Moderne Cuntatories
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Jetzt S+ abonnierenManchmal braucht es eben ein kleines Rückwärts-Hören und eine Ohr-Zeitreise, um zu kapieren, worauf unsere heimische Musikszene heute baut. Ein Album aus 2016, das bis heute absolut zeitlos klingt, ist an cunta che von Ganes. Die drei Sängerinnen gehören zu den rund 30.000 Südtirolerinnen und Südtirolern, für die Ladinisch die Muttersprache ist. Aufgewachsen in La Val im Gadertal, brachten die Schwestern Elisabeth und Marlene Schuen gemeinsam mit ihrer Cousine Maria Moling etwas in die alpine Musiklandschaft ein, das schlicht einzigartig war: hochklassige Popmusik auf -Ladinisch. Schon der Bandname greift tief in die alpine Mythologie – die Ganes sind feenartige, geheimnisvolle Naturwesen der Dolomitensagen.
Doch zum Familientalent gesellt sich akademische Feinarbeit.
Der musikalische Gabentisch war reich gedeckt: Die Schuen-Schwestern entstammen einer Familie, in der Musik quasi als Hauptspeise serviert wurde – ihr Vater leitete als Kapellmeister die örtliche Musikkapelle, ihr Bruder Andrè Schuen erobert heute als Opernsänger die großen Bühnen. Doch zum Familientalent gesellt sich akademische Feinarbeit: Marlene Schuen studierte Violine und Jazzgesang, Elisabeth absolvierte ein Operngesangsstudium (und greift ebenso zur Geige), während Maria Moling ihr Handwerk am Kärntner Landeskonservatorium in Klagenfurt verfeinerte.
Auf dem umgebauten Frachtschiff, das als schwimmende Flussbühne quer durch Europa tuckerte, sprang der Funke endgültig über.
Den musikalischen Rückenwind für ihr eigenes Projekt holten sich die drei an der Seite von Hubert von Goisern – jenem österreichischen Liedermacher und Alpin-Rock-Pionier, der mit Hits wie „Brenna tuat’s guat“ oder „Koa Hiatamadl“ die traditionelle Volksmusik revolutionierte. Marlene Schuen tourte bereits ab 2002 als Sängerin und Geigerin mit ihm, bevor Elisabeth Schuen und Maria Moling 2007 bei seiner berühmten Linz-Europa-Tournee dazustießen. Auf dem umgebauten Frachtschiff, das als schwimmende Flussbühne quer durch Europa tuckerte, sprang der Funke endgültig über: Die Geburtsstunde von Ganes. Das eigene Klanguniversum ließ nicht lange auf sich warten – im Mai 2010 erschien ihr Erstling Rai de sorëdl („Sonnenstrahl“), mit dem sie der deutschsprachigen Popwelt bewiesen, wie strahlend, modern und lebendig Ladinisch klingen kann.
an cunta che: Das Wiederaufleben der cuntatories
Sechs Jahre nach dem Erstling folgte 2016 mit an cunta che ein echtes Reifewerk. Der Titel bedeutet ins Deutsche übersetzt schlicht: „Man erzählt, dass...“ – und genau da beginnt der Zauber. Über Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende hinweg, hielten in Ladinien die cuntatories die Fantasie der Menschen lebendig. Diese traditionellen Geschichtenerzähler saßen in endlosen Winternächten am knisternden Feuer oder in den Spinnstuben und schöpften aus einem schier unendlichen Fundus. Die ladinischen Sagen sind europaweit einzigartig; die Ursprünge der berühmten Sage vom Reich der Fanes etwa reichen weiter zurück als die Epen Homers. Dass dieser Sagenschatz die Zeiten überdauert hat, grenzt an ein kleines Wunder – schließlich wurden die Erzählungen erst um das Jahr 1900 erstmals zu Papier gebracht.
Sie stauben die alten Mythen ab, greifen deren kraftvolle Bilder auf und verweben sie mit eigenen Gedanken, aktuellen Gefühlen und persönlichen Variationen.
Mit an cunta che schlüpfen Ganes selbst in die Rolle moderner cuntatories. Sie stauben die alten Mythen ab, greifen deren kraftvolle Bilder auf und verweben sie mit eigenen Gedanken, aktuellen Gefühlen und persönlichen Variationen. Ganz so, wie es die Geschichtenerzähler früherer Tage schon getan haben: Nicht als starrer Rückblick, sondern als lebendiges Weitertragen.
Ein Hinhören, Einfließen und Eintauchen.
Das Album gerät so zu einer atemberaubenden Reise durch die Jahrtausende. Uralte Vorstellungskraft trifft auf heutiges Denken und Fühlen – getragen von der universellen Sprache der Musik. Ein Hinhören, Einfließen und Eintauchen. Klanglich spannen Ganes dabei einen faszinierenden Bogen: Zu den glasklaren Stimmen gesellen sich Geigen, Hackbrett und Gitarren, während feine Synthesizer-Sounds und die Lap-Steel-Gitarre dem Ganzen einen ganz eigenen, schwebenden Anstrich verleihen.
Info-Box zum Album
Band: Ganes
Besetzung auf diesem Album (2016): Elisabeth Schuen (Gesang, Geige, Gitarre, Lap Steel, Bass, Samples), Marlene Schuen (Gesang, Geige), Maria Moling (Gesang, Geige, Hackbrett, Synthesizer)
Aktuelle Besetzung: Elisabeth Schuen, Marlene Schuen, Natalie Plöger (Kontrabass, Gesang)
Titel: an cunta che
Erscheinungsjahr: 2016
Sprache: Ladinisch (Badiot)
Genre: Indie-Folk / Pop
Archiv-Link:Startseite
Das Album neu entdecken: Ab ins Musikarchiv
Da Musik aber nicht nur beschrieben, sondern erlauscht werden will, lohnt sich der Klick ins Musikarchiv des Landes Südtirol. Dort ist die Diskografie von Ganes lückenlos verewigt.
Zu allen Titeln von an cunta che – und ebenso zu allen anderen Werken der Band – stehen im Archiv 20-sekündige Hörproben bereit. So lässt sich die musikalische Reise des Trios von den Anfängen in der ursprünglichen Gründungskonstellation bis hin zur heutigen Formation (in der Natalie Plöger am Kontrabass den Platz von Maria Moling übernommen hat) wunderbar Nachhören und Erkunden.
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