben, wenn man auch in die Menge herabsteigen und sich tragen lassen kann? Berührungsängste hat der 68-Jährige, der angesichts eines früh von Drogen und Exzess geprägten Lebenswandels bemerkenswert gut in Form scheint, keine. Jedem einzelnen hier scheint er heute etwas mitgeben, jedermann in Schwingung versetzen zu wollen: Unbeteiligt in der Ecke stehen ist nicht. Dass manchmal ein Ton daneben geht, Geklimper schief klingt, egal: „I fucked this song up“, wird er zwei Mal zugeben, wenn er für das Tempo der Band, die sich vornehm im Hintergrund hält, wieder mal zu schnell wird: Aber das habe die Songs nur besser gemacht – eine Weisheit, die man sich fürs Leben mitnehmen könne.
Was bei anderen cringe wäre, ist bei Cave so unironisch und kitschfrei wie die goldene „Love“-Halskette.
Dass es nicht um die perfekte Performance, eine makelloses Abspulen von Hits geht, sondern um ein Happening, ein Miteinander, einen gemeinsamen Moment von großen Gefühlen, wird auch klar, wenn Cave am Piano sitzt und sein Gesicht in Großaufnahme schwarzweiß auf den beiden Videoleinwänden rechts und links der Bühne erscheint: Der Schmerz über den viel zu früh verstorbenen Sohn in einem gespenstisch-schönen „Bright Horses“, Liebespein in „Carnage“, die Verzweiflung über den Zustand der Welt dystopischen „Hollywood“, das alles dringt ihm aus jeder Pore. Beim gospeligen „O Children“ holt Cave einen Jungen aus dem Publikum und singt mit ihm, und was bei anderen cringe wäre, ist bei ihm so unironisch und kitschfrei wie die goldene „Love“-Halskette. Man muss schon aus Stein sein, um davon nicht berührt zu werden.
Und immer ist da diese unbedingte Eindringlichkeit: Egal, ob er der düstere Storyteller ist, der feurige Prediger, der beim furiosen „Jubilee Street“ tanzend das Jackett von sich wirft, oder der Balladeur, der im Duett sanft gemordet wird („Henry Lee“). Er will ganz in die Herzkammern vordringen und dort wirken, an der Oberfläche taugt es ihm nicht. Dass das Publikum nicht stärker abgeht, liegt wohl weniger daran, dass er nicht alles daran setzen würde, sondern vielmehr an einer greifbaren Ehrfurcht, die ihm, dem „Wild God“ – so der Titel seines letzten Albums – entgegengebracht wird. „Shut up, Motherf*cker“, meint er an einer Stelle zärtlich zu einem Fan. Anerkennendes Raunen unter den Zuschauern.
So weit zu gehen, die musikalische Qualität auf dem Altar der Emotionen zu opfern, das würde er dann allerdings doch nicht, so viel Profi ist der Mann. Als Cave in einem Anflug von Euphorie eine junge Frau auf die Bühne lässt, die unbedingt den „Weeping Song“ mit ihm singen will, bereut er sogleich: Sie kann den Text nur leidlich, beide vermasseln ihren Einsatz, Murren im Publikum. „Okay, das war schön, aber auch das erste und letzte Mal, dass ich so etwas getan habe“, meint er am Ende. Vielleicht gibt es auch deshalb ganze fünf Zugaben, darunter ein funkelndes Cover von Marc Bolans „Cosmic Dancer“ mit Cave am Piano, in blaues Licht getaucht. Mit „Into your arms“ entlässt er das Publikum schließlich nach energiegeladenen zweieinhalb Stunden in die Nacht: Wie passend für einen Abend, der wie eine tröstende Umarmung war.
War das nicht am Sonntag,…
War das nicht am Sonntag, den 23.08.2026?
Antwort auf War das nicht am Sonntag,… von Konrad Hofer
Natürlich, korrigiert…
Natürlich, korrigiert. Danke!