Wie ein Hase im Stall
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„Das Stück war eigentlich nicht geplant“, meinte der Intendant der Vereinigten Bühnen Bozen, Rudolf Frey, bei der Premierenfeier des Stücks Die Nacht kurz vor den Wäldern. Der Bühnenmonolog wurde in einer durchaus fesselnden Fassung im Studio des Stadttheaters in Bozen zur Aufführung gebracht.
„Ich spreche mit dir, weil ich niemanden habe, mit dem ich sprechen kann“, sagt der Schauspieler Fynn Engelkes, im Glaskubus, zu einer ausgewählten Person, die zwischen ihm, Scheibe und dem Publikum sitzt. Das Publikum, das über einen dunklen Tunnel zur Aufführung gelangt und sich dort rings um den Bühnenkubus niederlässt, kann unmittelbar nach Beginn die Sogwirkung des genialen Textes miterleben, der knapp ein halbes Jahrhundert alt ist und doch so zeitlos wirkt wie ein frischer Bühnentext aus der Gegenwart.
Die Aufführung im Bozner Stadttheater ist körperlich intensiv. Das Wasser reicht dem Schauspieler bis zum Hals und zum Hosenende.
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Ein Mann biegt um die Ecke: Der immersive Monolog „Die Nacht kurz vor den Wäldern“, 1977 in Avignon uraufgeführt, machte den französischen Autor Bernard-Marie Koltès (1948-1989) zum Shootingstar Neuer Europäischer Dramatik. Foto: Luca GuadagniniDie Nacht kurz vor den Wäldern ist kein klassischer Dialog, sondern ein endloser Redefluss – ein einziger Satz, der sich unaufhörlich weiterzieht. Manchmal kommt einem der Videoclip Rabbit in Your Headlights des Electronic-Duos UNKLE in den Sinn, ein Meilenstein der Musikgeschichte, der Ende der 1990er-Jahre in sämtlichen Musiksendern rauf und runtergespielt wurde.
Die Zuschauerinnen und Zuschauer in Bozen werden, ähnlich wie in Rabbit in Your Headlights, in den Tunnel gezogen. Die von Fynn Engelkes eindrucksvoll dargestellte Figur lässt ihre Gedanken in Echtzeit und barfuß auf- und gegentreten. Zwar spricht die Figur unentwegt jemanden an, doch sie spricht letztlich ins Leere. Radikale Einsamkeit und Obdachlosigkeit stehen im Zentrum des kleinen Raums. Zunächst. Dann weitet sich der monologe Dialog aus. Die Idee einer begleitenden Videoeinspielung in der Inszenierung, funktioniert nicht immer hundertprozentig. Manchmal stört sie sogar. Zu stark sind Schauspielkunst und Ausgangstext, als dass der filmische Zusatz wirklich nötig gewesen wäre. Auch das ursprünglich geplante Herumwandern des Publikums während des Stücks rund um den Kubus entfällt. Das ist gut so. Warum ablenken?
Der Monolog/Dialog erzeugt in der Bozner Fassung enorme Spannung und Dichte. Die Zuschauer bilden (zumindest war es bei der Premiere so) eine astreine Kulisse des Schweigens, der scheinbare, unsichtbare Gegner, der nackte Protagonist bleibt machtlos. Dem Stück gelingt es, fragile Realitäten und soziale Unsichtbarkeit sichtbar zu machen, mit poetischer Wucht zu verbinden und gläsern brüchig auf die Theaterbühne zu beingen. Doch der Ausbruch aus dem Glaswürfel lässt auf sich warten und endet gegen Ende der 80 Minuten in einer unendlichen Umrundung auf der Suche nach dem Ort „wo man bleiben kann, ohne vertrieben zu werden.“
Die Aufführung im Bozner Stadttheater ist körperlich intensiv. Das Wasser reicht dem Schauspieler bis zum Hals und zum Hosenende. Es regnet, und der Schauspieler geht durch die Straßen, ohne irgendwohin zu können. Koltès' zu Papier gebrachte Bewegung ohne Ziel mutiert zu einer erdrückenden, existenziellen Orientierungslosigkeit und lässt an jene Menschen denken, die an manchen Tagen am Stadttheater in Decken gehüllt nächtigen, isoliert mitten in der Stadt.
MöglichkeitsmenschenGemeinsam mit dem Südtiroler Theaterverband stellen sich demnächst 19 theaterliebende Menschen – Laien und Profis aller Altersgruppen – auf die Bühne, um sich als jemand anderes zu sehen.
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