Wie geht gute Schule, Frau Lehrerin?
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Jetzt S+ abonnierenLisa Frei: Warum bist du Lehrerin geworden?
Petra Zingerle: Meine älteren Geschwister waren alle im Vinzentinum in Brixen, aber als ich an der Reihe gewesen wäre, wurden dort keine Mädchen mehr aufgenommen. So bin ich eher zufällig in der damaligen Lehrerbildungsanstalt (LBA, Anm. d. Red.) gelandet. Nach dem Abitur ging ich direkt an die Schule zum Unterrichten und war sofort begeistert. Die Vorbereitung auf den Lehrberuf war aber spärlich gewesen und so habe ich nebenbei immer viele Fortbildungen und Kurse besucht. Als ich in Sterzing unterrichtet habe, machte ich nebenbei auch die Montessori-Ausbildung. Danach habe ich an der Montessorischule in Brixen angefangen und bin dort bis zur Pensionierung geblieben. Für mich ist der Lehrberuf eine Berufung. Ich würde es immer wieder tun.
Petra Zingerle - Grundschullehrerin
Ihr Markenzeichen, die wallende rote Lockenmähne, ist etwas gräulich geworden, aber ich erkenne die schlaksige Frau auf dem Fahrrad sofort: Lehrerin Petra. So nannten wir Kinder Petra Zingerle aus Brixen während der fünf Jahre, in denen sie unsere Klassenlehrerin war. An den ersten Schultag erinnere ich mich genauso gut wie an den letzten: Beide Male gab es Tränen – erst aus Unsicherheit, dann aus Trauer über das Ende einer schönen Zeit. Die Sternbach-Schule mit ihren fünf Klassenzimmern befand sich in einem historischen Gebäude aus dem 15. Jahrhundert. Im Lehrerzimmer mittelalterliches Gewölbe und eine geschmiedete Eisentür, in den Klassen Holzdecken und Erker mit Blick auf die Fußgängerzone. Petra erinnert sich gut: „Wie eine kleine Bergschule, nur mitten in der Stadt.“ Fast dreißig Jahre sind vergangen, als wir uns an einem Spätsommer-Nachmittag an der Fakultät für Bildungswissenschaften in Brixen gegenübersitzen.
Was hat dich an der Montessori-Pädagogik fasziniert?
Mich begeisterte die Idee, dass immer versucht wird, vom Kind auszugehen. Es gibt für jedes Kind praktisch einen individuellen Lernplan. Manchmal machen mehrere Kinder das Gleiche, aber es kommt auch vor, dass jedes gerade an einem anderen Thema arbeitet. So kann sehr individuell auf Stärken und Schwächen eingegangen werden und die Kinder können in ihrem Rhythmus arbeiten und sich richtig vertiefen. Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, angefangene Arbeiten abzuschließen. Deshalb dauern diese Blöcke zwei bis drei Stunden. Ein großer Teil des Unterrichts besteht aus dieser Freiarbeit, bei der Kinder unterschiedlicher Altersgruppen individuelle Aufgaben erledigen und Themen erforschen. Wir als Pädagoginnen und Pädagogen sind immer zu zweit in den Klassen und damit so ein Unterricht klappt, ist natürlich die Planung der Unterrichtsstunden umso intensiver. Eine weitere Besonderheit ist der gebundene Unterricht, der sich an alle Kinder richtet und die Inhalte anhand großer Erzählungen vermittelt. Hier geht es auch um die Kompetenz des Zuhörens, die immer wichtiger wird.
„ Ich habe auch immer wieder Kinder erlebt, die mir gesagt haben: ‚Darauf habe ich jetzt keine Lust!‘ Das ist auch eher neu.“
Hast du da Veränderungen bei den Kindern beobachtet?
Ja. Früher haben die Kinder nicht unbedingt mehr gehorcht, aber sie waren insgesamt aufmerksamer, hörten besser zu und waren mehr im Jetzt. In den letzten Jahren an der Schule wurde es teilweise schwieriger, zu ihnen durchzudringen. Ich habe auch immer wieder Kinder erlebt, die mir gesagt haben: „Darauf habe ich jetzt keine Lust!“ Das ist auch eher neu. In der Montessoripädagogik haben sie zwar Auswahlmöglichkeiten, aber gewisse Inhalte sind nicht verhandelbar. Dann muss man halt insistieren.
Wie erklärst du dir diese Entwicklung?
Eine meiner Ausbildnerinnen hat uns immer erklärt, dass in der Entwicklung des Menschen die Entwicklung des Gehirns mit der Entwicklung der Hand konform geht. So ist das auch bei kleinen Kindern: Ihr Gehirn entwickelt sich mit den sensorischen Erfahrungen. Wenn sie basteln, kneten, feinmotorisch arbeiten und Erfahrungen sammeln dürfen, passiert ganz viel im Gehirn. Wenn ihnen diese Erfahrungen verwehrt bleiben und sie mehr vor einem Bildschirm sitzen als selbst Dinge zu erforschen und auszuprobieren, dann bleiben bestimmte Kompetenzen in der Entwicklung zurück. Das versuche ich auch allen Eltern immer mitzugeben. Ich würde die Nutzung digitaler Medien so lange wie möglich hinauszögern.
Wir schauen uns ein altes Klassenfoto an. Petra erinnert sich an alle Namen und ich berichte ihr, was aus meinen ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschülern geworden ist: Arzt, Ingenieurin, Manager, Psychologin, Informatiker, Designerin, Beamte… Obwohl die Fähigkeiten und auch die sozialen Umstände, unter denen wir Kinder aufwuchsen, teils sehr unterschiedlich waren, sind alle ihren Weg gegangen und stehen heute mitten im Leben. Die große Mehrheit hat sogar ein Universitätsstudium absolviert.
In meiner Klasse war das Leistungslevel recht ähnlich, oder? Waren die Klassen früher homogener?
Ich bin nicht sicher, ob sie homogener waren oder ob man sie einfach homogener gemacht hat. Ich erinnere mich an einen besonders guten Mathe-Schüler, der immer gestört hat, bis ich ihm schwierigere Aufgaben gestellt habe. Ein anderer war sehr langsam unterwegs, der hätte heute sehr wahrscheinlich Anrecht auf ein eigenes Programm. Das gab es damals einfach noch nicht. Ein damals noch nicht so akutes Thema war natürlich der Anteil an Kindern, die bei der Einschulung die Unterrichtssprache nicht beherrschen. Diese Kinder brauchen unbedingt mehr Ressourcen und gezielten Sprachunterricht, dann können auch sie sehr weit kommen und gut mithalten.
„Kinder können nicht von 8 bis 13 Uhr stillsitzen.“
Was braucht es, damit Kinder gut lernen können?
Das Wichtigste ist die positive Lernatmosphäre. Kinder müssen sich wohlfühlen, damit sie lernen können. Wenn es Konflikte in der Klasse gibt oder ein Kind keinen Anschluss findet, dann ist es so gestresst, dass es keinen Kopf zum Lernen hat. Auch Über- oder Unterforderung sind kontraproduktiv. Nichts ist schlimmer für ein Kind als Langeweile und Bewegungseinschränkung. Kinder können nicht von 8 bis 13 Uhr stillsitzen. Sie brauchen zwischendurch immer wieder Bewegung und Pausen. Aber das ist mittlerweile eigentlich gängige Praxis. Man muss nicht an einer Montessorischule sein, um kindgerecht zu unterrichten. Es steht und fällt alles mit der Lehrperson. Und es ist natürlich auch wichtig, dass Schule und Eltern an einem Strang ziehen. Die Eltern-Perspektive habe ich durch meine eigenen Kinder selbst erlebt.
Ich erinnere mich, dass Petra jedem Kind irgendwie das Gefühl gegeben hat, etwas Besonderes zu sein. Wie wir so in den Erinnerungsstücken kramen, fällt uns eine Postkarte in die Hände, die sie mir einmal während der Sommerferien geschickt hat. Sie ist überrascht, dass sie das auch schon vor ihrer Zeit an der Montessori-Schule so gemacht hat. Dort bekam jedes Kind einmal im Jahr einen persönlichen Brief von der Lehrperson. In meinem alten Deutschheft entdecken wir dann ein paar Aufkleber und mal mehr oder weniger lachende Äpfel, die Petra unter meine Aufgaben gezeichnet hat. Von derlei Benotungen hält sie heute nichts mehr.
Was macht eine gute Lehrperson aus?
Man muss die Kinder mögen. Ich habe unglaublich viele passionierte Menschen in diesem Beruf erlebt, aber leider auch einige, die ihn nur aus praktischen Gründen gewählt haben. Diese Passion für den Beruf finde ich genauso wichtig wie die gute Ausbildung. Dann ist für mich die Vorbereitung des Unterrichts eine Grundvoraussetzung, die aber durch die ausufernde Bürokratie und die Komplexität im Schulalltag immer öfter zu kurz kommt. Eine gute Lehrperson weckt in den Kindern nicht nur Begeisterung für die Inhalte und Themen, sondern schafft es, dass jedes Kind sich gleichermaßen angenommen fühlt. Kinder haben dafür unglaublich feine Sensoren. Ich erinnere mich an ein Kind, das mir persönlich nicht so sympathisch war. Das kommt auch vor. Eines Tages sagte es zu mir: „Warum magst du mich nicht?“ Das hat mich unglaublich getroffen und ich habe es mir sehr zu Herzen genommen. Das darf nicht passieren.
„Hausaufgaben finde ich, zumindest in der Grundschule, überflüssig. Mit Ausnahme des Lesens vielleicht.“
Was würdest du am Schulsystem ändern, wenn du könntest?
Ich würde die Noten abschaffen. Kinder und Jugendliche haben einen natürlichen Leistungsdrang und wollen von sich aus lernen. Wenn Unterricht so gestaltet wird, dass er dies fördert, dann reicht das meiner Meinung nach aus. Auch Hausaufgaben finde ich, zumindest in der Grundschule, überflüssig. Mit Ausnahme des Lesens vielleicht. Bei der Lehrpersonen-Ausbildung würde ich die Praxiserfahrung an den Anfang der Ausbildung setzen und nicht umgekehrt. Erst nachdem man einige Wochen in einer Klasse miterlebt hat, kann man sich ein klares Bild von dem Beruf machen und sich ganz bewusst dafür oder eben auch dagegen entscheiden. Dann braucht es natürlich mehr Ressourcen für die Schulen: nicht nur für Gehälter, sondern vor allem für mehr gut ausgebildetes Personal und kleinere Klassen.
Was ist das Wichtigste, das Kinder in der Schule lernen?
Das Allerwichtigste ist sicherlich das Lesen. Dann kommen andere Grundkenntnisse und Medienkompetenz. Und auch wenn wir heute alles Wissen der Welt in der Hosentasche mit uns herumtragen, bleibt ein bestimmtes Grundwissen wichtig. Mindestens gleich wichtig ist aber das soziale Lernen: Wie agieren wir im Team? Wie gehen wir mit Konflikten und Krisen um? Ich fand es immer wichtig, die Kinder zu bestärken, auch mit ihren Schwächen gut umzugehen und damit leben zu lernen. Aus Kindern sollten selbstständig denkende und eigenverantwortliche Menschen werden. Dafür muss die Schule ihnen das Werkzeug mitgeben.
Die Zeit mit meiner ehemaligen Lehrerin vergeht unglaublich schnell und wir schwelgen noch eine Weile in gemeinsamen Erinnerungen. Als wir die Fotos und Hefte zusammengeräumt haben und die Uni verlassen, sagt Petra noch einen Satz, der mir nachgeht: „Die Grundschule ist eine ganz besondere Zeit. Die Kinder sind noch unglaublich formbar. Man kann ihre Empathie und Teamfähigkeit stärken oder kleine Denunzianten aus ihnen machen.“
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